Gedenken an Rotraud Pöllmann

Von Peter Brunner.

Der Förderverein Büchnerhaus hat auf seiner Jahreshauptversammlung einen neuen Vorstand gewählt. Dabei übernahm Bürgermeister Marcus Kretschmann (v.r. mit Mario Derra) von seinem Amts- und Vereins-Vorgänger Werner Amend den Vorsitz des Vereins. Damit ist auch der seit Vereinsgründung 1996 dritte Riedstädter Bürgermeister gleichzeitig Vorsitzender des Fördervereins und bekennt sich so zu der wichtigen Rolle, die das Andenken an Georg Büchner für die Büchnerstadt Riedstadt hat.

Im Anschluss wurde an die verstorbene langjährige Leiterin des Büchnerhauses, Rotraud Pöllmann, erinnert. Zahlreiche Freunde und Weggefährten hatten sich versammelt und hörten persönliche Erinnerungen und literarische Beiträge unter anderen der drei Bürgermeister und des Vorsitzenden der Georg-Büchner-Gesellschaft. Dabei wurde auch die Bronze-Plakette vorgestellt, die der Gernsheimer Künstler und langjährige Freund des Büchnerhauses, Mario Derra, im Auftrag des Fördervereins gestaltet hat. Derra griff ein Motiv auf, das für Rotraud Pöllmann stets von besonderer Bedeutung war: Ein Märchen aus Büchners „Woyzeck“.

„GROSSMUTTER: Es war einmal ein arm Kind und hat kein Vater und kein Mutter war Alles tot und war Niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sterne kam, warn’s klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt und wie’s wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich’s hingesetzt und gerrt und da sitzt’ es noch und ist ganz allein.“
Büchner hat die Geschichte erfunden – und wie stets in seinen Werken eine Unzahl von Bezügen „montiert“. Es ist das Motiv des Sterntaler-Mädchens, das wir wiedererkennen, die Suche nach Sonne und Mond aus den „Sieben Raben“ und das weit gewanderte, allein gelassene Kind aus dem „singenden, springenden Löweneckerchen“. Die entsetzliche, ausweglose Leere, die aus dem Text schreit, ist die Verlassenheit des Opfers Woyzeck: „…und ist ganz allein“.

Derra hat ein Bukett von welken Sonnenblumen gestaltet, und er hat eine ganz besondere typographische Leistung darin untergebracht: die Kerne der Sonnenblume sind die Buchstaben des Büchnertextes, durch den Guß nur noch zum Teil lesbar, aber ein wunderbarer Hinweis für alle, die ihren Büchner so kennen, wie Rotraut Pöllmann das tat.

 

Peter Brunner
ist hauptamtlicher Leiter des Riedstädter ­Museums Büchnerhaus;
post@entwicklungundkultur.de

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