Wäre Büchner Preiskandidat?

Von Peter Brunner.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet W. Christian Schmitts hilfreichen, längst vergriffenen Band „Deutsche Prosa – die Büchner-Preisträger“, erschienen 1984 bei Langen-Müller, mit einem zweiten Autor: Adam Karrillon. Der heute fast vergessene Odenwälder Autor war allerdings bereits am 14. September 1938 in Wiesbaden 85-jährig gestorben. Das gestrenge Lektorat der Deutschen Bibliothek hat aber trotzdem alles richtig gemacht.

Adam Karrillon war 1923 (zusammen mit dem Komponisten Arnold Ludwig Mendelssohn) der erste Träger des Büchnerpreises, des Kulturpreises des Landes Hessen. Bei „Sammelwerken“ steht im Katalog nach dem Herausgeber häufig der Name des ersten „Beiträgers“, und so wurde das hier gemacht, und so kommt der längst Verstorbene zu nachträglichen Autorenehren. Eine vergleichbare Zusammenstellung von Texten der Preisträger hat es nicht noch einmal gegeben – wer heute wissen will, was Büchnerpreisträger schreiben, muss sich selbst mit ihren Werken beschäftigen.

Das Studium der Landtagsprotokolle von 1923 über die Einsetzung des Büchnerpreises enthüllt ein kaum bekanntes Detail: eben dieser Karrillon wurde von den Deutschnationalen, die sich damals gegen die Benennung des Hessischen Kulturpreises nach Georg Büchner wandten, selbst als Namensgeber vorgeschlagen (neben ihm noch Wilhelm Holzamer und Ernst Elias Niebergall)! Immerhin wurde damals im Landtag in der Landeshauptstadt Darmstadt zu guter Letzt die Einsetzung eines Kulturpreises einstimmig beschlossen. Bei einer zweiten Abstimmung über den Namen des Preises stimmte dann die linksdemokratische Mehrheit geschlossen gegen den Antrag auf Umbenennung der Deutschnationalen unter Führung von Ferdinand Werner, der als Nationalsozialist einer der Totengräber der hessischen Demokratie werden sollte, und so blieb es bei der Bezeichnung „Büchnerpreis“. Den verlieh das Land Hessen, bis das die Nationalsozialisten unter dem erwähnten Werner einstellten.

Gleich 1945 hat das demokratische Hessen sich an die Tradition erinnert – noch sechs Mal gab es den Büchnerpreis in seiner traditionellen Form als Kulturpreis des Landes Hessen, bis 1950. 1951 übernahm die Akademie für Sprache und Dichtung den Preis, der seitdem als Literaturpreis vergeben wird – mit einer Preissumme von inzwischen 50.000 €, gemeinsam aufgebracht von Akademie, Bundesrepublik, Land Hessen und Stadt Darmstadt.

Bei den „neuen“ Büchnerpreisverleihungen wurden seitdem aufsehenerregende Reden gehalten und gesellschaftliche Strömungen deutlich. Unvergessen Erich Frieds Bemerkung, Georg Büchner hätte sich heute zur „Bader-Meinhof-Bande“ geschlagen, ebenso unvergessen der Beitrag Martin Mosebachs, dessen konservative Grundhaltung vielen als widersprüchlich zu Büchners Denken erscheint oder Sybille Lewitscharoffs Bemerkung über die Frauenbewegung als „Trampolin für ausgeschnitzte Verrücktheiten“. Paul Celan und Heiner Müller haben Reden gehalten, die die Auseinandersetzung mit Büchners Leben und Werk auf höchstes intellektuelles Niveau brachten. Allein, dass die Reflektionen über Georg Büchners Leben und Werk in einer guten Büchnerpreisrede neu zur Auseinandersetzung mit ihm führen können, ist Grund genug für aufmerksames Beobachten der alljährlich neuen, spannenden Büchnerpreisverleihung. Und die anständige Dotierung ist ein viel zu seltener Beweis der Hochachtung vor einem literarischen Werk. Selten haben die Reden beim Büchnerpreis kalt gelassen, und das ist ja vielleicht das Beste, was sich von einer Rede sagen lässt: dass sie nämlich Feuer macht unter dem Kessel der Gedanken. Hoffen wir, dass 2017 der Preisträger Jan Wagner, ein junger Lyriker, mit seinem Beitrag Funken schlägt. Der Georg-Büchner-Preis wird am 28. Oktober verliehen.
Die Akademie für Sprache und Dichtung unterhält mit www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/georg-buechner-preis eine gut gemachte Website mit Informationen und Texten zu allen Büchnerpreisträgern seit 1951. Der Georg-Büchner-Preis wird am 28. Oktober verliehen.

Foto: Das Geburtshaus Georg Büchners in Riedstadt-Goddelau

 


Peter Brunner
ist hauptamtlicher Leiter des Riedstädter Museums Büchnerhaus;
post@entwicklungundkultur.de

www.riedstadt.de/kultur/georg-buechner

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