Privatsphäre endet vor der Tür

Von Rainer Beutel.

Der 45 Jahre alte Treburer Bürgermeister Carsten Sittmann steht nicht mehr für eine weitere Amtszeit zur Verfügung. Seit 2013 leitet er die Verwaltung, Neuwahlen sind im kommenden Jahr. Gegenüber dem WIR-Magazin begründet das Gemeindeoberhaupt seine Entscheidung, auf eine weitere Amtszeit zu verzichten.

Herr Sittmann, Sie verzichten auf die Kandidatur für eine weitere Amtsperiode und haben dies mit dem Wunsch verbunden, künftig mehr Zeit mit Ihrer Familie verbringen zu können. Erklären Sie unseren Lesern doch bitte, wie groß die Entbehrungen in der Vergangenheit waren.

Carsten Sittmann: Mein Arbeitstag beginnt gegen 8 Uhr und endet mehrfach wöchentlich meist zwischen 21 und 23 Uhr. Hinzu kommen die Verpflichtungen an den Wochenenden. Auch außerhalb der Dienstzeit ist man als Bürgermeister immer Ansprechpartner für verschiedene Belange. Ob beim privaten Einkauf oder dem Besuch eines Festes. Beim Verlassen des privaten Wohnsitzes endet die Privatsphäre. Auch dann, wenn man mit der Familie unterwegs ist und man gerne privat sein möchte. Mir ist aber selbstverständlich bewusst, dass diejenigen, die mich ansprechen, ein wichtiges Anliegen haben.

Inwiefern hat sich Ihr Einsatz für Trebur trotz der privaten Entbehrungen dennoch gelohnt?

Carsten Sittmann: Zugunsten von Perspektiven im Sinne von umzusetzenden Projekten und Maßnahmen war und bin ich bereit, private Entbehrungen in Kauf zu nehmen. Folgende Punkte in meiner bisherigen Amtszeit möchte ich besonders erwähnen, in denen ich Impulse setzen konnte und zu deren Erfolg ich beigetragen habe: Haushaltsausgleich 2018, Gründung Wirtschaftsberatung Trebur (WBT) als ehrenamtliches Netzwerk für Wirtschaftsförderung, Breitbandversorgung in Zusammenarbeit mit der WBT, perspektivische Flächenanmeldung von Wohn-, Gewerbe- und Mischgebieten im Landesentwicklungsplan, Bebauungsplan ehemaliges Mitsubishi-Gelände, Bebauungsplan ALDI-Markt, Übergabe der Wertstoffhöfe an einen kommunalen Dienstleister, Verlegung der Bücherei in Astheim ins Bürgerhaus, Weiterführung und Vollzug des Projektes „Neubau Kindergarten Tannenweg“, Einrichtung eines Wochenmarktes im Ortsteil Trebur, das bundesländerübergreifende Fest am Kornsand und in Nierstein („Kornsandfest“), IKZ-Ausbildungsverbund mit Ginsheim-Gustavsburg, Verschwisterung mit Jimbolia, Organisatorische Umstrukturierungen in der Verwaltung, durch Vorlage von fachlichen Stellungnahmen mehr Transparenz gegenüber den gemeindlichen Gremien.

Was gab letztlich den Ausschlag, nicht mehr antreten zu wollen?

Carsten Sittmann: Die Entscheidung, nicht mehr für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, war unter anderem von folgendem Sachverhalt getragen: Bedingt durch den gesetzlich vorgeschriebenen Haushaltsausgleich 2018 und aller weiteren Folgejahre, ist der finanzielle Handlungsspielraumes in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Die Budgets der einzelnen Teilbereiche im Haushalt wurden zum Teil über ein Mindestmaß hinaus reduziert und die Deckungsfähigkeit einzelner Produkte durch Beschluss der Gemeindevertretung aufgehoben. Einige Budgets sind auch bei sparsamster Haushaltsführung bereits im Spätsommer/Herbst aufgebraucht, und zum Teil sind auch für notwendigste Sanierungen keine Mittel mehr im Haushalt eingestellt. Nach meiner Einschätzung wird sich daran in den nächsten fünf Jahren nichts ändern, da wir auch in den Folgejahren nur noch Haushalte genehmigt bekommen, die ausgeglichen sind. Dies hat zur Folge, dass Sanierungsstaus noch größer werden und Gestaltungsspielräume künftig noch geringer ausfallen. Der Preis, private Entbehrungen für ein reines Verwalten ohne Gestaltungsmöglichkeiten hinzunehmen, ist verhältnismäßig hoch.

Was sind die wichtigsten zwei, drei Aufgaben für Ihren Nachfolger oder eine Nachfolgerin?

Carsten Sittmann: Zunächst den Haushaltsausgleich zu halten und dennoch die Qualität der Verwaltung zu gewährleisten. Zu einem späteren Zeitpunkt wieder neue Handlungsspielräume nutzen, um die Gemeinde zukunftsfähig zu gestalten.

Und welche Chancen sehen Sie nun, Ihr als Bürgermeister erworbenes Wissen und all die Erfahrungen demnächst beruflich zu nutzen?

Carsten Sittmann: Während meiner Amtszeit habe ich neben neuem Fachwissen eine große Menschenkenntnis erworben. Alles das betrachte ich als enormen Gewinn, der zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen hat und mich auch hat wachsen lassen.

Aufgezeichnet von Rainer Beutel

 

Foto (oben): Beifall für Carsten Sittmann (m.) beim Kornsandfest: Die rheinübergreifende Veranstaltung
mit Nierstein im vergangenen Jahr gehört zu den Höhepunkten seiner Amtszeit.

Zur Person: Bürgermeister Carsten Sittmann ist Dipl.-Verwaltungswirt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist in Raunheim aufgewachsen und wohnt seit 2003 in Trebur. Von 1990 bis 1999 war er bei der Stadt Rüsselsheim (Ausbildung, Studium Verwaltungsfachhochschule, Sachbearbeiter Stadtkasse) beschäftigt. 2000 bis 2013 leitete er in Idstein die Stadtkasse, später war er stellvertretender Leiter des Rechts- und Ordnungsamtes. In die CDU trat er 1996 ein, von 2000 bis 2003 war er Stadtverordneter in Raunheim, von 2001 bis 2003 dort auch Fraktionschef, von 2006 bis 2013 Gemeindevertreter in Trebur, von 2009 bis 2013 Vorsitzender des CDU-Gemeindeverbands Trebur.

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