König Fußball

Britta Röder, Karl-Heinz Pilz

„Zwischen den Zeilen“ widmet sich Britta Röder dem Gemeinschaftsgefühl, das während einer WM entsteht. Karl-Heinz Pilz nimmt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zum Anlass, um an die WM in Deutschland 1974 (Foto) zu erinnern.

 

Das Warten hat ein Ende

Fast fünf Wochen lang vereint König Fußball unter seinem Banner, was die Ligen der Länder meist eher missgünstig teilen. Mit Zauberkraft wirkt das runde Leder aufs Gemeinschaftsgefühl. Wir alle sind auf einmal der zwölfte Mann, egal ob Mann oder Frau oder Kind. Public Viewing ist der unumstrittene TV-Trend. Gemeinsam wird geschaut, gebangt, angefeuert und hoffentlich auch gejubelt. Es wird getrunken und gefeiert, diskutiert und debattiert. Irgendwie sind alle etwas aufgedrehter als sonst. Flatternde Deutschlandfähnchen zieren Autos, aus offenen Fenstern weht es Schwarz-Rot-Gold. Im Supermarkt gibt es WM-Wurst und WM-Chips und WM-Bier zu kaufen. Man sammelt WM-Sticker und hortet WM-Punkte. Aus dem Radio schallt es wieder „Waka-Waka“, und jeder neue Sommerhit wird auf seine Eignung zum neuen WM-Hit geprüft. Tipp-Gemeinschaften bilden sich. Man trägt Fußballtrikot, in der Schule ebenso wie auf der Arbeit. Die komplette Freizeitplanung wird feldstabsplanmäßig um den aktuellen WM-Spielplan herum drapiert, ach was, der Spielplan ist die Freizeitplanung.
Gefühlt der halbe Planet teilt sich auf einmal das gleiche TV-Programm. Neue Stars werden geboren, neue Sympathien entdeckt. Nationen, von denen man vorher kaum wusste, welchen Flecken auf unserem Globus sie berühren, schreiben auf einmal Geschichte.
Auch für die, die diesem Spektakel nichts abgewinnen können, liegen die Vorteile klar auf der Hand. Im stillen Windschatten der weltweiten Euphorie ergattert man auf einmal ohne Reservierung den besten Tisch im Restaurant oder kommt ohne Warteschlange ins Kino.
So ein bisschen ist das Ganze wie große Ferien für alle. Ein kleiner wohliger Ausnahmezustand im großen Getriebe des alltäglichen Wahnsinns. Und so ein bisschen ist das auch wie großes Kino. Das Singen von Hymnen geschieht aus rein sportlichen Motiven. Die Nationen messen ihre Kräfte nach klaren Regeln. Rote und gelbe Karten sind Sanktionen genug, um den Frieden zu wahren. Fairness und Fairplay sind eine anerkannte Währung. Man könnte sich fast wünschen, dass es immer so wäre.


Britta Röder
ist Romanautorin aus Riedstadt und Mitglied des Kulturstammtischs Groß-Gerau;
britta-roeder@gmx.de

 

Die Fußballweltmeisterschaft 1974

Bei der ersten Fußballweltmeisterschaft auf deutschen Boden vergab der DFB das Eröffnungsspiel von Weltmeister Brasilien gegen Jugoslawien, am Fronleichnamstag, den 13. Juni 1974, nach Frankfurt. Sehr früh hatten sich meine Freunde und ich um die Eintrittskarten für 60 Mark auf der Gegengerade, Block 25, Reihe 33, für dieses Spiel gekümmert.
Es waren ca. 40 Personen, die sich an diesem Donnerstag mit dem Fahrrad von Nauheim, Rüsselsheim und Groß-Gerau in Bewegung setzten, obwohl das Wetter nicht das Beste war. Im Wald am Gundweg, Ecke Eichenhorstschneise, hatten Freunde einen Verpflegungsstand, mit fränkischen Bier- und Wurstsorten, aufgebaut, und der vorbeikommende Förster bedauerte die Aufbauenden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass man an dieser Stelle und bei diesem Wetter etwas verkaufen würde. Als er eine Stunde später wieder vorbeikam, war er erstaunt, wie viel Radler sich hier eingefunden hatten.
Danach ging es weiter durch den Wald über das Forsthaus Gundhof und Zeppelinheim ins Frankfurter Stadion. Mit der WM-Fanfare begann die Eröffnungsfeier, die zwei Stunden dauerte. Wo man hinsah, man sah viel Prominenz aus Politik und Sport.
Aus 16 Bällen stiegen 16 Folkloregruppen der teilnehmenden Länder. Beifall brandete auf, als der Weltmeister Pele aus Brasilien und Uwe Seeler den Rasen betraten und den alten und neuen Weltpokal austauschten.
Um 17 Uhr wurde von Schiedsrichter Scheurer, Schweiz, das Spiel der Gruppe II Brasilien – Jugoslawien angepfiffen. Vor 62.000 Zuschauer lief ein äußerst enttäuschendes Spiel ab. Die Brasilianer konnten ihre große technische Überlegenheit nicht ausnutzen und die Jugoslawen boten mit ihrem Breitwandfußball eine Einschläferungstaktik. Die meisten Zuschauer waren sich nach dem 0:0 einig, dass der Weltmeister seinen Titel so nicht verteidigen konnte. Auch der Star Revelino konnte als Pele-Nachfolger nicht überzeugen. Die Zuschauer hatten sich nicht getäuscht. Zu guter Letzt gewann Deutschland den WM-Pokal mit einem 2:1 gegen unsere niederländischen Nachbarn.


Karl-Heinz Pilz
ist Sportchronist und Mitglied in mehreren Nauheimer Vereinen;
Tel. 06152-6774

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