Zu Fuß ins neue Jahr

Erfurth_Peter


Peter Erfurth
ist Datenbank-Spezialist des Groß-Gerauer Stadtmuseums;

pedepe@gmx.de

Aus dem Archiv des Stadtmuseums
Quelle: Kreisblatt von 1902

Ein heiteres Stücklein, das erst nachträglich zu unserer Kenntnis gelangt, hat sich gelegentlich des Neujahrstages dahier ereignet. War da eine feuchtfröhliche Gesellschaft hiesiger Herren auf dem Groß-Gerauer Fallthorhaus versammelt. Bei anregender Unterhaltung und den lucullischen Genüssen, welche Küche und Keller der Familie Dillemuth in bekannter Güte liefern, flossen die Stunden nur allzuschnell dahin und man äußerte den Wunsch den Heimweg nicht per pedes, sondern per Achse anzutreten. Ein diesbezüglicher Antrag wurde jedoch von Herrn Dillemuth mit dem Ausdruck des Bedauerns abgelehnt, weil sein Knecht in Groß-Gerau weile, und derselbe wohl auch noch einige Zeit ausbleibe. Ziemlich verblüfft ob dieser wenig erfreulichen Botschaft, harrte man mit Geduld der Ankunft des sehnlichst begehrten Rosselenkers, allein es wurde später und später doch – er kam nicht. »Was thun sprach Zeus – pardon Herr X. Y. Z.«? Das ist sehr einfach erwiderte ein anderer: »Ich schlage vor, wir machen uns einstweilen auf die Beine und bedienen uns dann, des uns unterwegs jedenfalls begegnenden Gefährtes zur Heimfahrt.« Gesagt, gethan! Schnell war die Zahlungsfrage erledigt und mit vereinten Kräften schritt man der Stadt entgegen, zuerst eng verbunden bei animirter Unterhaltung, dann in etwas weiterer Entfernung schließlich einige Herren der Gesellschaft als Nachtrapp zurücklassend, alle jedoch in der festen Zuversicht recht bald das erwünschte Dillemuth’sche Break zu erspähen. Vergebens! Man mochte so nahezu eine gute halbe Stunde marschirt sein, die Ersten waren bereits in unmittelbarer Nähe der Stadt angelangt, als sich am äußersten Ende der Kastanienspitze etwas zeigte, das dem lumen eines Wagens glich. Allgemeiner Ausruf: »Das ist er!« Ein Blick nach den Zurückgebliebenen – Niemand zu sehen. Da taucht ein teuflischer Gedanke in den eifrigen Fußgängern auf. Ueberzeugt davon, daß das Fuhrwerk von den Zurückgebliebenen zur Heimfahrt benutzt werden würde, erklärte einer der Herren: »Das muß vereitelt werden, die mögen gerade so gut heimlaufen, wie wir auch.« – »Aber wie anfangen?« – »Laßt mich nur machen!« – Ein gebieterisches: »Johann halt!« brachte das Dillemuth’sche Fuhrwerk zum Stillstand. – Auf die Frage was die Herren wünschen, erklärte man denn dem überraschten Kutscher, daß er so schnell als möglich nach Hause fahren solle, da auf dem Fallthorhaus noch zwei Herren säßen, die nach Mörfelden zur Bahn gebracht sein wollten. Es würden ihm zwar unterwegs noch einige hiesige Herren dieselbe Nachricht aufzutischen versuchen, doch solle er sich nicht im Geringsten,stören lassen, damit er auf dem schnellsten Wege nach Hause komme. Der also belehrte Rosselenker hieb mit einem aufrichtigen »Danke schön meine Herren« auf sein Pferd ein und in rasendem Tempo gings dem Fallthorhaus zu. Tiefe Stille ringsum, keinerlei Störung; da plötzlich vor dem Forsthaus Woogsdamm tönt dem Kutscher zum zweitenmal ein gebieterisches: »Halt Johann!«, »Umkehren, heimfahren!« entgegen. »Weiß schon, weiß schon« war die Antwort; sprachs, trieb sein Gefährt auf’s Neue an, die verblüfft Dreinschauenden auf offener Straße ihrem Schicksal überlassend. Thatsächlich passirt am ersten Tage des Jahres des-Heils 1902.

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