Kultur vor Ort seit fast 30 Jahren

Von W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, unmittelbar am jeweiligen Geschehen mit dabei zu sein. Diesmal hat uns Jürgen Volkmann (r.), Leiter des Groß-Gerauer Stadtmuseums, der im Februar seinen 60. Geburtstag feiern kann, eingeladen.

Jürgen Volkmann hat zwei „Wohnzimmer“. Ein privates, in das er uns einlud, und ein berufliches, das Stadtmuseum, den wohl wichtigsten kulturellen Mittelpunkt in der Kreisstadt. Gut, das Stadtmuseum kennen wir bereits aus vielen Vorort-Gesprächen, aus Veranstaltungen, Vernissagen, Konzerten, Diskussionsrunden, Museumsfrühstücken, Neujahrsempfängen – und auch aus Zusammenkünften des Kulturstammtischs, der dort quasi Heimrecht genießt.

Aber wie sieht es privat aus bei dem Kulturmanager Jürgen Volkmann, der gleichermaßen Kultur zu vermitteln wie zu bewahren versteht? Was erzählt er uns (was wir noch nicht wissen) über sich und seine Definition von Museumsarbeit? Wie schafft es ein aus dem Norden Deutschlands (aufgewachsen am Rande der Lüneburger Heide) Zugezogener, sich mit Groß-Geraus Geschichte so zu identifizieren, dass selbst Einheimische immer wieder ins Staunen geraten? Volkmann, der 2019 sein 30jähriges Jubiläums als Museumsleiter feiern kann, ist auch schon vor diesem WIR-Tischgespräch ein Glücksfall für die Kreisstadt

Fast schon selbstverständlich, dass es – hier Auf Esch, dem Gebiet einer ehemaligen römischen Siedlung – zunächst einen Begrüßungstrunk „nach römischer Art“ gibt. Dann schauen wir uns um in Volkmanns Heimstatt. Was wir registrieren, erfreut jeden Kunst- und Kulturfreund: Gemälde, Stiche, Bücher über Bücher, wobei die Bandbreite reicht von Kunst- und Zeitgeschichte über Musikliteratur, Archäologie, Biographien bis zu Werken, die sich mit dem Thema Rennrad beschäftigen, einem der Hobbies des Museumsleiters.

Jürgen, sage ich, „wie definierst Du Museum heute?“. Früher, als Museum als Fremdwort Eingang in die deutsche Sprache fand, verstand man darunter ja zunächst nur „Studierzimmer“. Volkmann: „Museum ist kulturelle Überlieferung. Von der höheren Kunst, Malerei, Musik, Dichtung bis hin zur Alltagskultur. Das, was Menschen auf unterschiedlichen Ebenen geschaffen, was sie voneinander gelernt, was sie weiterentwickelt haben“. Also alles, „was zum menschlichen Dasein gehört“ – und an künftige Generationen weiterzugeben ist. Und Volkmann macht dies mit einem, dem dänischen Philosophen und Theologen Soren Kierkegaard zugeschriebenen Satz deutlich: „Das Leben wird vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden“. Zur Stärkung zwischen den Gesprächspausen gibt es Deftig-Hessisches (vom Handkäs bis zur Hausmacher Worscht), dem sich unser Kameramann Werner Wabnitz ebenso wie ich selbst nicht verschließen.

Museen sind heute ein maßgeblicher Teil unserer Gesellschaft, sie spielten und spielen nach wie vor eine wichtige Rolle bei der Demokratisierung unserer Gesellschaft. So sieht er es, der vor seinem Studium einmal zwei Jahre als Kompaniechef bei der Bundeswehr diente und als Oberleutnant der Reserve ausschied. Aber auch nach dem Barras war für ihn zunächst nicht klar, was er beruflich anstreben sollte: Schiffsbau-Ingenieur? Oder Bundesbahn-Beamter? Denn, dass er einmal Museumsleiter werden würde, war „ganz und gar nicht klar“. Doch dann studierte er Geographie in Marburg, „weil ich mich schon immer für die Landschaft, wie alles entstanden ist und zusammenhängt interessiert habe“ – und schließlich Volkskunde und Museologie. Eine richtige Entscheidung, wie sich herausstellte, als er zunächst am Hessischen Landesmuseum in Darmstadt seine erste Herausforderung fand.

Doch nun, seit fast 30 Jahren, ist er fester Bestandteil der kreisstädtischen Kultur. „Ich fühle mich hier ungeheuer wohl“, sagt er, ohne Einschränkung. Problematisieren anstelle von Ideologisieren, darum gehe es in Sachen Kultur, sagt Jürgen Volkmann. Und auch hier kann man ihm nur zustimmen. Wenn er eine Art Zwischenbilanz seiner Gerauer Jahre ziehen sollte, dann kann er darauf verweisen, dass „Offenheit und Breite des kulturellen Angebots“ sein Markenzeichen waren und sind. Er ist ein Museumsmann zum Anfassen. Einer, der das Gespräch sucht, keiner, der doziert.

Nach mehr als zwei Stunden intensiven Gedankenaustauschs gibt er uns noch den nachdenkenswerten Satz mit auf den Heimweg: „Wir haben die Pflicht, zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu bieten, Fragen an die Geschichte zu stellen“. Auch und vielleicht gerade hier bei uns im Gerauer Land.

 

Zur Person: Jürgen Volkmann, geboren 1958 in Waffensen, Niedersachsen. Abitur in Rotenburg/Wümme und anschließend Zeitsoldat bei der Bundeswehr und Oberleutnant der Reserve. Studium der Volkskunde, Geographie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Philipps-Universität Marburg. Magister-Abschluss mit einer Arbeit zur Agrarromantik im 19. Jahrhundert. 1987 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Hessischen Museumsverband mit Sitz im Landesmuseum Darmstadt tätig, seit 1989 Museumsleiter am Groß-Gerauer Stadtmuseum. Lebt mit seiner Frau Katrin in Groß-Gerau, die Kinder Paul und Clara studieren in München und Erfurt.

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