Bibliotheken sind Wiege der Demokratie

Von Rainer Beutel.

In der Treburer Bibliothek im ­Alten Rathaus hat sich allerhand bewegt. Ausschlaggebend dafür ist das Wirken des 50-jährigen Richard Jurst-Görlach, der die kommunale Einrichtung seit wenigen Monaten leitet, viel Herzblut einbringt und sich „wie im Paradies“ fühlt. Im Gespräch mit WIR-Redakteur Rainer Beutel beschreibt der umtriebige Bibliotheksleiter seine Ideen und Pläne für die Zukunft.

Herr Jurst-Görlach, Sie sind gebürtiger Wiener, haben eine eigene Buchhandlung mit Antiquariat geführt, in Ihrer Heimatstadt rund 550 literarische Veranstaltungen mit Autoren von Paul Auster über Martin Walser bis Rolf Hochhuth arrangiert (zum Teil mit bis zu 1.300 Besuchern), waren beruflich unter anderem in Tel Aviv, Berlin und Heidelberg tätig und leiten nun die beschauliche Bibliothek in Trebur. Was verschlägt Sie hier her?

Richard Jurst-Görlach: Zunächst: Meine Frau und ich haben Wien aus privaten Gründen verlassen. Was meine Frau studieren wollte, wurde dort nicht angeboten. Dann begann meine berufliche Durststrecke. Ich habe in Teilzeitjobs gearbeitet, aber nie lange an einem Stück. Mit 47 Jahren habe ich mich entschlossen, noch einmal eine neue Ausbildung zu beginnen. Denn in Deutschland braucht man ein Stück Papier, das einem die Qualifikation bestätigt, in einer Bibliothek arbeiten zu dürfen, obwohl ich mich bis hierhin 25 Jahre beruflich nur mit Büchern beschäftigt habe. Daraufhin habe ich an der Darmstädter Universitätsbibliothek eine Lehre als Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste absolviert.

Wie ging es weiter?

Richard Jurst-Görlach: Unmittelbar vor der Abschlussprüfung habe ich die Ausschreibung gesehen, dass in der Gemeinde Trebur die Leitungsstelle der Bibliothek zu besetzen ist. Nun bin ich hier im Paradies. Ich wollte schon immer eine kleine Bibliothek selbst leiten.

Also sehen Sie Ihren neuen Beruf als Beruf mit Zukunft. Heißt das, um es übertrieben provokant zu formulieren: Es werden heutzutage tatsächlich noch Bücher gelesen?

Richard Jurst-Görlach (lacht): Ja, mehr als das. Das Medium Buch wird nie aussterben. Das elektronische Lesen wird immer eine Ergänzung sein. In der Wissenschaft ist es ja schon seit 30 Jahren gang und gäbe, elektronisch zu lesen. Aber es ist natürlich klar, dass man mit Büchern aktiv auf Menschen zugehen muss, ihnen bewusstmachen sollte, was wir in einer Bibliothek haben. Das ist kein Selbstläufer, aber mit ein bisschen Motivation kann ich jedem hier die gesamte Kulturgeschichte zeigen. Das funktioniert mit Krimis unter Umständen. Das wichtigste Buch ist für mich aber das Sachbuch.

Warum?

Richard Jurst-Görlach: Schauen Sie mal, wie viele Informationen in einem Sachbuch stecken. Nur wenn wir uns unabhängig informieren können, können wir unabhängig leben. Jeder muss Zugang bekommen zu allen Informationen. Insofern sind Bibliotheken die Wiege der Demokratie. Bibliothekare sind die Leitplanken und auch Garanten für qualitätsorientierte Informationen, deshalb wird es immer Bibliotheken geben.

Es werden aber auch Bibliotheken geschlossen.

Richard Jurst-Görlach: Ja, leider. Fast alle Bibliotheken sind in öffentlicher Hand. Wenn sich die öffentliche Hand nicht um Bildung kümmert, haben Politiker ihren Beruf nicht verstanden. Es ist aber klar: Zur Bildung gehört auch Unterhaltung, Krimis, DVDs. Literatur ist auch Entspannung. Wer Kinder hat, weiß, wie Kinder auf Bücher abfahren, wenn sie eine völlig neue Welt erklärt bekommen.

Wie wirkt sich das hier in einer kleinen Bibliothek aus? Sie haben sich ja einiges vorgenommen.

Richard Jurst-Görlach: In der Treburer Bibliothek hatte sich einige Zeit nichts getan, offensichtlich so lange, bis ein Bürgermeister am Ruder ist, der wie ich Bibliotheken liebt (schmunzelt). Mit Jochen Engel habe ich auf Seiten der Politik einen Partner, der die Bibliothek per se nicht in Frage stellt, auch wenn ich selbstverständlich erklären muss, was ich hier treibe.

Was treiben Sie denn?

Richard Jurst-Görlach: Corona hat mir in die Hände gespielt. Die Bibliothek war bei meinem Amtsantritt bereits geschlossen. Im laufenden Betrieb wäre es unmöglich gewesen, alles umzubauen und umzuräumen. Hier war vieles durcheinander. Jetzt findet sich im Erdgeschoss die Literatur für Erwachsene und klar getrennt in der ersten Etage die für Kinder. Der gesamte Kinderbereich wurde neu gestaltet, mit einem großen Tisch zum Basteln, nicht irgendwo versteckt hinter einer Tür. Ich will, dass Kinder hier transparent sind und es sich gemütlich machen können. Sie finden zum Beispiel ein kleines Bett mit Baldachin zum Schmökern. Außerdem wurden die Lesebereiche nach Altersstufen geordnet und separat gestaltet. Hier standen keine Pflanzen, es gab keine Couch. Die Theke zum Ausleihen der Bücher steht nun zentral. Es gibt ein Regal mit besonderen Empfehlungen, um nur einige Details zu nennen.

Auch im Bereich für Erwachsene scheint alles übersichtlicher geordnet und lockerer gestaltet?

Richard Jurst-Görlach: Ja, aber nicht nur das. Künftig soll schon draußen erkennbar sein, dass wir geöffnet haben. Wir werden Tische und Stühle ins Freie stellen, wo sich die Menschen bei gutem Wetter treffen, miteinander reden und Zeitung lesen können. Wir haben jetzt samstags bis 13 Uhr geöffnet, so dass die Leute nach 12 Uhr, wenn sie alles fürs Wochenende besorgt haben, zu uns ans Ende der Treburer Einkaufsstraße kommen können, um zu entspannen. Das liegt doch auf der Hand, dass man hier auf unserem schönen Platz vor der Bibliothek pausiert. Die Treburer Bibliothek soll alle Sinne ansprechen.
Für Menschen mit Behinderungen ist es aber gar nicht so einfach, sich in einem alten Fachwerkhaus wie diesem hier zu bewegen.

Richard Jurst-Görlach: Richtig, deshalb wollen wir das große Südtor öffnen, Luft und Licht reinbringen und mit Rampen ermöglichen, dass Stufen problemlos überwunden werden können. Die Politik ist gefordert, das Gebäude barrierefrei zu machen.

Was haben Sie sonst noch vor?

Richard Jurst-Görlach: Zum Beispiel ein Schnupperabo mit der Möglichkeit, für drei Monate gratis Medien auszuleihen, denn die 15 Euro Jahresgebühr für die Nutzung unseres Angebots sind ja für manche nicht gerade wenig. Außerdem werde ich auf Kindergärten und Schulen zugehen, Schüler zu klassischen Bibliotheksführungen einladen und Kinder animieren, Bücher auszuleihen, zu lesen, zusammenzufassen und die Geschichten anderen zu erzählen. Wer das zehn Mal gemacht hat, wird belohnt. Auch ein Biblio-Bike will ich anschaffen – ein Lastenfahrrad mit aufklappbarer Bibliothek, das etwa 150 Bücher beinhaltet, um damit zum Beispiel ins Freibad und ins Seniorenheim zu fahren. Dort können die Menschen dann Bücher direkt ausleihen.

www.buecherei-trebur.de

Die Bücherei befindet sich im Alten Rathaus, Wilhelm-Leuschner-Platz 6, Tel. 06147-3982.
Geöffnet ist die Einrichtung montags von 10 bis 13 Uhr und 14 bis 18 Uhr, dienstags und samstags von 10 bis 13 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr.

Kontakt: Richard Jurst-Görlach, richard.jurst-goerlach@trebur.de, www.buecherei-trebur.de, Telefon 06147-936748

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