Home-Office für den Landrat?

Von W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, unmittelbar am jeweiligen Geschehen mit dabei zu sein. Diesmal hat uns Landrat Thomas Will in sein Haus nach Bischofsheim eingeladen.

Diesmal wird es etwas schwierig(er), all das an Standpunkten, Sichtweisen, Überzeugungen, Fakten und Zitierbarem von unserem mehr als zweistündigen Tischgespräch in nur einer einzigen Reportage unterzubringen. Wo diese neuerliche Begegnung mit unserem Landrat doch Stoff für mindestens drei Berichte dieser Art hätte liefern können. Ähnlich dürfte es Werner Wabnitz ergangen sein, der mit seiner Video-Kamera das Gesprochene festhielt, also quasi dokumentierte – und daraus für unsere WIR-Freunde einen nur gut Fünf-Minuten-Video-Clip zu fertigen hatte.

Gleich nach Eintritt in die gute Stube sagt Thomas Will zur Begrüßung: „Ich freue mich auf spannende Fragen und einen entspannten Abend in Bischofsheim“. An uns soll es nicht liegen, denke ich mir, wobei es ja doch mehr auf „spannende Antworten“ ankommt. Das Themenfeld ist breit gefächert. Wir können über Land und Leute reden, über die besondere Rolle eines Landrats, über seine Nähe zu den Bürgern, über die Aufgaben des Kreistags, natürlich auch über die Kreisklinik, die Kreisvolkshochschule, die Kreisschulden. Nicht aussparen wollen wir den Privatmann Will, also auch den Fahrradfahrer, der schon bis zum Kreml und dem Nordkap geradelt ist und im kommenden Jahr schon mal „die Azoren“ als Ziel nennt.

Doch zunächst serviert uns der Landrat eine feine Selleriesuppe, die „ganz abenteuerlich“ aussehe, aber genau das Richtige zur Einstimmung zu sein scheint. Wir erleben Thomas Will am heimischen Herd kochend und brutzelnd: denn ab und zu ist er auch in der Küche aktiv („zu besonderen Anlässen wie Geburtstags- oder Weihnachtsfeiern im kleinen Kreis“), dann steht ihm seine Ehefrau als Beiköchin zur Seite. „Delegieren Sie auch im Landratsamt“, frage ich. „Ich bin auch als Verwaltungschef eher ein Teamplayer als ein Einzelkämpfer“, sagt er.

Im Landratsamt ist er für etwa 740 Mitarbeiter der Chef – und wenn man z.B. Job-Center, KVHS u.a. Bereiche hinzuzähle gar für „weit über 1.000“. Die kennt er „nicht alle mit Namen und Gesicht“, aber natürlich jene Mitarbeiter der ersten (also die 15 Abteilungsleiter) und „der zweiten Ebene“. Dazu noch, sagt er, „jene, die aufgrund der Tätigkeit nach außen wirken, mit denen ich z.B. gemeinsam auf Veranstaltungen bin“. Thomas Will lächelt. Jenseits der üblichen Interview-Routine gewinnen seine Antworten nun offenbar an Brisanz. Irgendwie kommen wir auf das Thema „Digitalisierung“ zu sprechen, das zunehmend Politiker wie Medienleute zu beschäftigen scheint, und Will sagt: „Die öffentliche Verwaltung wird sich in den nächsten Jahren grundlegend ändern“. „Für die Bürger, für die Mitarbeiter“, frage ich nach. Am Beispiel „Autozulassung“ will er es mir erklären. Wie das heute ablaufe, wisse ich ja. Künftig werde es kein Besorgen der Kfz-Schilder im Landratsamt mehr geben, sagt er. „Sie werden das alles zuhause an Ihrem PC online verrichten“. Wie, frage ich. Das laufe dann alles ab, wie heute schon bei der Sparkasse, sagt Will, also Dateneingabe und –abgleich. Anschließend Erhalt eines Codes und „das Kfz-Schild können Sie dann an Ihrem 3D-Drucker selbst ausdrucken“. Das werde doch heute schon so praktiziert, wenn man eine Konzert- oder Fußballkarte im Internet bestelle, fügt er an. „Als Bürger werde ich also gebeten, nein gezwungen, mich digital auf diese Verfahrensweise einzulassen?, gebe ich zu bedenken. Und: werden nicht „ältere Menschen“ zu den „Verlierern der Digitalisierung“ zählen? Es werde Übergangsfristen geben, beruhigt mich der Landrat. Politik müsse bei diesem Thema genau darauf achten, dass „die weniger gebildeten Menschen nicht ins Abseits gedrängt werden“. Das klingt zumindest für mich nach Entwarnung. Das Frage-Antwort-Spiel geht weiter. Schließlich: Einig sind wir uns wohl, dass einhergehend mit der Digitalisierung „es einen Verlust an Sprache geben“ werde. Doch „diesen Wandel müssen wir ertragen“. Wohl oder übel?

Just zu diesem Zeitpunkt, da wir uns einem „heißen Thema“ nähern, zieht es den Landrats-Amtschef kurz zurück an den Herd, wo Lammfilets in der Pfanne auf ihre weitere Zubereitung warten. Nachdem er das Hauptgericht serviert hat, sprechen wir über (s)eine besondere Leidenschaft – das Radfahren. „Es ist mehr als ein Hobby“, sagt er, „es macht Spaß und irgendwann wird man auch süchtig danach“.
Wie all das auf die Reihe oder besser in dieser Reportage unterzubringen, was Thomas Will noch von sich gibt. Versuchen wir es im Stenogramm-Stil, also zunächst mit dem Aneinanderreihen von Zitaten: „Ich bin ein Mensch, der soziale Bezüge braucht“; „Das Thema Home-office wird in den nächsten Jahren noch zunehmen“; „Ich habe eine wertkonservative Grundeinstellung“; „Seit drei Jahren haben wir einen ausgeglichenen Kreishaushalt“; „Ein Landrat darf nicht Büttel der Bürgermeister sein“; „Dem Landeswohlfahrtsverband zahlen wir derzeit jährlich eine Umlage von annähernd 50 Mio. Euro“; „Die Kreisklinik hat keine Schulden“ etc.

Ist es ein Grundproblem des Kreises, frage ich ihn, dass „dieser im Grunde in einen Nord-, einen Mittel- und einen Südkreis zerfällt?“. Wie lassen sich für einen Landrat diese recht unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnisse unter einen Hut bringen, hätte ich gerne von Thomas Will gewusst. „Der Kreis ist so etwas wie eine Perlenkette“, sagt er, „an der sich 14 Perlen, sprich Städte und Gemeinden befinden“. Und er fügt an: „Dennoch fühle ich mich für alle Menschen im Kreis verantwortlich, auch emotional“

Dann sprechen wir über „Bürgernähe“. Thomas Will beginnt mit dem Satz: „Der Bekanntheitsgrad eines Landrats liegt bei 40 Prozent“. Wenn das stimmt, was ich bezweifele, dann wäre zu fragen: Woran liegt das? Aber auch bei anderen Fragen hakt Will ein: „Ich bitte um Klarheit“. Was wohl nichts anderes bedeutet wie: Meine Frage sei nicht eindeutig gestellt.
Bevor wir uns dem Ende unseres lebhaften Gedankenaustauschs nähern, gibt es noch eine Nachspeise – Reispudding. Der lässt keinen Wunsch offen. Herr Landrat, sage ich und formuliere meine Schlussfrage: „Wie gehen Sie mit Kritik um? Kritik an Ihrer Arbeit, aber auch an Ihrer Person?“. Thomas Will weicht nicht aus, sondern sagt: „Natürlich wird man liebe gelobt. Aber Kritik gehört zur Bewusstseinserweiterung mit dazu“. Punkt.

Längst nicht alle Themen ließen sich ansprechen. Aber wir könnten es ja bei einem weiteren Tischgespräch versuchen, sagt Will, vielleicht nach der nächsten Landratswahl, die wohl Ende 2021 anstehe. Mit einem kräftigen Händedruck verabschieden wir uns aus Bischofsheim.

Zur Person: Thomas Will (SPD) wurde 1959 geboren und absolvierte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zum Verwaltungs-Fachangestellten im Landratsamt Groß-Gerau. Anschließend war er von 1979 bis 1983 beim Regierungspräsidium in Darmstadt, von 1983 bis 1993 bei der Stadt Rüsselsheim tätig, hier zuletzt als Leiter des Fachbereichs Bildung und des Schulverwaltungsamtes. 2003 wurde er zum Ersten Kreisbeigeordneten, 2010 in Direktwahl zum Landrat des Kreises Groß-Gerau gewählt und trat dieses Amt am 1. Juni 2010 an. Am 6. Dezember 2015 wurde er erneut in seinem Amt für weitere sechs Jahre bestätigt. Thomas Will war von 1985 bis 2003 Mitglied der Gemeindevertretung Bischofsheim und von 1993 bis 2003 Mitglied des Kreistags. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Zu seinen Hobbys gehören ausgedehnte Radtouren durch Europa, Skifahren und das Laufen; außerdem ist er bekennender Fan des FC Schalke 04.

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