Die extrem kurze Zeit der Seligkeit

Von Ralf Schwob.

Buchempfehlung: Zehn Erzählungen und ein Hörspiel des Darmstädter Journalisten PH Gruner.

Für einen extrem kurzen Moment sind sie wirklich alle selig, die Protagonisten in Paul-Hermann Gruners Erzählungen. Was danach kommt, erspart uns der Autor manchmal und manchmal nicht, etwa in der Geschichte „Piper nigrum“, in der ein kleines Missgeschick am Ende zum Tod des sonst so sorgsam planenden Abel führt. Überhaupt steht am Ende dieser Erzählzungen oft der Tod, die absolute Entgrenzung, die Selbstauflösung. In diesem Sinne löst PH Gruner das Diktum Hemingways ein, nach dem alle Geschichten mit dem Tod enden und ein guter Erzähler dies niemals verschweigen dürfe. Damit enden allerdings schon die Parallelen zu Ernest Hemingway, denn Gruners elaborierter Stil ist meilenweit entfernt von der doch eher kargen Sprache des US-Amerikaners.

Es sind Geschichten, die alltäglich beginnen. Es kommt zu einer kleinen Störung im Ablauf des normalen Geschehens, kaum dass es bemerkenswert wäre, eine zweite und dritte Abnormität schleicht sich ein, und langsam aber unaufhaltsam schlittert der Mensch in eine bizarre Welt, in der eine verquere Traumlogik, in vielen Fällen die Logik des Alptraums, die Oberhand gewinnt. In „Linie 19“ weicht die Straßenbahn vom gewohnten Kurs ab, die gewohnte Umgebung entlang der Gleise verschwindet, der Kontakt zur Leitstelle bricht ab, und während dem Ich-Erzähler so langsam die gewohnte Welt abhandenkommt, fragt sich der Leser, ob es wirklich die Welt ist, die sich da auflöst oder am Ende doch der Erzähler selbst.

So geht es in den meisten der hier versammelten Erzählungen, am Ende ist etwas passiert und anders als am Anfang, man weiß nur nicht immer genau was. Dieses Prinzip unterläuft Gruner jedoch in seinen Kindheits- und Jugendstücken, die den Kosmos der juvenilen Kränkungen, Unsicherheiten und Demütigungen einfangen, etwa in den Erzählungen „Conni und Lingus“ und „Wasser und Bier“. Dennoch haben alle Geschichten ein leicht kafkaeskes Moment, vor allem wenn in „Ein Abgrund an Hoffnung“ der Ich-Erzähler gleich ein Kater ist, der den Verlust seines buschigen Schwanzes beklagt, im Krankenhaus als Mensch wahrgenommen wird und sich am Ende in den Traum flüchtet, ein Wurm zu sein.

Dies alles erzählt PH Gruner gekonnt unterhaltsam. Der Autor beherrscht die leisen Töne der Ironie genauso wie die brachiale Groteske, und der Leser verliert sich gern in der Sprache und den Bildern dieser kurzen Seligkeit. Wenn er in seinem Hörspiel „Tessiner Telefonat“ am Ende des Bandes den Luganer See trockenlegt und dafür den Lago Maggiore über die Ufer treten lässt, tut er dies mit einer derart bestechenden Logik, dass man dem armen überschwemmten Italiener Luigi zusammen mit seinem Schweizer Freund Carlo zurufen möchte: „Schwimm raus! Schwimm um dein Leben!“

 

PH Gruner: Die extrem kurze Zeit der Seligkeit
Zehn Kurzgeschichten und ein Hörspiel.

Hrsg. von der Gesellschaft hessischer Literaturfreunde. Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2018.
167 Seiten. Paperback. 15,80 EUR. ISBN 978-3-87390-405-7.

 


Ralf Schwob
ist Autor aus Groß-Gerau, Jurymitglied der Buchmesse im Ried und Mitglied des Kulturstammtisches;
ralfschwob@gmx.de

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