Weil isch dodefür bezahlt werd

Im Wortlaut: Jürgen Volkmann.

Im Mittelpunkt allen Interesses anlässlich des Neujahrsempfangs des Fördervereins Stadtmuseum in der Kreisstadt stand am 2. Februar der Leiter desselben, Kulturstammtisch-Mitglied und WIR-Kolumnist Jürgen Volkmann, der nämlich seinen 60. Geburtstag feierte. So wurde von allen Seiten die nicht zu unterschätzende Bedeutung des von Norddeutschland nach Südhessen „Eingewanderten“ für die Entwicklung des Stadtmuseums unterstrichen. Mit freundlicher Genehmigung durch Jürgen Volkmann möchten wir unseren Lesern an dieser Stelle seine Dankesrede im Wortlaut präsentieren:

Nun ist diese Tätigkeit ja sehr viel mit der Begegnung mit den Menschen vor Ort verbunden, und da kommt an so einem Tag dann doch die Frage auf, wie denn das zusammengeht: ein Vertreter aus der norddeutschen Provinz – haben gerade gehört, anpassungs- und lernfähig, aber gelegentlich auch etwas stur und eigensinnig – trifft auf die selbstbewussten Südhessen, die schon immer den Atem der Geschichte verspürten und – inzwischen urban eingebunden – sich am Puls der Zeit bewegen?
Aber, mal langsam! Hören wir, was der römische Geschichtsschreiber Tacitus über die Verwandten aus Nordhessen, die Chatten, bemerkt hat: „Dem Volk sind massivere Körper eigen, stramme Gliedmaßen, ein drohender Gesichtsausdruck und eine größere Lebhaftigkeit des Gemüts. Für Germanen haben sie recht viel Verstand.“ Der drohende Gesichtsausdruck ist mir bisher nicht begegnet, ja, vielleicht dann, wenn ich Hans Wiescholleks nicht zu bremsenden Sammeleifer mit dem Hinweis auf Erich Fromms Philosophie vom Haben oder Sein zu dämpfen suchte.

Verstand ist natürlich selbstredend sehr verbreitet hier im Südhessischen. Bei meiner Person war der Verstand oder besser das Verstehen übrigens besonders in der Anfangsphase immer dann vonnöten, wenn ich mit den Geheimnissen der südhessischen Mundart konfrontiert wurde. So, als mich der damalige Vorsitzende des Dornheimer Heimat- und Geschichtsvereins, Ludwig Luckardt, bei einem Gespräch über landwirtschaftliche Fragen mit dem Wort „Roll“ konfrontierte und mir auf mein Nachfragen, was das denn sei, entgegnete: „Ei, e Roll is e Roll!

Nun, wenn sich die aktive Ausübung der Mundart in der Folge letztlich nicht befriedigend aneignen ließ, so wurde das Verstehen doch immer besser und mit ihm die Zuneigung zu diesem wundervollen Idiom, und weil die Mundart so eine Art Seele einer Region ist, legte sie sich in meiner Wahrnehmung wie ein schönes Gewand über diese Landschaft und erhöhte die eigene Freude, das Land in seinem naturräumlichen und historischen Gewordensein zu erschließen und den Menschen zu vermitteln.

Regelrechte Glücksmomente ergaben sich immer dann, wenn einheimische, hier schon seit Generationen verwurzelte Mitbürger ob des vorgetragenen Wissens etwa anlässlich einer Stadtführung oder eines Vortrags in einer Mischung aus Anerkennung, aber auch Misstrauen, bemerkten: „Ei, woher wisse Sie des alles?“. „Ei, weil isch dodefür bezahlt werd!“ war oftmals meine kokette Antwort. Ganz überzeugt hat’s die Angesprochenen meistens nicht, und in der Tat trifft‘s ja auch nicht wirklich die eigene Motivation. Tatsächlich ist es die Freude, den Menschen eine Landschaft und eine Geschichte zu vermitteln, die äußerlich ganz unspektakulär und unscheinbar daherkommt.

Da muss ich immer wieder auf den 1823 in Wiesbaden-Biebrich geborenen großen Kulturhistoriker W. H. Riehl – später in München als Professor tätig, verweisen, der bei seiner Wanderung durch Südhessen bemerkte, das Gerauer Land sei ein Land der Phantasie. Reich an historischen Ereignissen, aber arm an erhaltenen Zeugnissen, die dies belegten. Und genau das macht den Reiz aus. Vermittelnd Dinge sichtbar zu machen, die im Verborgenen liegen, die der Darstellung bedürfen und dann bei den Zuhörern nachhaltige Erkenntnisse auslösen.

Und es ist nicht nur die Freude an diesem so gelagerten Gegenstand und die Erfahrung, dass das Wissen darum den Menschen etwas gibt, sondern es ist darüber hinaus die Gewissheit, dass in der Vermittlung von Geschichte und Kultur ein gesellschaftspolitisches Moment enthalten ist, das der Demokratie und dem gesellschaftlichen Fortschritt sehr förderlich sein kann, denn ich bin der festen Überzeugung, dass diejenigen, die einen positiven Bezug zum eigenen Lebensraum, zur eigenen Stadt haben, bereit sind, sich einzubringen und auch Verantwortung zu übernehmen und weiter: wer ein kulturelles Selbstbewusstsein entwickelt, entwickelt auch die Souveränität und die Weltoffenheit, sich anderen Kulturen zu öffnen. Die Tatsache, dass wir verständlicherweise kein ungetrübtes Verhältnis zu unseren Traditionen haben, hat natürlich mit unserer Geschichte zu tun, und so ist es bemerkenswert, aber auch nicht verwunderlich, dass uns immer wieder Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln, den Wert unserer eigenen Kultur bewusst zu machen versuchen. Kürzlich bedauerte der weithin bekannte Orientalist und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani, dass wir unsere eigene Kultur nicht mehr richtig kennten. Und er folgerte: „Wenn wir unser eigenes Erbe nicht kennen, kennen wir uns selbst nicht. Und dann werden wir sehr empfänglich für Radikalismus, Fremdenhass und Nationalismus.“ Das zu beherzigen, hätten wir Deutschen vielleicht in der Vergangenheit vernachlässigt.
Ich möchte daraus ableiten, dass das Bewusstsein für die eigene Geschichte und Kultur und dessen Wert nicht der unerwünschte und abzulegende Gegenspieler von Weltoffenheit und Toleranz sind, sondern das befördernde Pendant, das erst die Voraussetzung für diese Weltoffenheit schafft. Daran mitwirken zu können, spornt natürlich an und motiviert. Der Maler Henri Matisse, der gerade in einer einmal mehr herausragenden Ausstellung im Frankfurter Städel zusammen mit Pierre Bonnard zu sehen war, bemerkte gegenüber diesem – seinem Freund – folgendes: „Rodin sagte, es brauche ein Zusammenwirken außergewöhnlicher Umstände, einen Menschen … alt werden und ihn das Glück genießen zu lassen, mit Leidenschaft dem nachzugehen, was ihm gefällt…“ Nun heißt das nicht, wenn Sie mir gestatten, diesen Gedanken auf die eigene Arbeit zu beziehen, dass das Wirken in einem solchen Museum in allen Momenten des Alltags vergnügungssteuerpflichtig wäre, aber, der sinngebende Kern der Arbeit kommt dem schon sehr nahe. Und was die Frage nach den außergewöhnlichen Umständen angeht, so ist es hier im Kontext des Stadtmuseums das menschliche Umfeld, dass dabei eine besondere Rolle spielt.

Und heute möchte ich von den vielen, weil es der Anlass gebietet, die lieben Freunde und Mitstreiter aus dem Förderverein herausstellen, und ich denke, jeder kann sich selbst einen Eindruck verschaffen, wie engagiert und produktiv dieses Team sich darstellt. Vielen, vielen Dank, Dir liebem Hans, an der Spitze, Danke den lieben Vorstandskollegen und Kolleginnen und unseren erfahrenen Helfern. Besondere Verneigung vor unserm Küchenchef Hans-Werner Kabey, der persönlich den Brunecker Schinken-, Wurst- und Käsemarkt leergekauft hat, um uns heute in alpiner Manier zu verköstigen. Wer meint, unser Gerer Handkäs‘ sei pikant, der probiere mal den Tiroler Graukäs‘ – es gibt immer noch Steigerungsmöglichkeiten. Auch der lieben Renate Klippel herzlichen Dank für ihre wie immer wunderbar kreativen Dekorationen. Ich denke in diesem von ihr gesetzten feinen Akzent drückt sich der Geist unseres Fördervereins ganz besonders aus.

So, ich finde, jetzt ist es Zeit, dass Sie, dass Ihr jetzt endlich das Wort bekommen sollt, erlaube mir aber zum Schluss für den Abend noch eine Empfehlung mitzugeben, die uns wiederum die Mundart überliefert hat. Auf einem Apfelweinglas aus der Zeit um die Jahrhundertwende – ich hatte mit Richard Schaffer von den Hanauer Museen eine Ausstellung organisiert – stand folgendes zu lesen: „Schaad fer den scheene Dorscht“ Ja, hinter dieser einfachen Mundartsentenz verbirgt sich ein letztlich nicht zu lösender philosophischer Konflikt: mit jedem Schluck wird das Schönste am Genuss, das süße, lustbetonte Gefühl des Durstes, weniger. Nehmen Sie sich, nehmt Euch nun Zeit, den Durst zu löschen.

Schad fer den scheene Dorscht, aber schee, dass Ihr heit alle doh seid!“

www.gross-gerau.de

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