Weihnachtsmarkt

Von Ralf Schwob.

Mit freundlicher Genehmigung des Societäts Verlags und des Autors Ralf Schwob präsentieren wir unseren Lesern einen Auszug aus dessen neuem Krimi „Holbeinsteg“, der seit kurzem im Buchhandel erhältlich ist. Lesen Sie dazu auch unser Tischgespräch mit Ralf Schwob in der Ausgabe 261 (S.10).

Er wählte eine Seitenstraße, die parallel zur belebten Darmstädter-Straße verlief. Hier hätten sie noch ein bisschen Ruhe, aber spätestens im letzten Drittel des Wegs, dort, wo die Straße leicht anstieg und sich um die Stadtkirche herumschlängelte, würden sie die Menschenmengen nicht mehr umgehen können. Der hell erleuchtete Kirchturm war schon in der Ferne zu sehen, wie er über den nächtlichen Dächern der Kleinstadt aufragte. Heiner verengte die Augen, weil er meinte auf einem der kleinen Balkone des Turms Menschen gesehen zu haben, war sich aber nicht sicher. Seine Augen ließen stark nach in letzter Zeit. So wie alles bei dir stark nachlässt, dachte er bitter.

„Ich glaube, ich schaffe das nicht.“ In Bäumlers Stimme war die mühsam unterdrückte Panik deutlich zu hören. „Doch“, sagte Heiner, „Sie schaffen das.“ Einen Moment war es still, dann fügte er hinzu: „Wir schaffen das.“
Er nahm seinen angstgeplagten Nachbarn am Arm und spürte, wie der Mann zitterte. Für einen Moment dachte er daran, es ihm und sich leicht zu machen. Wir haben es versucht, würde er sagen, es geht nicht, also gehen wir wieder nach Hause. Er konnte den dankbaren Dackelblick seines Schutzbefohlenen schon vor seinem geistigen Auge sehen. Die ganze Sache war schließlich nicht seine Idee gewesen. Sollte die tolle Frau Doktor doch selbst einen Spaziergang über den Gerauer Weihnachtsmarkt mit ihrem Angstpatienten machen. Er war schließlich nur ein alter Mann, der zufällig neben diesem Wrack wohnte. Und er hasste Weihnachtsmärkte. Und was sollte er überhaupt machen, wenn Bäumler vor dem ersten Glühweinstand schreiend zusammenbrach und sich auf dem Boden wälzte?

Eine Familie mit drei kleinen Kindern überholte sie und blieb auf der anderen Straßenseite stehen. Der Vater deutete mit dem ausgestreckten Arm zum Kirchturm hinauf, die Kinder reckten die Hälse und fast im gleichen Moment begann dort oben der Posaunenchor zu spielen. Heiner hatte sich nicht getäuscht, die Musiker standen mit ihren Instrumenten auf einem der kleinen Balkone und spielten vom Turm herab. Auch Bäumler hob langsam den Kopf und sah nach oben. Die Musik klang sehr nah, obwohl sie noch ein gutes Stück unterhalb des Kirchenhügels standen. Was war das? Tochter Zion, dachte Heiner Schultes und fragte sich, woher er das wusste. Er war kein frommer Mensch. Trotzdem ergriffen ihn die Töne, vielleicht war es auch der Abend, die hereinbrechende Dunkelheit und die warme Beleuchtung des Turms. Wahrscheinlich war es alles zusammen. Die Passanten um sie herum bleiben stehen und wurden für einen Moment ganz still. Er spürte, wie Bäumler sich neben ihm etwas entspannte, ein Ausdruck war auf sein Gesicht getreten, den Heiner nicht recht zu deuten wusste. Er sah hinauf in den dunklen Himmel, der sich über dem Kirchturm spannte. Nicht ein einziger Stern war zu sehen. Und dann entdeckte er doch einen, ganz am Rand seines Blickfelds, ein Leuchten, das er zuerst für ein Flugzeug gehalten hatte, aber es war kein Flugzeug, es war ein Stern, Lichtjahre entfernt und schon vor langem erloschen. Heiner Schultes spürte, wie etwas kalt nach seinem Herz griff, und wandte den Blick ab. „Auf geht’s Bäumler“, sagte er, „noch haben wir nichts gewonnen.“ Sein Nachbar zuckte zusammen, straffte sich dann aber und folgte ihm.

Der Weihnachtsmarkt begann mit einer Mittelaltermeile unterhalb des Kirchenhügels in der Schulstraße. Hier gab es Holzschwerter und Schilde für Kinder und Lederwaren und Met für die Erwachsenen. Der Geruch von gebrannten Mandeln und Glühwein lag in der Luft. Heiner dirigierte seinen Schützling durch den Menschenstrom, es war noch früh am Abend und sie kamen zügig bis zum Sandböhl durch. Dort standen die Menschen dann allerdings bereits in großen Gruppen um die Stände herum oder blockierten mit dampfenden Tassen und Pfannkuchen in den Händen den Durchgang. Das Herumgeschiebe machte Bäumler sichtlich zu schaffen, der sich wie ein Ertrinkender an Heiners Arm klammerte. Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr: Lachen, Kreischen, oh du Fröhliche. Eine Horde Jugendlicher mit rotblinkenden Weihnachtsmannmützen bahnte sich johlend ihren Weg durch die Menschenmasse, jemand wurde angerempelt und schüttete sich aus Versehen heißen Apfelwein über die Hände. Heiner war klar, dass Bäumler das nicht lange aushalten würde. Er selbst würde es auch nicht lange aushalten. Mit einer entschlossenen Geste zog er seinen Nachbarn aus dem Gewühl heraus hinter einen Wagen, in dem Fisch gebraten wurde. Sie standen jetzt vor dem Eingang zum Handwerksmuseum, der ebenfalls von einer Menschentraube verstopft war. Heiner drängte Bäumler weiter an den erleuchteten Schaufenstern des Kaufhaus‘ Braun entlang, zog ihn schließlich ein paar Stufen hinauf und lehnte ihn dort abseits des Menschenstroms gegen die Wand. Tagsüber standen in dem kleinen Gang neben dem Warenhauseingang Rolltische mit Sonderangeboten, jetzt aber war der geflieste Flur leer und bot den beiden Männern zumindest vorübergehend Unterschlupf.
„So“, sagte Heiner Schultes und beobachtete den nicht abreißenden Strom aus Menschen, der sich vor dem Kaufhaus vorbeiwälzte. „Und nun?“ Bäumler hob die Schulter. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. „Ich weiß nicht.“ „Naja, wo wir schon mal hier sind, trinken wir halt einen Glühwein, oder?“ „Glühwein. Ja. Gut.“ „Dazu muss ich Sie aber einen Moment hier allein lassen.“ „Kein Problem, mir geht’s gut.“ Bäumler brachte ein schräges Lächeln zustande und Heiner machte sich auf den Weg zum nächsten Glühweinstand. Als er nach zehn Minuten wieder zurück war, hielt er zwei dampfende Tassen mit der Aufschrift „Groß-Gerauer Weihnachtsmarkt“ in den Händen.

„Haben Sie gewusst, dass man die Tassen kaufen muss?“ Bäumler schüttelte den Kopf. „Naja“, brummte Schultes, „der Typ am Stand hat gesagt, dass wir die Dinger einfach jedes Mal wieder mitbringen sollen, wenn wir herkommen.“ Er hielt einen Moment inne und reichte Bäumler eine der beiden Tassen. „Das wird sich bei uns ja dann richtig lohnen, was?“

Textauszug aus: Schwob, Holbeinsteg. 320 Seiten.
Societäts Verlag 2017, ISBN 978-3-95542-256-1. 12,80 €

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