Die Glocke vom alten Rathaus

Von Klaus Drodt.

Bei unseren Vorfahren war es üblich, die täglichen Stunden mit einer Glocke anzukündigen. Dies geschah üblicherweise mit den Kirchenglocken oder mit der Kirchturmuhr, welche die jeweilige Stunde mit Glockenschlägen anzeigte. Wenn es in einem Ort keine Kirche gab, aber ein Rathaus, war dort eine Glocke im Turm vorhanden, welche dieses übernahm.

Dieser alte Brauch war für die Einwohner sehr wichtig, denn Armband- oder Taschenuhren waren teuer und sehr selten, und diese wurden nicht zur Feldarbeit mitgenommen. Nur durch die Glockenschläge konnten sich die Leute danach richten, welche Uhrzeit es gerade war. Wenn die Turmuhr oder die Rathausglocke Elf geschlagen hatte, war es für die Bauern auf dem Acker notwendig, bald nach Hause zu fahren, um das Mittagsessen einzunehmen. Die Glocken läuteten aber auch noch zu unterschiedlichsten Zeiten, so am Morgen und am Abend je nach den Jahreszeiten, aber auch bei Gefahr und Unwetter. In Dornberg befand sich im Türmchen auf dem alten Rathaus ursprünglich eine kleine Glocke, welche 1903 durch eine neue ersetzt wurde. Diese läutete täglich bis zur Eingemeindung 1939 von Dornberg nach Groß-Gerau. Die Glocke hat die Inschrift:

ANDREAS HAMM SOHN IN ­FRANKENTHAL GOSS MICH IM ­JAHRE 1903

Anfang 1945 wurde die Glocke durch mutige Dornberger aus dem Turm entfernt und in Sicherheit gebracht. Sonst wäre diese – wie so viele andere Glocken – dem Krieg zum Opfer gefallen. Sehr wahrscheinlich wurde die Glocke direkt nach Kriegsende wieder an ihrem alten Platz angebracht.

Warum wurden Glocken im Krieg beschlagnahmt? Deutschland war arm an Buntmetallen wie Kupfer und Zinn. Eine Legierung aus diesen beiden Metallen ergibt Bronze und damit werden Glocken gegossen. Durch den Krieg kam es zu einem erheblichen Mangel an diesen beiden kriegswichtigen Stoffen. Deshalb wurden ab 1940 Glocken zwangsweise eingezogen und in speziellen Betrieben eingeschmolzen, um Kupfer und Zinn zu gewinnen. Im letzten Weltkrieg sind über 90.000 Glocken beschlagnahmt worden und etwa 75.000 davon wurden eingeschmolzen. Viele der noch erhaltenen 15.000 Glocken waren aber nach dem Krieg nicht wieder nutzbar, da sie beim Abbau beschädigt wurden. Die Glocken wurden einfach auf den Boden geworfen, und das führte zu Haarrissen und anderen Beschädigungen, der ursprünglich Klang ging verloren.

Bis zum Abriss vom Dornberger Rathaus im November 1959 hing die Glocke im Turm. Seitdem befindet sich diese im Turm der Trauerhalle auf dem Groß-Gerauer Friedhof in der Klein-Gerauer-Straße und hat nun die ehrenvolle Aufgabe, als Totenglocke die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Bei einem Besuch im Stadtarchiv von Frankenthal habe ich versucht, in alten Unterlagen über die Firma Hamm Daten über die Glocke zu finden. Leider sind praktisch alle Dokumente der Firma nach der Schließung 1960 verlorengegangen, so auch die über die Dornberger Glocke.


Klaus Drodt
beschäftigt sich mit Dornbergs Geschichte;
k.drodt@gmx.de

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