Neue Strukturen und offene Herzen

Von Ulf Krone.

Nach der Fusion der Stadtkirchengemeinde und der Nordgemeinde hat sich einiges geändert in der Kreisstadt. Die Gebäude der ehemaligen Nordkirche wurden vermietet, Pfarrstellen neu aufgeteilt und die Aufgaben hinsichtlich der Kirchenmusik neu geordnet. Darüber hinaus sind mit dem Flüchtlingsstrom und den daraus erwachsenden Vorbehalten in der Bevölkerung neue gesellschaftliche Herausforderungen entstanden. WIR-Redakteur Ulf Krone hat bei den Pfarrern Helmut Bernhard und Michael Scherer-Faller nachgefragt.

In der evangelischen Kirche in der Kreisstadt, aber auch im Dekanat Groß-Gerau/Rüsselsheim, hat sich viel getan – strukturell und personell. Geben Sie unseren Lesern bitte einmal einen Überblick über die Umstrukturierungen und Neuerungen der vergangenen Zeit.

Helmut Bernhard: „Suchet der Stadt Bestes“ (Jeremia 29,7) ist die Aufgabe, die Kirchengemeinden, Pfarrern und Kirchenvorständen gegeben ist. Da die Gemeindemitgliederzahlen der Nordgemeinde kontinuierlich sanken, hat sie sich wieder mit der Muttergemeinde „Stadtkirche“ vereint. Die halbe Pfarrstelle ist jetzt ein Gewinn für die evangelische Stadtkirchengemeinde.
Während der Fusionsgespräche haben wir eine exzellente Lösung für die Gebäude der ehemaligen Nordkirche gefunden. Diese waren aus finanziellen Gründen nicht mehr für eine Gemeinde zu halten. Pfarrhaus, Gemeindezentrum und Kirche wurden an das Diakonische Werk vermietet. Das Kreuz vom Altar der Nordkirche wird im neuen Amtszimmer seinen Platz finden. Auch Teile des Taufbeckens sind symbolisch in dem neuen Kunstwerk am Gemeindehaus integriert. Die Orgel der Nordkirche wurde verkauft und mit deren Geld eine kleine transportable Truhenorgel in die evangelische Stadtkirchengemeinde mitgebracht. Im Rahmen der Umstrukturierung des Dekanats erhielt die „neue“ evangelische Stadtkirchengemeinde eine halbe Kirchenmusikerstelle, und die weitere halbe Dekanatsmusikerstelle ist auch hier angebunden. Wir rechnen damit, dass es mit der Zeit noch weitere Zusammenlegungen im Dekanat und in Groß-Gerau geben wird.

Was bedeuten diese Veränderungen konkret für Ihre Arbeit in der Stadtkirchengemeinde?

Michael Scherer-Faller: Unter dem Motto: „Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel“ (nach Matthäus 5,15) leuchtet die „neue“ Stadtkirchengemeinde in die Stadt: Die kirchenmusikalische Arbeit an der Stadtkirchengemeinde ist verstärkt worden, sie wird auf die Region ausstrahlen. Konzerte, exemplarische Musikgottesdienste, Teilnahme an regelmäßigen Musikgruppen und Workshops finden hier statt. Ein neuer Musikflyer, der in der Stadtkirche ausliegt, informiert darüber. Der Gottesdienstbesuch ist durch die „Nordkirchengemeindler“ verstärkt worden. Wir sind in den letzten beiden Jahren zusammengewachsen. Davon zeugen nicht nur der Gottesdienst, sondern auch Seniorennachmittage, ein gemeinsamer Besuchsdienstkreis, der Konfirmandenunterricht, die Musikgruppen, das Gemeindefest und der Stadtkirchenbote.
Durch die 1,5 Pfarrstellen wird die Arbeit unter uns Pfarrern aufgeteilt, und es bleibt mehr Zeit für die Entwicklung von besonderen Gottesdiensten und Veranstaltungen. Auch die gegenseitige Vertretung im Urlaubs- und Krankheitsfall ist damit bestens gelöst. Ein neuer Amtsraum am Gemeindehaus für die halbe Pfarrstelle ist in Planung und soll im Sommer 2019 fertiggestellt sein.
Der Kirchenvorstand ist größer und vielfältiger geworden, weil mehr Kirchenvorsteher/Innen mehr Begabungen einbringen. Während des nächsten Kirchenvorstandswochenendes im Herbst wird der Kirchenvorstand als neuen Schwerpunkt ein Konzept zur Diakonischen Arbeit der Gemeinde entwickeln.

Wir leben in einer Zeit wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Krisen. Auch in Deutschland drängen vermehrt fremden- und frauenfeindliche, homophobe und antisemitische Meinungen in die Öffentlichkeit. Wie stellt sich Ihnen die Lage in Ihrer täglichen Arbeit in der Gemeinde dar, und wie reagiert die Stadtkirchengemeinde auf diese gesellschaftliche Entwicklung?

Helmut Bernhard: Mit dem biblischen Wort: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; durch sie haben einige ohne es zu ahnen, Engel beherbergt“ (Hebräer 13,2). Viele Flüchtlinge, hauptsächlich aus dem Iran, haben eine neue „christliche Heimat“ in unserer Stadtkirche gefunden. So haben sich z. B. viele junge Männer in unserer Gemeinde taufen lassen, besuchen regelmäßig unsere Gottesdienste und nehmen an einem wöchentlichen „Konfirmanden- oder Glaubensunterricht“ teil, den sie sich selbst gewünscht haben. Sie sind sehr hilfsbereit, wenn es um Hilfe und Arbeit in der Gemeinde geht. Wir versuchen, sie so weit wie möglich in unsere Gemeinde einzubinden, damit sie eine Heimat in unserer Gemeinde haben.
Unser Gemeindehaus ist wie die „offene Kirche“ ein Haus der Begegnung, in dem sich Konfirmanden und Senioren treffen, die Musikgruppen finden sich zu Proben zusammen, hier finden Kindergottesdienst und Deutschunterricht für Flüchtlinge statt, und junge Eltern tauschen sich in Krabbelgruppen aus. In beiden kirchlichen Gebäuden, die darüber hinaus zu vielen kulturellen Veranstaltungen wie z.B. Künstlerlesungen oder Konzerten genutzt werden, spiegelt sich so die Struktur der evangelischen Stadtkirchengemeinde wider, in der es sozial Benachteiligte neben gut Situierten gibt, in der das seelsorgerliche Gespräch nötig und möglich ist und in der gemeinsame Zeit von all diesen verschiedenen Menschen mit viel Freude verbracht wird.

www.stadtkirche.gross-gerau-evangelisch.de

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