Sind schon Vereins-Fusionen Thema?

Von W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, unmittelbar am jeweiligen Geschehen mit dabei zu sein. Diesmal hat uns Walter Endner, Vorsitzender des TV 1846 Groß-Gerau, eingeladen.

Vorweg: Er ist die 100 Meter nicht unter elf Sekunden gelaufen und nicht über sieben Meter weit gesprungen. Muss er auch nicht. Seine Sportart ist eher Golf, wo er auf ein Handicap 27 verweisen kann. Die Rede ist von Walter Endner, der dem TV 1846 Groß-Gerau seit 2009 vorsteht (siehe auch unser Interview in WIR Nr. 222), wo unter dem Vereinsdach 20 Sportbereiche (u.a. auch Leichtathletik) Platz finden. „Ich habe einige der Sportarten schon mal probiert“, sagt er, etwas „nur für meine Knochen und Gelenke gesucht“, aber „ich bin nirgendwo aktiv dabei“ (geblieben), obwohl der TV hier tolle Möglichkeiten bietet. Bei dem Sportangebot, das von Basketball über Handball, Tischtennis, Schwimmen usw. bis hin zu Ballett oder Jazz-Tanz reicht, bliebe ohnehin die Qual der Wahl.

Doch beginnen wir mit unserem 25. Tisch-Gespräch diesmal in Endners Küche. Dort schauen wir ihm über die Schulter. Drei Kochtöpfe stehen auf dem Herd, in einem sprudelt das kochende Wasser. Walter Endner hat sich zwei dicke Kochhandschuhe übergestreift. Es kann losgehen. An der Abzugshaube klebt ein Zettel, auf dem ist – von der Ehefrau notiert – festgehalten, wie er vorzugehen habe. Es gibt Krauttopf mit Kartoffeln. Davor eine Kürbiscremesuppe und am Schluss unseres Tischgesprächs – doch dazu später mehr.

Zunächst klingen die Gläser zur (nochmaligen) Begrüßung: „Zum Wohl also“. Zum Essen wird dann „ein Grau-Burgunder“ eingeschenkt, wie uns der Gastgeber erklärt. Wir sind eingeladen und angekommen in einem „Haus mit Tradition“. Hier wurde einst die Gerauer AOK gegründet und Endners Urgroßvater zum ersten Geschäftsführer gekürt. Früher gab es hier zudem eine Schneiderei, eine Scherenschleiferei, eine Mietwaschküche, eine Mineralwasserfabrikation und ab 1957 eine Heißmangel, die auch heute noch ab und an in Betrieb ist.

Wo sind wir eigentlich? Wir schauen uns etwas genauer um. Hier der Kachelofen, dort die Pendeluhr an der Wand. Ein Blick aufs Medien-Angebot. Bücher, Bücher, Bücher. Harry Potter steht da im Regal, daneben, drunter und drüber sechs Bände „Das Wissen des 20. Jahrhunderts“, „Rätselhafte Phänomene“, aber auch „Asterix erobert Rom“, „Warum Männer nicht zuhören“ und der „Golf-Führer 17/18“. Dann nehmen wir Platz auf der gepolsterten Eckbank. Die Suppe wird gereicht, und ich frage schon mal nach der derzeitigen Mitgliederzahl des TV 1846 und ob er denn der größte Verein der Kreisstadt sei. Nein, das sei er nicht, sagt Endner. Platz eins gebühre der SG Dornheim, doch mit Blau-Gelb sei man „mit rund 1.550 Mitgliedern“ wohl etwa gleichauf.
Ich erinnere mich an meine schon bald 60 Jahre zurückliegende Mitgliedschaft im Turnverein, an die Leichtathletik-Zeit des nicht vergessenen Karl Harasek, der damals die 100 Meter unter elf Sekunden lief und über sieben Meter weit sprang, und schlage den Bogen zu heutigen Gerauer Leichtathletik-Größen bzw. Talenten. Walter Endner ist sichtlich stolz auf die Erfolge (auch) dieser Abteilung. Man blicke sogar – wenn auch noch etwas vorsichtig – in Richtung „Olympia 2020“. Und er nennt Namen, die in regelmäßigem Abstand auch auf den Sportseiten der Lokalpresse genannt werden.

Dann sprechen wir über die wirtschaftliche Seite sowie die Zukunft des Turnvereins, der 2021 sein 175jähriges Bestehen feiern kann. Und ich frage weiter: Wie war das noch mit dem Verkauf der Jahnhalle und dem Erlös? Das Geld wurde „gebunkert“, meint Endner, und man konnte über Jahre hin mit den Zinsen den Geschäftsbetrieb des Vereins unterstützen. Doch seit die Zinseinnahmen dramatisch gesunken seien, müsse man umdenken.

Apropos umdenken oder besser: weiterdenken. Was kommt auf Vereine generell zu, wenn einerseits die Zahl der Ehrenamtlichen weiter abnimmt und andererseits die Ansprüche der Mitglieder (bei möglichst gleichbleibendem Jahresbeitrag) weiter wachsen? Ab einem gewissen Punkt, einer bestimmten Größenordnung, so der Vorsitzende Endner, werden manche Vereine in der Zukunft eventuell gezwungen sein, das Management zu professionalisieren bzw./oder mit anderen Vereinen zu fusionieren.
Doch schauen wir gemeinsam noch einmal zurück auf Zeiten, in denen (auch) der Turnverein quasi ein Spiegelbild unserer Gesellschaft war. Eine Zeit, in der alles, was Rang und Namen hatte in den Bereichen Handel, Gewerbe und Politik in der Kreisstadt wie selbstverständlich zumindest Mitglied im TV 1846 Groß-Gerau oder gar dessen Vorstand war. Als in der Jahnhalle noch die traditionellen Maskenbälle zur Faschingszeit stattfanden, als bundesweit bekannte Bands wie z.B. die „Lords“, die Menschen begeisterten und als es die jährliche „Bierprobe“ gab (insgesamt 19 Mal) etc. Unser Tischgespräch neigt sich dem Ende zu. Zum Dessert serviert uns Walter Endner noch eine leckere Vanille-Quark-Creme. Und dann verabschieden wir uns in der Hoffnung, dass es auf die Frage „Wie wird die Vereinslandschaft im Jahr 2030 aussehen?“ doch noch optimistisch klingende Antworten geben wird.

 

Zur Person: Walter Endner ist 1953 in Gross-Gerau geboren, hier zur Schule gegangen (Schillerschule und PDS), hat bei der Kreissparkasse Gross-Gerau gearbeitet und ist seit 2016 Rentner. Seit 2009 steht er als 1. Vorsitzender dem TV 1846 Gross-Gerau vor, seit 1976 ist er im Vorstand des Handharmonika Spielrings Gross-Gerau e.V. und ist zudem Mitgründer und Vorstandsmitglied im Palliativverein „Lichtblick e.V.“ (seit 2011). Als „Freizeitaktivitäten“ nennt er: zusammen mit der Ehefrau Enkel betreuen, saunieren, Radfahren, Golf spielen und in Urlaub fahren.

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