Alles ist im Fluss

Von W. Christian Schmitt.

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, unmittelbar am jeweiligen Geschehen mit dabei zu sein. Diesmal hat uns Nauheims Bürgermeister Jan Fischer eingeladen, um uns u.a. über seine Problem-Lösungen in Zeiten von Corona zu informieren.

Seit unserer ersten Begegnung vor rund zehn Jahren im Groß-Gerauer Redaktionsbüro des WIR-Magazins, als feststand, dass Jan Fischer sich um das Amt des Nauheimer Bürgermeisters bewerben würde, und wir ein Interview mit ihm vereinbart hatten (Ergebnis siehe WIR Nr. 179), gibt es eine „griechische Verbindung“ zwischen uns. Genauer: es geht um die Formel panta rhei, die sich auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückführen lässt und die so viel bedeutet wie „alles fließt“ oder auch „alles ist im Fluss“. Diesen Spruch übersetzte er damals spontan, als er ins Büro eintrat – und mir war sofort klar, dieser junge Mann muss in der Schule nicht nur Latein, sondern auch (Alt-)Griechisch gelernt haben. Und in irgendeiner Form ging es auch diesmal, fast ein Jahrzehnt später bei unserem WIR-Tischgespräch neuerlich um dieses panta rhei. Aber der Reihe nach.

Zurückgekehrt von einem Rhodos-Urlaub hatte Jan Fischer uns (coronabedingt) nicht – wie gewohnt – in ein Lokal seiner Wahl, sondern zu sich in sein Amtszimmer („ein außerordentlicher Ort für ein Tischgespräch“) eingeladen und verköstigte uns (Werner Wabnitz und mich) mit Köstlichkeiten aus – natürlich Griechenland. Zwischen Gyros und griechischem Wein lautete die erste Frage: Welche Vorteile hat es für einen in Nauheim amtierenden Bürgermeister (wo ja nicht unbedingt und gar jeden Tag sich Weltbewegendes ereignet), wenn er zu seinen praktischen Fähigkeiten auch noch Kenntnisse in alten Sprachen einbringen kann? Jan Fischer: „Alles fließt im Leben. Das ist etwas, was ich auch in diesem Amt Tag für Tag erlebe. An Herausforderungen ist kein Mangel.“ Allerdings, ergänzt er: „Meinen Kindern würde ich eher zu Englisch und Französisch raten“. Dennoch: Panta rhei könnte sich fast schon zum Lebensmotto eignen.

Herr Fischer, haben sich in Zeiten von Corona die Handlungsspielräume verändert? So meine Frage. Der Bürgermeister: „Die verwaltungstechnischen Aufgaben haben sich kaum verändert, vielleicht die Geschwindigkeit, wenn es um Verordnungen geht“. Was sich allerdings grundlegend geändert hat, sei die Möglichkeit zu direkten Kontakten, das Unter-Menschen-sein fehle, besonders an Wochenenden in dieser veranstaltungsliebenden Kommune Nauheim. Wo früher der Bürgermeister z.B. bei 90. Geburtstagen oder Goldenen Hochzeiten vor Ort Präsenz zeigen konnte, müsse heute ein Kartengruß genügen. Zwar gebe es derzeit nicht „den Bürgermeister zum Anfassen“, aber entscheidend sei dennoch, dass die Kommunikationsbereitschaft – „auf möglichst vielen Kanälen“ – gewährleistet bleibe. Und auch das „Ich hätte da gern mal ein Problem“ müsse anders geregelt werden. Und werde es auch. Aber wie kann ein Bürgermeister vor diesem Hintergrund noch die Interessen der Bürger wahrnehmen und vor allem vertreten? Beginnen sich Aufgaben und Rolle eines Gemeindeoberhauptes in Zeiten der Pandemie grundlegend zu verändern? Jan Fischer dazu: Im Grunde habe sich das Berufsbild eines Bürgermeisters in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu dem eines Managers verändert, auch ohne Corona. „Es ist und bleibt nach wie vor spannend, Bürgermeister zu sein“, sagt Fischer, Optimismus ausstrahlend. Und dies im bereits zehnten Jahr seit der Amtsübernahme. Naheliegend, dass nicht nur wir uns die Frage stellen, sondern auch er selbst: Wie wird es weitergehen? Zwar hat er („damals aus der Sicht meiner Jungen-Union-Zeit“) einmal geäußert, dass zwölf Jahre in einem solchen Amt ausreichend seien, und dass es „irgendwann einmal gut sein“ müsse. Aber das alles relativiert er inzwischen: „Mir gehen weder die Ideen aus, noch bin ich mit Anfang/Mitte 40 zu alt für dieses Amt“. Was natürlich noch keine Antwort auf unsere ursprüngliche Frage ist – und nach der Kommunalwahl im kommenden Jahr möglicherweise ein wenig anders klingen könnte. Bürgermeister Fischers Antwort heute lautet zumindest so: „Alles ist noch möglich“. Was so ähnlich klingt wie „alles ist im Fluss“.

Wir sprechen beim zweiten Glas Wein noch über Themen wie: Warum wohnt der Bürgermeister auch nach fast zehn Jahren Amtszeit noch immer nicht in Nauheim? Und erhalten plausible Antworten wie: Bis Eltville, wo er wohnt, seien es kaum 25 Minuten. Oder: Die Trennung von Arbeits- und Wohnort seien „für die Familienzeit ein Riesengewinn“, weil man u.a. Abstand zu Problemen gewinnen und „über den Tellerrand hinausblicken“ könne. Dann unterhalten wir uns wie in fast lockerer Runde über die Besonderheiten im Nauheimer Gemeindeparlament, wo es keinen Fraktionszwang und deshalb „auf dem Weg zur besten Entscheidung“ auch wechselnde Mehrheiten gäbe. Schließlich erfahren wir vom Bürgermeister noch, wie er mit Kritik an seiner Arbeit umgehe. Fischer: „Ich habe gelernt, damit differenziert umzugehen, auch mit plakativen Sätzen Einzelner, denen ich auf Facebook und ähnlichen Medien begegne“. Was wird ihn in Nauheim in der verbleibenden Zeit noch beschäftigen? Was steht auf seiner Agenda? Der Bürgermeister: „Es sind die Themen Familien-Konzepte, Mobilität, Klimaschutz und Demokratieverständnis“.

Nach dem Espresso und vor der Verabschiedung noch eine letzte Frage: Welche drei Bücher würde er mitnehmen auf die berühmte Insel? Jan Fischer: „Harry Potter für meine Kinder, einen Thriller, an dem ich seit Monaten lese – und die Helmut-Kohl-Biografie. Die, ohne die geschwärzten Stellen“.

Das war es dann für diesmal. Und nicht vergessen: panta rhei.

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