Rotraud Pöllmann lebt nicht mehr

Von Peter Brunner.

Das Geburtshaus Georg Büchners in Riedstadt-Goddelau ist der Anker- und Knotenpunkt im Büchnerland, von hier aus und hierher zurück führen alle Verbindungen, die mit Georg Büchner, seinem Leben, seiner Zeit und seiner Familie verbunden sind. Das Fachwerkhaus, in dem der Vater Ernst Büchner beim Schultheißen ein Zimmer mietete und unter dessen bescheidenem Dach der große Dichter 1813 geboren wurde, ist seit 1997 Museum.

Dem rührigen Förderverein stand eine Ortsfremde zur Seite: Rotraud Pöllmann, die für die Deutsche Bibliothek in Frankfurt arbeitete, übernahm eine zentrale Funktion in den Aktivitäten zur Errichtung des Museums. Sie erarbeitete sich profundes Wissen, knüpfte ein Netzwerk von Kennern und Unterstützern, scheute keine Tätigkeit und wurde in kürzester Zeit unersetzlich. Ob es um das Reinigen der Dachrinnen oder den Empfang von Büchnerpreisträgern, um die Zusammenstellung einer Einladungsliste oder das Kassieren von Eintrittsgeldern ging, ob Freunde als Referenten zugunsten des Fördervereins geworben wurden oder Drittklässler in Heimatkunde über ihren großen Mitbürger informiert wurden – auf ihre bescheidene und zurückhaltende Art hat Rotraud Pöllmann alles gemeistert, was sich als nötig erwies. Sie lebte in und mit der Museumsinstallation, die ihr zahlreiche Anregungen verdankt, und die sehr besondere Art der Besucherbetreuung, die das Büchnerhaus bis heute betreibt, hat sie begründet und stets aktuell gehalten. Wenn die Annäherung an Büchners Leben und Werk für alle Besucher*innen heute mit einem Gespräch am „Familientisch“ des Museums beginnt, wenn die Form, in der Gäste empfangen und durchs Haus begleitet werden, außergewöhnlich und unvergesslich ist, wenn es für Riedstädter selbstverständlich ist, ihren Gästen stolz das Büchnerhaus zu zeigen – dann hat für all das Rotraud Pöllmann die Grundlagen geschaffen.

Egal, ob die Besucher*innen viel oder wenig über Büchner und seine Zeit wussten, egal, ob sie mit viel oder wenig Zeit nach Goddelau kamen, ob sie Büchner lesen mussten oder durften – Rotraud Pöllmann fand einen Anknüpfungspunkt, der deutlich machte, was dieser früh verstorbene Dichter und sein unsterbliches Werk gerade ihnen zu sagen hatte.
Bei ihrem groß gefeierten siebzigsten Geburtstag 2016 hat sie erklärt, sie wolle sich zurückziehen, und Anfang 2017 habe ich die Museumsleitung von ihr übernommen. Eine Menge Fragen konnte sie mir beantworten. Das tägliche „wo ist denn?“ „wie geht denn?“ „wer hat denn?“ hat sie geduldig ertragen und freundlich beantwortet. Gerne und unkompliziert hat sie Vertretungen übernommen, und natürlich hat sie bei keiner Veranstaltung gefehlt. Noch zum Weihnachtsmarkt im Dezember 2017 hat sie mit großem Aufwand den Bücherflohmarkt vorbereitet und durchgeführt. Kurz danach ist sie schwer erkrankt und am 29. Januar im Krankenhaus verstorben.

Dem Büchnerhaus ist ein Fundamentstein verlorengegangen, der sich nicht ersetzen lassen wird.


Peter Brunner
ist hauptamtlicher Leiter des Riedstädter Museums Büchnerhaus;
post@entwicklungundkultur.de

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