Wilhelm Büchners Welterfolg

Von Peter Brunner.

Mittlerweile ist in Südhessen wieder gut bekannt, dass Georg Büchners Bruder Wilhelm im 19. Jahrhundert zu den einflussreichen und prägenden lokalen Unternehmerpersönlichkeiten gehörte. Mit der Renovierung seiner Villa in Pfungstadt war es gelungen, einen „Büchner-Ort“ wiederherzustellen, an dem sich zwischen 1845 und 1900 bis auf den da schon verstorbenen Georg Büchner alle Familienmitglieder gerne und oft aufgehalten haben.

Alexander Büchner, der sich hier zum Beispiel 1849 versteckte, als die letzten Reste der 48er-Revolution zerschlagen wurden, hat von großzügiger Bewirtung, „Sommerfrische“ und rauschenden Familienfesten berichtet. Zweimal jährlich öffnete Wilhelm Büchner seinen „Park“ zur Besichtigung, im gedruckten Programm der Feierlichkeiten zu Wilhelm Büchners Silberhochzeit sind den deutschen und niederländischen Verwandten, die angereist waren, Rollen von Gottheiten für ein Theaterspiel zugeordnet. Für seine 1864 erbaute Villa machte Büchner dem Architekten Balthasar Harres zur Auflage, „im Äussern bescheiden zu wirken, im Innern an Mitteln nicht zu sparen“.

Woher kam der bürgerliche Wohlstand des Pfungstädter Blaumüllers? Es ist bekannt, dass das künstliche Ultramarin, das Wilhelm Büchner herstellte, um den Faktor 1.000 günstiger war als das bis dahin benutzte, aus Ultramarin in aufwändigem Verfahren extrahierte Blau der mittelalterlichen Maler. Bis heute kann gemahlenes, zum Malen extrahiertes Lapislazuli für an die 30.000 Euro pro Kilo gekauft werden, die gleiche Menge künstlich hergestellt (und chemisch identisch) kostet nur etwa 30 Euro. Aber Büchners Produktion stellte auch tausendfach mehr Blau her als bisher auf dem Markt war. Allein an Malerfarbe war eine solche Menge nicht abzusetzen, tatsächlich spielte die Produktion von Farbe zum Malen in Pfungstadt auch kaum eine Rolle. Pfungstadt ist aber einer der ersten Orte überhaupt, aus denen von Hessen-Darmstadt aus Industrieprodukte in nennenswerter Menge exportiert wurden. Was geschah also mit dem vielen Blau?

Das erfolgreiche Produkt war Waschblau – von Wilhelm Büchner mit Markenzeichen und phantasievollen Verpackungen weltweit vertrieben. Im 19. Jahrhundert kamen dafür Bedarf und Produkt erfolgreich zusammen. Mit der Industrialisierung und Verstädterung ging den Hausfrauen die Gelegenheit verloren, ihre Wäsche auf Bleichwiesen auszulegen, wo ein chemischer Prozess mit dem ultravioletten Licht der Sonne der Wäsche das hässliche „Gilb“ austrieb. Die zahlreichen Straßennamen mit „Bleich-“ in unseren Städten deuten darauf hin, dass die Bleichorte in dieser Zeit bebaut und damit der bisherigen Nutzung entzogen wurden. In den Aussteuerschränken stapelten sich Unterwäsche, Tischdecken und andere Weißwäsche und drohten, zu vergilben. Mit Büchners Blau konnte ein physikalisches Phänomen als Rettung genutzt werden: die Komplementärfarbe zu dem unerwünschten Gelb ist nämlich – Blau! Wird also Gelbes blau gefärbt, wird es – weiß. Anstreicher machen sich dieses Phänomen bis heute zunutze, indem sie in die weiße Farbe zum Hausanstrich eine kleine Menge Blau kippen – das Weiß wird intensiver, reiner und strahlender. Genau so konnten jetzt Hausfrauen verfahren: sie gaben der Wäsche Büchners Blau bei – in Tablettenform gepresst oder als Pulver in kleinen Tütchen – und bewahrten so die frische weiße Farbe.

Dass Büchners Unternehmerstern eher ein Komet war und 1892 so schnell verlosch, wie er 1845 aufgeschienen war – das ist eine andere Geschichte. In der Edition Büchnerland erscheint in Kürze ein ausführlicher Aufsatz über Ultramarin und Büchners Produktion.

Peter Brunner
ist hauptamtlicher Leiter des Riedstädter Museums Büchnerhaus;
post@entwicklungundkultur.de

 

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