Er wollte „nur“ Journalist werden

Von Rainer Beutel.

W. Christian Schmitt (74), seit mehr als 18 Jahren Herausgeber des monatlich erscheinenden „WIR-Magazin fürs Gerauer Land“, feiert am 1. August das 40-jährige Bestehen seiner einst in Dortmund gegründeten Redaktionsstube. WIR-Redakteur Rainer Beutel nahm den runden Geburtstag zum Anlass, ihn in seinen Groß-Gerauer Arbeitsräumen zu besuchen.

Eine außergewöhnliche Chance: WIR-Herausgeber W. Christian Schmitt gibt Gelegenheit, seine Redaktionsstube (und ihn) näher kennenzulernen. Nach wenigen Minuten zeichnet sich ab, was zwei Stunden später unverkennbar ist: Sein journalistisches Werk ist kaum zu fassen. Möglicherweise vermag er das ausschließlich selbst. Und dabei wollte er doch nur Journalist werden. Talent, Vielfalt, eine lockere Schreibe, unternehmerisches Geschick, Gespür für das Besondere, ein Näschen für die exklusive Story – all das und mehr vereint sich in einer Person. Wie begann es damals, was ging der Redaktionsstube voraus? Schmitt zeigt ein Auftragsbuch und verrät einen Wesenszug: Er liebt die Genauigkeit. In der Kladde ist im Jahr 1978, also vor vier Jahrzehnten, sein erster honorierter Beitrag als Freier Journalist vermerkt; seinerzeit für den WDR. In sorgfältiger Liste sind unzählige Artikel protokolliert, die er publiziert hat. Genauer geht’s nicht.

Erlernt hat er den Beruf des Werkzeugmachers. Seine späteren journalistischen „Werkstücke“ dokumentieren die beispiellose Bandbreite einer bis heute ungebremsten Schaffenskraft. Die Vielfalt muss notwendigerweise minutiös notiert werden, um überhaupt kontrollierbar zu sein. Wo ist wann was erschienen, wie wurde es honoriert? Schmitt kann das exakt nachvollziehen. Obwohl er gleichsam ein super Gedächtnis zu haben scheint. Schon als Unterprimaner habe er in Groß-Gerau für läppische zwölf Pfennig für die Heimat-Zeitung getextet, erinnert er sich spontan.

Seine weiteren Stationen? Zunächst bleibt er in unserer Region. Er nennt das Rüsselsheimer und das Darmstädter Echo, seine prägende Zeit als Volontär im Feuilleton in Darmstadt, wo er sich auf das Fachgebiet Literatur spezialisiert, „weil Theater besetzt war und ich von Musik keine Ahnung hatte“. Diese Phase ebnet ihm erstmals den Zugang zu etlichen Autoren.Den Sprung in die Kulturredaktion der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bereut er keineswegs, obwohl dieser ihn aus Groß-Gerau wegführt. Mit „ganz anderen finanziellen Möglichkeiten als beim Echo“ bereist er fortan die Republik, besorgt sich eigenständig Themen, ist Gast bei renommierten Schriftstellern wie bei hoffnungsvollen Neulingen der Branche, knüpft deutschlandweit Kontakte und gewinnt an Einfluss. Schmitt kann danach wählen, ob er anschließend zu Bertelsmann oder zum Buchreport nach Dortmund geht. Letzteres zieht er dem größten deutschen Medienhaus vor, „weil ich dort erste Wahl war“. Vier Jahre füllt er ein wöchentliches Magazin. Arbeitszeiten von 9 bis 23 Uhr sind normal. „Das ging an die Substanz“, resümiert er. Doch dann die Zäsur: „Das schaffst Du nicht mehr.“ Er beschließt den Schritt in die Selbständigkeit (die ihm nebenbei das Glück beschert, seine zwei kleinen Töchter nicht nur abends zu sehen).

„Es war eine richtige Entscheidung“, bilanziert er. Nun ist er darauf angewiesen, möglichst viele interessante Geschichten zu recherchieren und für einen breiten Kreis von Abnehmern aufzubereiten. All seine Kontakte und das breite Insiderwissen kommen ihm zugute: Wer ist wann wo zu erreichen, was gibt es von einem Erzähler Neues? Und, vor allem, mit welchem Dreh wird daraus eine pointierte Story?

Für Schmitt ist dies alltäglich, quasi Handwerk und Kunst zugleich. Seine Geschichten werden ihm aus den Händen gerissen, nicht von einem, sondern gleich mehreren Verlagen. Er reist durch Deutschland, trifft Autoren, Verleger und Buchhändler, pflegt gewachsene Verbindungen (wie zu Bertelsmann), ist bei Buchpräsentationen in Lissabon ebenso akkreditiert wie in Mailand und Amsterdam. Plötzlich der Ruf in die Chefredaktion des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel. „Das war die Nummer 1“, schwärmt Schmitt, der sich während des Intermezzos doch wieder entschließt, als fester Freier beim Börsenblatt auszusteigen. „Womit“, wie er bemerkt, „die kreativste Phase der Redaktionsstube begann“.

Fortan sucht und setzt er seine Themen selbst. Bringt irgendwo ein Autor ein neues Werk heraus? Schmitt greift ihn sich und macht (s)eine Geschichte. Allein in dieser Zeit entstehen 250 sogenannte Vor-Ort-Interviews. Etwa mit Reinhard Mohn, dem Chef von Bertelsmann – „in eiskalter Atmosphäre“, wie er noch weiß, als ob es gestern gewesen wäre. Schmitt erinnert sich an zunächst „widerwillige Antworten“, aber im gleichen Atemzug an den Moment, „als Mohn mich gar nicht mehr gehen lassen wollte“. Die Liste unzähliger Abnehmer reicht vom Lokalblatt bis zu angesehenen Printmedien wie dem Stern, vom WDR und Südwestfunk bis zu Exoten, darunter der Playboy und linke Kampfblätter. Mal eben Günter Grass zum Interview nach Reichelsheim holen? Gelingt ihm vor seiner Zeit als WIR-Herausgeber beinahe spielend. Zwischendurch ein Treffen mit dem großen Henri Nannen? Bitteschön, für Schmitt kein Problem, auch wenn er seinerzeit zum verabredeten Mittagessen zu spät erscheint. „Nannen saß schon bei der Suppe“, sagt er verschmitzt und stimmt zu: Vielleicht war der Dialog mit dem Stern-Herausgeber sein erstes „Tischgespräch“.

Schmitt nennt reihenweise solche Höhepunkte, plaudert charmant darüber, zeigt Devotionalien, blättert in selbst verfassten Büchern, öffnet in der Redaktionsstube Schubladen voller Kassetten mit Interviewaufzeichnungen und präsentiert stolz ein meterlanges WIR-Archiv voller Ordner. – Unterm Strich wahrlich ein unfassbares Werk. Dabei wollte er nur Journalist werden. Doch wenn er sich nun vornimmt, all das künftig in seinen Erinnerungen auf gewohnt unterhaltsame Weise zu komprimieren, dürften vermutlich Leser in ganz Deutschland gespannt darauf warten, was er noch alles zu erzählen hat.

 

Zur Person: W. Christian Schmitt, u.a. ehemaliger geschäftsführender Redakteur und Blattmacher des Dortmunder „Buchreport“ sowie Mitglied der Chefredaktion des Frankfurter „Börsenblatts“, hat in weit mehr als 6.000 Artikeln (für mehr als drei Dutzend Zeitungen und Rundfunkanstalten) über Buchmarkt- und Literaturhemen berichtet. Zudem hat er 14 Bücher veröffentlicht (u.a. in Verlagen wie C. Bertelsmann, Econ, Langen-Müller, Delphin, Heyne, Ullstein-TB und Bastei-Lübbe), als Kulturmoderator gewirkt und Veranstaltungsreihen wie u.a. „Dichterlesungen in der Kreisstadt“, die Reichelsheimer Märchen- und Sagentage, einen MundARTWettbewerb für die Kreissparkasse kreiert sowie Kultur- und Literaturstammtische organisiert. Zu seinem 75. Geburtstag im kommenden Jahr ist unter dem Titel „In der Aula der Erinnerungen“ (Arbeitstitel) die Bilanz seines fast 50-jährigen Journalisten-Lebens angekündigt.

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