Das Schreckliche nicht vergessen

Von Karl-Heinz Pilz

75 Jahre nach der Berliner Wannseekonferenz 1942 erinnert der Nauheimer Heimatchronist und WIR-Kolumnist Karl-Heinz Pilz an eines der ­düstersten Kapitel der örtlichen Geschichte: „Man muss es immer wieder ansprechen, damit das Schreckliche nicht in Vergessenheit gerät. Denn In einigen Ländern, scheint es, kann man sich schon heute daran überhaupt nicht mehr erinnern“.

Als Adolf Hitler 1933 an die Macht kam, gab es in Nauheim vier jüdische Familien mit insgesamt neunzehn Mitgliedern. Über die Bekämpfung und Ausschaltung politischer Gegner hinaus, richtete sich der Terror des NS-Staates vor allem gegen die jüdische Bevölkerung. Seit Beginn der Herrschaft Hitlers waren Diffamierungen, Isolation und Vertreibung der deutschen Juden ein zentrales Ziel des nationalsozialistischen Deutschlands. Notverordnungen zum „Schutz von Volk und Staat“ wurden erlassen.

Auch Nauheim war nicht ausgenommen. Im Zuge dieser Verordnungen mussten alle jüdischen Mitglieder die deutschen Turnvereine bis zum Deutschen Turnfest am 21.07.1933 in Stuttgart, verlassen haben. Der Nauheimer Textilkaufmann Siegfried Marx, Waldstraße 10, musste seinen geliebten Turnverein TV 88/94, für den er viele Erfolge, vor allem im Sprint, errungen hatte, nun verlassen. Auch den Austritt aus der Freiwilligen Feuerwehr und dem Gesangsverein „Eintracht“ legte man ihm nahe. Er war darüber so entsetzt, dass er seinem Leben am 6. Mai 1933 in der Nähe des jüdischen Friedhofs in Frankfurt ein Ende setzte. Auf diesem Friedhof wurde er auch bestattet. Seine Ehefrau Sophie wurde 1942 nach Izbica/Polen verschleppt und soll dort umgekommen sein. Den drei Kindern gelang die Flucht nach Bolivien bzw. in die USA.

Bereits vor der „Reichskristallnacht“ am 09.November 1938, wurden die Juden massiv bedrängt, ihre Häuser unter Wert zu verkaufen und nach größeren Städten, wie Frankfurt, Mainz oder Darmstadt zu ziehen und in den so genannten „Judenhäusern“ zu leben. Die Hessische Landes-Zeitung vom 10. Mai 1940 meldete, dass Nauheim nun „judenfrei“ sei.
Die Familie Ludwig und Auguste Strauss, Hintergasse 13, hatte sich rechtzeitig um Ausreise-Papiere gekümmert und konnte zusammen mit ihren beiden Kindern in die USA entkommen. Die Schwester von Ludwig Strauss, Ida, starb bereits am 4. April1935 in Nauheim und ist auf dem jüdischen Friedhof in Groß-Gerau beerdigt worden. Schlimmer traf das Schicksal die zweite Schwester Schenni, die am 11. November 1941 mit dem Aussiedlerzug vom Frankfurter Ostbahnhof nach Minsk/Weißrussland deportiert wurde und dort ums Leben kam.

In der Wannseekonferenz am 20. Januar 1942, in Berlin, entschieden dann 15 Männer aus allen Bereichen des NS-Staates unter dem Vorsitz von Reinhard Heydrich, in welcher Form die noch lebenden Juden umgebracht werden sollen und wie dieses Problem logistisch gelöst werden könne.

Das Schicksal der beiden anderen Nauheimer Familien Bernhard und Bertha Marx, Vorderstr. 30 und deren Kinder Margot und Erika, sowie Hugo und Johanna Neumann, Hintergasse 2 liegt eng beieinander. Der Sohn von Neumanns konnte eine Ausreisegenehmigung nach England bekommen und die Tochter durfte in die USA einreisen. Laut einer „Staatspolitischen Verfügung“ mussten sich die Familien Marx und Neumann am 18. März 1942 im Sammellager Darmstadt, Justus-Liebig-Oberrealschule, einfinden. Am 25. März 1942 wurden die Juden zum Darmstädter Güterbahnhof getrieben und von dort ging es mit dem Deportationszug „Da 14“ nach Trawniki/Polen.

Am 27. März 1942 kam der Zug mit 1000 Personen in Trawniki an. Schon die dreitägige Fahrt verlangte von den Juden nicht vorstellbare Strapazen und nun mussten sie noch einen 12 Kilometer langen Fußmarsch in das Ghetto Piaski antreten, wo anormale Lebensverhältnisse herrschten. Am 22. Juni 1942 wurden die Darmstädter Juden wieder in die Waggons getrieben, um die letzte Fahrt zum Vernichtungslager Sobibor anzutreten. Gleich nach der Ankunft trieben die „Hiwis“ der Deutschen, die „Trawniki-Russen“, die armen Menschen mit Peitschen und Hunden aus den Waggons auf die Todesrampe des Lagers, anschließend wurden sie direkt in den Gaskammern getötet.“

Auf einer Gedenktafel, die in der Nähe der alten jüdischen Gebetsstätte, Hintergasse 2, angebracht wurde, steht auch der Name von Fanny May, die in Nauheim, Hintergasse 25, am 2. November 1864 geboren wurde und nach Gräfenhausen heiratete. Sie wurde am 18. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und ist dort am 3. September 1942 mit 78 Jahren verstorben. Von den 15.500 Juden aus Hessen, die deportiert wurden, überlebten nur 500 Personen.

 

Karl-Heinz Pilz ist Sportchronist und Mitglied in mehreren Nauheimer Vereinen;
museum-nauheim@web.de

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