Als Gedichte zu Bestsellern wurden

Von W. Christian Schmitt.

Der Lyrik-Flüsterer: Hier geht es um Dichter, Poeten, Lyriker, Verse-Schmiede, Wort-Produzenten etc. und um all das, was sie uns an Geschriebenem hinterlassen haben. Doch vor allem um das, was mir beim Katalogisieren meiner Lyrik-Bibliothek (neuerlich) begegnet, aufgefallen ist – und woran ich mich erinnere.

Nicht auf den Literaturseiten deutscher Tageszeitungen, sondern auf der Spiegel-Bestsellerliste tauchte Anfang der 80er Jahren immer öfter der Name einer jungen Autorin auf, mit dem zunächst nur ein paar Insider etwas anzufangen wussten – Kristiane Allert-Wybranietz. Sie hatte im Oktober 1980 in dem Mini-Verlag Lucy Körner (zunächst) ein 62 Seiten starkes Büchlein veröffentlicht, das den Titel „Trotz alledem“ trug, versehen mit dem Zusatz „Verschenktexte“. Allein bis September 1982 erreichte sie damit bereits die 10. Auflage (und fand auch Eingang in mein Buch „Die Auflagen-Millionäre“, das 1988 im Gauke Verlag erschien). Weitere Lyrik-Bände folgten, vor allem Erfolgstitel wie z.B. „Willkommen im Leben“ oder „Heute traf ich die Sehnsucht“ (beide dann 1994 und 1996 schon bei Heyne). Allein fünf davon sind mir beim Einsortieren wieder in die Hände gefallen. Bei einem Interview, das u.a. in der Hessischen Allgemeinen erschien, erzählte sie mir über ihre Erfolge u.a.: „Da stehe ich manchmal selbst vor einem Rätsel…“.

Kristiane Allert-Wybranietz ist eine von 33 Autoren und Autorinnen, die (mit ihren 64 Büchern) hier bei mir allein unter dem Buchstaben A zu finden sind. Der reicht von Achmatova, Anna bis zu Ayim, May. Wenn ich mir heute jedoch die Autoren-Riege betrachte, zählt sie, die einst mit ihren Büchern eine neuartige Lyrik-Mode auslöste, allerdings nicht zu den Lieblings-Autoren. Da greife ich schon lieber zu Büchern von Ilse Aichinger („Verschenkter Rat“, bei Fischer TB), Hans Arp („ich bin in der natur geboren“, Arche), Hartmann von Aue („Der arme Heinrich“, Reclam) oder Rose Ausländer(u.a. „Mein Atem heißt jetzt“, S. Fischer).

Vielen mag es ähnlich ergehen, erst wenn man einen Autor live erlebt hat, bei Interviews, Werkstattgesprächen oder Lesungen, kommt man dem näher, was er mit seinen Gedichten (uns) sagen will. Erinnern kann ich mich auch an einen Besuch von Elisabeth Alexander („Bums!“, 1971 bei Merlin), die einmal während der Frankfurter Buchmessen-Zeit einen Abstecher nach Darmstadt eingeplant hatte, wo wir wohnten und wo sich von Zeit zu Zeit in unserer Wohnung Autoren und Autorinnen zum Meinungsaustausch einfanden. H.C. Artmann (u.a. „Aus meiner Botanisiertrommel“, der 1997 mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet wurde, begegnete ich 20 Jahre vorher während einer Autorenlesung, über die ich anmerkte: „… da liest er fast singend, nicht ohne Beschwörung. Und er beginnt einzudringen in Buch und Leser, so wie Vatis eindringen in Klein-Ernas Herz, wenn es Zeit wird, vom Sandmännchen und seinen Gehilfen zu erzählen…“. Auch mit Arnfrid Astel („Kläranlage“, Hanser), der seinerzeit u.a. beim Saarländischen Rundfunk einen Literatur-Chefposten begleitete, gab es gelegentliche Briefwechsel.

Was ich beim Katalogisieren überdies noch entdeckte sind ein 1902 im Bibliographischen Institut verlegter Gedichtband von Ernst Moritz Arndt sowie die Publikation „Reise im Ballon“ des eher als Märchenerzähler bekannten Autors Hans Christian Andersen, die 2018 bei L.S.D. erschien. Hinter diesem Verlagsnamen verbarg sich allerdings keine Droge der üblichen Art, sondern die abgekürzten Namen Karl Lagerfeld, Gerhard Steidl und Druckerei Verlag.

Damit wäre für mich das Kapitel A abgeschlossen. Beim Buchstaben B wird es allerdings wohl etwas komplizierter, denn dazu habe ich im Laufe der Jahrzehnte 89 Autoren mit 237 Büchern ver-, besser gesammelt.

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