Corona steht für Zerrissenheit

Von Anette Welp.

Ein Blick in das ökumenische Heiligenlexikon erklärt, dass Corona eine Heilige, eine Schutzpatronin ist. Wir wissen nur Vages, und das hat nichts mit dem Virus an sich zu tun.

Denn, Corona, lat. „die Gekrönte“, ist als Sechzehnjährige in der Spätantike auf brutalste Art und Weise hingerichtet worden. Corona, Ehefrau des Soldaten Victor, weigerte sich während der Christenverfolgung – ebenso wie ihr Mann – ihren christlichen Glauben zu widerrufen. Corona wurde zum Tode verurteilt, an zwei gebeugte Palmen gebunden und beim Emporschnellen zerrissen.

Der Gedanke, dass Corona für Zerrissenheit steht, gefällt mir sehr gut. Denn das, was jetzt seit der Corona-Krise geschieht, verstärkt die noch immer bestehende Zerreißprobe der Frauen. Die Corona-Krise zeigt uns noch einmal mehr, wo die Defizite in unserer Gesellschaft liegen und wer unsere Gesellschaft auf ihren Schultern trägt.

Wie geht es Frauen mit ihren vielen Aufgaben wie Haushalt, Kindererziehung und -betreuung, Pflege der (Schwieger-)Eltern, Beruf, Weiterbildung, Karriere? Wie geht es ihnen gerade jetzt, wo Corona noch mehr Flexibilität fordert und deutliche Grenzen aufzeigt? Wer wertschätzt das Engagement und den Spagat zwischen Beruf und Familie? Wie viel sind sich Frauen selbst wert?

Die Corona-Krise fordert uns auf, wachzuwerden und uns zu positionieren. Es ist jetzt höchste Zeit, genau hinzuschauen und die Veränderungen unserer gesellschaftlichen Strukturen zu beschleunigen. Es ist der beste Augenblick, aufzustehen, um klar und deutlich auf politischen Ebenen zur Vereinbarkeit von Familie, Partnerschaft und Beruf entsprechende Forderungen zu stellen. Das bedeutet im Klartext eine Veränderung der Arbeitszeiten, damit eine lebendige Familie, die allen gerecht wird, möglich ist.

Es bedeutet im Klartext die Aufwertung und gerechte Bezahlung aller Dienstleistungsberufe. Es bedeutet im Klartext eine Veränderung des partnerschaftlichen Miteinanders und eine Veränderung familiärer Strukturen zum Wohle aller (auch der Frauen).

Viele Familienväter haben längst verstanden, dass die Strukturen auch ihnen nicht mehr guttun. Sie sehen die Zerrissenheit ihrer Frauen. Und diejenigen, die es immer noch nicht begriffen haben, sollten wir zurücklassen. Es ist an der Zeit, dass wir uns solidarisieren und endlich mutig gemeinsam aufstehen.
Ich weiß, dass es mühevoll ist, bei mir selbst anzufangen und meine eigenen Glaubens-, Gedankenmuster und Strukturen zu überprüfen und zu verändern. Auch ich stoße immer wieder an meine Grenzen. Früher empfand ich es als anstrengend, aus meinen angenehmen Nischen herauszutreten, um etwas Neues zu wagen. Doch spürte ich schnell, dass es mich zerreißt, wenn ich rückwärtslaufe. Ich kenne meine Stärken und Schwächen und wachse mit jeder neuen Erkenntnis. Dieses Wachstum aufzuhalten, mich selbst zu beschneiden und einzuschränken, ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Ich habe beschlossen, meinen Weg zu gehen. Alte und überholte Strukturen aufzubrechen, erfordert Klugheit, Kraft, Energie, Geschick und Ausdauer! Und genau das sind unsere Stärken – also nutzen wir sie JETZT.

Anette Welp
ist Autorin sowie Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte in Trebur;
augenauf.welp@t-online.de

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