Es kann passieren, dass man dazulernt

Rainer Beutel im Gespräch mit Markus Dobstadt.

Bei der Kreisvolkshochschule ist Markus Dobstadt kein Unbekannter. Er übernahm bereits Kurse im autobiografischen Schreiben, in Pressearbeit für ehrenamtlich Tätige und bei der Mitarbeit einer Schreibwerkstatt für Jugendliche. Seit Januar leitet er den Debattierclub als Nachfolger von Heinz Neidhardt. Dem WIR-Magazin schildert er in einem Interview, wie er seine neue Aufgabe angeht und welche Vorstellungen er für Menschen entwickelt, die eine konstruktive Streitkultur schätzen und pflegen.

Herr Dobstadt, Sie leiten nun den Debattierclub der VHS in Groß-Gerau. Wie kommt es zu dieser Zusammenarbeit? Sie sind ja weder „Gerer“, noch leben Sie in unserem Kreis, was natürlich keine Voraussetzung sein muss, um erfolgreich zu debattieren.

Markus Dobstadt: Ich war für die VHS Groß-Gerau schon öfter tätig und habe einige Kurse gegeben, etwa im Autobiografischen Schreiben. Über die Anfrage, ob ich den Debattierclub leiten möchte, habe ich mich gefreut.

Ihrem Vorgänger, Heinz Neidhardt, ist es in 50 Veranstaltungen des Debattierclubs immer wieder gelungen, anspruchsvolle und auch kontroverse Themen anzubieten. Über das Alltagsgeschehen hinaus: Gibt es eigentlich noch Themen, über die Menschen konstruktiv streiten wollen? Oder wird heutzutage lieber im Internet gemeckert?

Markus Dobstadt: Ich denke, es ist ganz etwas anderes, mit Menschen in einem Raum über ein Thema zu diskutieren, als alleine zu Hause zu sitzen und Botschaften an die Internetgemeinde zu schicken. Die Debatte vor Ort ist viel intensiver, man ist mit Haut und Haaren dabei, sie ist ein Erlebnis. Es kann auch passieren, dass man dazulernt und seine Meinung korrigieren muss. Das kommt im Internet eher selten vor. Aber klar, Veranstaltungen wie den Debattierclub gibt es nicht häufig, im Internet kann man jederzeit chatten.

Nennen Sie uns doch bitte beispielhaft ein Thema, das Ihnen sozusagen aktuell unter den Nägeln brennt und das Sie im Lauf dieses Jahres gerne aufgreifen würden?

Markus Dobstadt: Gleich beim nächsten Debattierclub am 15. März geht es um die Frage, ob Politik heute machtlos geworden ist und große Konzerne oder einfach Sachzwänge politische Entscheidungen bestimmen. Das finde ich ein brennend aktuelles Thema. Wenn Politiker nicht mehr die Weichen stellen können, dann können sie auch nicht die Interessen ihrer Wähler vertreten, dann gerät die Demokratie ins Wanken. Aber es soll beim Debattierclub nicht nur um Politik gehen. Spannend fände ich auch, darüber zu debattieren, warum die Abkehr von Gewohnheiten uns so schwer fällt oder wie das Internet unser Leben verändert.

Wie interpretieren Sie den Debattierclub: Sind die Diskussionen dieser Runde reiner Selbstzweck oder erkennen Sie Chancen, Inhalte auch nach außen zu transportieren und etwas zu bewegen? Wenn ja, wie könnte das gelingen?

Markus Dobstadt: Im Debattierclub tauschen wir uns über die unterschiedlichsten Themen aus. Wir schärfen unseren Blick für gesellschaftliche Entwicklungen. Er ist quasi eine Bildungsveranstaltung, aus der jeder ein bisschen anders herausgeht, als er hineingekommen ist. Und jeder kann seine Erkenntnisse vielleicht wieder in andere Kreise tragen, in denen er sich bewegt. In sofern kann die Debatte schon nach außen wirken.

Wie ist es mit Ihnen selbst: Betrachten Sie sich eher als vermittelnder Moderator, oder werden Sie künftig munter mitdiskutieren?

Markus Dobstadt: Ich betrachte mich als Moderator und halte mich eher zurück. Aber meine Meinung werde ich sicher auch mal sagen.

Werden Sie versuchen, über die Themenauswahl gezielt jüngere Menschen anzulocken, oder ist das heutzutage nahezu aussichtslos?

Markus Dobstadt: Die Themenauswahl überlasse ich den Teilnehmern. Aber ich freue mich, wenn wir damit auch Jüngere ansprechen. Das eine oder andere Thema wird sie vielleicht interessieren. Jugendliche diskutieren untereinander schon viel, warum nicht auch mal mit Älteren?

Wie kann es generell gelingen, Menschen für den Einsatz einer gesunden Streitkultur zu begeistern?

Markus Dobstadt: Indem man Themen aufgreift, die sie persönlich betreffen und ihnen unter den Nägeln brennen.

 

Zur Person: Markus Dobstadt, geb. in Bonn, ist 52 Jahre, lebt in Frankfurt und arbeitet als freiberuflicher Journalist. Nach dem Studium von Slawistik und Germanistik in Bonn, Marburg und Prag schloss er ein Volontariat bei der Gelnhäuser Neuen Zeitung an und wurde dann Redakteur bei der Frankfurter Rundschau. Derzeit hat er freiberufliche Tätigkeiten für die Zeitschrift Publik-Forum und das Gemeinschaftswerk der evang. Publizistik übernommen.

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