Empört Euch – endlich!

Von Ulf Krone.

Stéphane Hessel, der große französische Résistance-Kämpfer, der als junger Mann das Konzentrationslager Buchenwald überlebte, nach dem Krieg Büroleiter des UN-Vize-Generalsekretärs Henri Laugier war und in dieser Funktion an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission mitarbeitete, veröffentlichte 2010 sein Essay „Indignez-vous!“, das ein Jahr später auch auf Deutsch unter dem Titel „Empört Euch!“ erschien. Darin ruft der 2013 verstorbene Diplomat, Autor und politische Aktivist noch einmal die Grundsätze der Résistance ins Gedächtnis, die auf ein System der sozialen Sicherheit abzielen.

Es ging um eine würdige Existenz für jeden, auch für jene, denen dies nicht durch eigene Arbeit möglich ist, denn „das Gemeinwohl sollte über dem Interesse des Einzelnen stehen, die gerechte Verteilung des in der Arbeitswelt geschaffenen Wohlstandes über der Macht des Geldes“*, so Hessel. Eine echte Demokratie zu errichten, war das Ziel – in Frankreich wie auch in Deutschland. Dafür braucht es eine freie Presse, umfassende Bildung für alle, Gleichberechtigung und vor allem den Willen zur Beseitigung von Ungerechtigkeiten. „Empört Euch“, ruft Hessel uns allen zu und meint dabei, uns über eine „internationale Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden“*, zu empören. Damit erteilt er der „Diktatur der Sachzwänge“, wie sie auch im Faschismus zur Kontrolle der Bevölkerung genutzt wurde, eine klare Absage.

„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“

„Man wagt uns zu sagen, der Staat könne die Kosten dieser sozialen Errungenschaften nicht mehr tragen. Aber wie kann heute das Geld dafür fehlen, da doch der Wohlstand so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag? Doch nur deshalb, weil die Macht des Geldes […] niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch war wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates.“* Dieser Satz könnte kaum aktueller sein in Zeiten, da geschönte Arbeitslosenstatistiken annähernde Vollbeschäftigung vorgaukeln, Hartz-IV-Empfänger von Politikern in aller Öffentlichkeit stigmatisiert und verurteilt werden, während Automobilkonzerne im großen Stil ihre Kunden betrügen und Banken wegen spekulativer Risikogeschäfte mit Steuermilliarden gerettet werden müssen. Doch wo bleibt die Empörung? Die hat sich leider andere Ziele gesucht und richtet sich heute gegen Ausländer, fremde Kulturen und Religionen, Andersdenkende, Homosexuelle, den Feminismus. Denn diese (zumeist) Minderheiten sind ein leichtes Ziel in einer komplexen, nicht einfach zu verstehenden Welt. Aber mit Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus werden die gesellschaftlichen Verwerfungen und die ökonomischen Ungerechtigkeiten nicht beseitigt – im Gegenteil. Wir wiederholen die schlimmsten Fehler der deutschen Vergangenheit.

Stéphane Hessel schließt sein Essay mit einem Aufruf zu „einem wirklichen, friedlichen Aufstand gegen die Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur, den allgemeinen Gedächtnisschwund und die maßlose Konkurrenz aller gegen alle“*. Dieser Aufruf war nie aktueller und nötiger als heute!

*aus: Empört Euch! Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 2011.

 

Ulf Krone
ist Redakteur beim WIR-Magazin und studierter Philosoph;
ulf.krone@wir-in-gg.de

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