Das Königstädter Waldhaus

Von Karl-Heinz Pilz

Mit dem Ende des II. Weltkrieges im Mai 1945 atmeten die Menschen auf. Nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren wollten sie wieder das Leben genießen. In den Geschäften wurden ab Juni 1948 fast alle Waren wieder angeboten. Die Ausflugslokale hatten am Wochenende Hochkonjunktur. (Foto: Königstädter Waldhaus 1960, Archiv Heimat- und Museumsverein Nauheim)

Neben Mönchbruch favorisierten die Nauheimer vor allem das „Königstädter Waldhaus“ an der heutigen L 3482. Man ging der Bahnlinie entlang, vorbei am Stellwerk, das in den sechziger Jahren abgerissen wurde (heutige Straße „An den Akazien“) Richtung Bischofsheim. Nach ca. einem Kilometer kam man an einen Bahnübergang der meistens geschlossen war. Man rief zu dem gegenüberliegenden Bahnwärterhaus, das von der Familie Melchior bewohnt wurde, bis jemand kam und die Schranken hoch leierte.

Man überquerte die Bahnschienen und wählte hinter dem Bahnwärterhaus, das inzwischen auch abgerissen wurde, den Weg nach rechts zum Schönauer Hof. Nach zehn Minuten kam man zum „Waldschlösschen“ das von Eva Walther (geborene Schuck) geführt wurde. Bei schönen Wetter konnte man sich bei einem Zwischenstopp, dort unter Kiefern, Kaffee und Kuchen schmecken lassen.
Frau Walther gab das „Waldschlösschen“ 1959 auf, und der Nauheimer Ernst Schreiber übernahm das Gebäude als Wohnhaus für seine Familie. Nach einem weiteren Weg von zehn Minuten kam man ans „Königstädter Waldhaus“. Die Eheleute Göbel aus Königstädten hatten im Jahre 1930 das Waldhaus als kleines Haus errichtet, das Raststätte für Autos und Fuhrwerke sein sollte. Als einziges Rasthaus weit und breit war man im Laufe der Jahre gezwungen, das Anwesen ständig zu vergrößern, da die „Kapitäne der Landstraße“ diese günstige Rastgelegenheit erkannt hatte.

In ganz Deutschland hatte es sich herumgesprochen, dass man dort Tag und Nacht einkehren und auch übernachten konnte. Damals gab es noch wenige Autobahnen und die vorbeiführende R 26 (später B 42, heute L 3482) war eine der meistbefahrenen Straßen in Hessen. Auch der Parkplatz vis-a-vis war groß genug, um einige Lastzüge aufzunehmen. Im rechten Teil des Anwesens, im Erdgeschoss, gab es zwei gemütliche Gaststuben. Die hintere und kleinere Stube, in der der Autor oft mit seinen Freunden Schach spielte, war mit schönem Holzinterieur ausgestattet. Im Mittelteil war ein größerer Saal, in dem Familienfeiern stattfanden, auch auf Grund der guten und geschätzten Küche. Im Erdgeschoss des linken Anbaus befand sich eine Garage.
Im Obergeschoss lagen die Gästezimmer, die durch einen umlaufenden Balkon miteinander verbunden waren. Im Sommer konnte man seinen Kaffee auch in einem angenehmen Ambiente im Garten einnehmen.

Das „Königstädter Waldhaus“ hatte einen so guten Ruf, dass berühmte Schauspieler, Politiker, Künstler und Sportler, die in Rüsselsheim und Umgebung auftraten, in diesem Hotel untergebracht wurden. Der Autor kann sich daran erinnern, dass im Oktober 1957 der bekannte Boxer Peter Müller sein Trainingscamp im „Königstädter Waldhaus“ aufschlug. Der Boxring stand im Saal im Mittelbau und die Jugendlichen konnten ihm beim Sparring zusehen. Es war der gleiche Boxer, der im Jahre 1952, im Kampf gegen Hans Stretz, den Ringrichter Pippow k.o. schlug und ihm einen unrühmlichen Bekanntheitsgrad in Deutschland einbrachte. Die Königstädter Luft schien aber Peter Müller nicht gut bekommen zu sein. Seinen nächsten Kampf, am 18.10.1957, verlor Peter Müller in Hamburg gegen Hans-Werner Wohlers in der ersten Runde durch k.o.

Aber mit den wechselnden Pächtern ging es mit dem „Königstädter Waldhaus“ immer weiter bergab. Am Schluss war dort eine Sauna-Bar untergebracht. Nach der Schließung dieses „Rotlicht-Etablissements“ sieht das Anwesen heute sehr erbärmlich aus und wartet wahrscheinlich auf seinen Abriss.

 

Karl-Heinz Pilz
ist Sportchronist und Mitglied in mehreren Nauheimer Vereinen;
Tel. 06152-6774

 

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