Abschied von einer Institution

Von Ulf Krone.

Ich kenne Alfred Neumann seit zweieinhalb Jahren. Es gehörte mit zu den ersten Aufgaben, die ich für das WIR-Magazin zu erledigen hatte, die Klarsichthüllen mit den thematisch geordneten und mit knappen handschriftlichen Erläuterungen versehenen Bilder bei ihm abzuholen. Dabei traf ich einen liebenswürdigen, mit schelmischem Humor ausgestatteten Mann, dessen profunde Kenntnis der jüngeren Geschichte der Kreisstadt mir zutiefst imponierte. Nun besuche ich ihn wieder, aber dieses Mal ist es anders als sonst. Wir schreiben die 100. Folge von Neumanns Bilderkiste, und es wird die letzte sein, nach mehr als acht Jahren.

Alfred Neumann empfängt mich wie immer gut gelaunt und droht schmunzelnd, dass nach dem Ende der Bilderkiste keiner mehr das WIR-Magazin lesen werde. So weit wird es hoffentlich nicht kommen! Aber tatsächlich genießt die Bilderkiste inzwischen Kultstatus und hat zahlreiche Fans. „Die Beiträge im WIR-Magazin haben mir im Laufe der Jahre viele Gespräche mit Lesern beschert“, berichtet Alfred Neumann. „Sogar im Krankenhaus in Rüsselsheim hat mich einer erkannt und gesagt: Sie sind doch der mit der Bilderkiste.“

Begonnen hatte alles damit, dass der 1936 in Oberschlesien geborene mehr über sein neues Zuhause wissen wollte. „Als wir 1975 nach Groß-Gerau gezogen sind, wollte ich ein bisschen über meinen Wohnort in Erfahrung bringen. Also ging ich auf Flohmärkte und suchte nach Postkarten, die davon erzählten. Heute habe ich mehr als 1.300 Karten, die älteste vom Ende des 19. Jahrhunderts, aber ich kenne auch noch mindestens 80 weitere, die ich nicht besitze. Darüber hinaus befinden sich etwa 8.000 Fotos sowie unzählige Zeitungsartikel und Briefumschläge mit alten Stempeln Groß-Geraus in meiner Sammlung. Die Stücke habe ich auf Flohmärkten in Deutschland, aber auch in Paris gefunden.“ Die Flohmarktbesuche hat er mittlerweile aufgegeben und das Auto dem Enkel geschenkt. Alfred Neumann ist inzwischen 82 und betrachtet seine Sammlung als abgeschlossen. Der Aufwand, noch unbekannte Stücke aufzuspüren, sei inzwischen einfach zu groß.

Es ist ein riesiges Groß-Gerau-Puzzle, das Alfred Neumann in über 40 Jahren Sammelleidenschaft zusammengesetzt hat. Die Sammlung umfasst insgesamt etwa 15.000 Exponate, archiviert in rund 140 Ordnern und akribisch in Listen festgehalten. Denn er hat eine Schwäche für Listen und Zahlen, weiß, wie viele Hemden er im Schrank hat und wie viele Teile bei einem Puzzle noch fehlen. Und mehr Zeit zum Puzzeln ist ein wesentlicher Vorteil, der sich aus dem Abschluss der Sammlung ergab. „Beim Puzzeln schalte ich voll ab“, sagt er und zeigt mir die Strichliste, die er über die bereits zusammengesetzten Teile führt. „Das Puzzeln entspannt mich einfach – wie auch meine Sammlung. Denn ich hatte nie den Plan, alles zu haben, habe mich nie an der Jagd auf dem Flohmarkt beteiligt. Mir ging es um Informationen zu Groß-Gerau.“

Was nun aus der Sammlung werde, frage ich noch. Da schmunzelt er wieder und reibt sich die Hände. „Diese Frage bekomme ich häufiger gestellt. Die Entsorgung läuft zweigleisig: Die Dinge, für die ich Geld bezahlt habe, gehören mir, die, die ich von Groß-Gerauer Bürgern bekommen habe, gehen an das Museum.“ Der Begriff Entsorgung macht mir ein wenig Angst. Bei einem früheren Besuch hatte er gar von vernichten gesprochen, aber vielleicht hatte er mich bloß aufgezogen. Am Ende lächelt er und sagt: „Vielleicht kommt ja mal einer, der das alles haben möchte.“ Ich atme auf. Das klingt besser. Dann verabschieden wir uns, und ich spüre, dass gerade eine Ära beim WIR-Magazin zu Ende geht.

„Nehmen sie sich ein Puzzle mit, ich sortiere gerade aus“, sagt er noch. Ich nehme zwei.

Vielen Dank Alfred Neumann!

 

Foto: Alfred Neumann (m.) mit (v.l.) René Lorenz (Voba), W. Christian Schmitt, Michael Schleidt (beide WIR-Magazin) und Matthias Martiné (Vorstand Volksbank Darmstadt-Südhessen) bei der Vorstellung seines Buches „Neumanns Bilderkiste“, das mit freundlicher Unterstützung der Groß-Gerauer Volksbank vom WIR-Magazin produziert wurde.

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