Theater als Überlebens-Elixier

Christian Suhr beim Tischgespräch mit W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, ganz nah am Geschehen mit dabei zu sein. Diesmal hat uns Christian Suhr, der künstlerische Leiter der BüchnerBühne in Leeheim eingeladen.

Schauplatz damals: Berlin, Mitte der 90er Jahre. Genauer das Berliner Ensemble, Theater am Schiffbauerdamm, einst auch Wirkungsstätte von Bert Brecht. Heiner Müller, Dramaturg, IM und Büchnerpreis-Träger sowie dort später künstlerischer Leiter, lässt den jungen Mitarbeiter Christian Suhr zu sich rufen, weil er neugierig ist. Müller fragt Suhr: „Und Sie sind im selben Ort geboren wie Georg Büchner?“. Das „Ja“ macht Christian Suhr erstmals „stolz wie Bolle“, und erinnert ihn an seine Jugendzeit. Seit damals lässt ihn Büchners „Woyzeck“ nicht mehr los. Er will Schauspieler werden und diese „berührenden Worte“ selbst einmal auf einer Bühne sagen. Nur dies und nichts anderes. Suhr rückblickend: „Ich bin geprägt von jenen Jahren am Berliner Theater, wo Leute die Theaterbühne als Labor für soziale Phantasien nutzen“.
Schauplatz heute: Leeheim, Kirchstraße 16, Sitz der BüchnerBühne. Wir haben uns verabredet in Foyer des kleinen Theaters mit seinen maximal 82 Sitzen. Wir wollen miteinander reden über – natürlich Theater. Nicht jenes in der Bundeshauptstadt, sondern das in der vermeintlichen Provinz, wo es seit sechs Jahren diese kleine, aber feine Spielstätte gibt. Was reizt Sie am Theater?, frage ich. Inwieweit bildet Theater (noch) Wirklichkeit ab? Ist Theater mehr als eine Spielwiese für Regisseure? Wofür steht Büchner heute? Hat Theater in der Medienlandschaft, im Wettstreit mit Internet, Fernsehen, Kino und „Events“ noch eine Zukunft? Was bedeutet Theater für unsere sich immer mehr dem Chaos nähernden Gesellschaft?
Gut zwei Stunden sitzen wir zusammen – und vergessen den Rest der Welt. „Theater bietet Freiräume, Dinge auszuprobieren“, sagt Suhr, „die im alltäglichen Leben nicht auszuprobieren sind“. Und fügt an: „Die Bühne ist ein Ort, wo Träume, Albträume, Wünsche, Erinnerungen einen Raum finden können“. Aufwühlen, erfreuen, aber auch erschrecken will er mit seiner Theaterarbeit „möglichst viele aus dem Publikum“. Menschen wie Du und Ich, die sich auf „diese Begegnung“ einlassen.
Wem bringt es was, sogenannte Klassiker, also Jahrhunderte alte Stücke, neu zu inszenieren? „Theater“, und es klingt aus Suhrs Mund überzeugend, „eröffnet mir die Möglichkeit von Zeitreisen“. Von Heiner Müller stamme der Satz „Theater ist Totenbeschwörung, was martialischer klingt, als es gemeint ist“. Der ideale Fall sei, wenn „Menschen heute“ sich von Stücken aus einer anderen Zeit „berühren lassen“. Es gehe auch um Tugenden, um Grundfragen wie „Was macht das Menschsein aus?“, also um unser aller Daseinsfragen.
Und wie hat der in Goddelau geborene Suhr über die Zwischenstation Berlin zurückgefunden zu „seinen Wurzeln?“. Die „ganze Existenz dieser BüchnerBühne“, sei ein „seltsamer, nie geplanter biografischer Kreisschluss, ich mag es nicht anders zu bezeichnen“, gibt er zu Protokoll. Zwischenstation sei noch Frankreich gewesen, wo die Schwiegereltern wohnen. Doch dann, nach 20 Jahren Abwesenheit, der Weg zurück in die Enge einer Kleinstadt – mit einer Idee, für die es Unterstützer zu suchen galt. Der damalige Riedstädter Bürgermeister Gerald Kummer war einer der entscheidenden. Suhr erinnert sich: nach einer Präsentation seines Theaterprojekts sagte Kummer nur „Großartige Idee, super“. Zur Idee kam die Bereitstellung eines Gebäudes, das ehemalige Gerätehaus der Leeheimer Feuerwehr. Das war ein erster Schritt. Renovierung, Umgestaltung zu einer Bühne folgten. Und dann galt es „Nachfrage zu schaffen, die es bis dato nicht gab“. Ins Bewusstsein bringen, „dass wir keine Laienspieltruppe sind“. Aufbau eines Netzwerks von Theaterfreunden sowie eines Images. Christian Suhr: „Die Überzeugungsarbeit geht Tag für Tag, Saison für Saison weiter“.
Heute ist man so weit, dass Inszenierungen auch in Schulen und beim Festival „Volk im Schloss“ und zudem am Stadttheater Rüsselsheim („Viel Lärm um nichts“ zusammen mit Absinto Orkestra am 6. Oktober) möglich sind. Theatermann Suhr hat vor allem junge Menschen im Blickfeld. Büchner sei „hochaktuell“, man müsse ihn nur „beim Wort nehmen“, er lege „nach wie vor den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft“.
Wie schwer es Theater, zumal kleine Bühnen fernab der Großstädte haben, hänge u.a. damit zusammen, dass für Kommunen Kulturförderung derzeit eine „freiwillige Leistung, Kultur also Luxus“ sei. Zu Büchners Zeiten, so Suhr, sei „Theater ein Überlebensgut für freiheitlich denkende Menschen“ gewesen. Und heute? Geblieben sei indes, dass Theater „im Kern eine freiwillige Verabredung zwischen zwei Menschen sei, die sich dafür begegnen müssen“. Ganz nach dem Motto: „Ich spiele, Sie gucken“.
Theater muss ein Ereignis bleiben, so das gemeinsame Fazit – und die Versicherung: „Das WIR-Magazin wird auch künftig auf Ihrer Seite sein“.

Zur Person: Christian Suhr, Jahrgang 1964. Arbeiten von 1992 bis 1997 als Schauspieler in Berlin, dort hauptsächlich am Berliner Ensemble, daneben Engagements am Schillertheater, Hebbeltheater und Deutschen Theater. Wichtigste Regisseure: Einar Schleef und Fritz Marquardt. Beginn eigener Regie- und Autorentätigkeit ab 1995, gefördert durch Heiner Müller. Ab 1997 freischaffend – vorwiegend im Osten der Republik. Von 2000 – 2001 Schauspielleiter am Theater der Stadt Brandenburg, danach Gründung des Theaternetzwerkes PAN in Berlin. Koproduktionen mit der Akademie der Künste Berlin. Weitere Stationen u.a.: Staatstheater Kassel, Neue Bühne Senftenberg, Volkstheater Rostock. 2004 Geburt zweier Söhne. Nach zweijährigem Frankreich-Aufenthalt lebt er mit Familie wieder in seinem Geburtsort Goddelau. 2008 Gründung und künstlerische Leitung der BüchnerBühne Riedstadt. 2013 Kulturpreis des Kreises Groß-Gerau. 2017 „Come Together Preis – für Demokratie und Menschenrechte“ des Landkreises Groß-Gerau.

BüchnerBühne Riedstadt

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