Ein offener Brief

Von Birgit Schlegel.

Nähe und Distanz, Einsamkeit und Solidarität. Das alles ­bestimmt zurzeit unser Leben. Nicht nur hier in Deutschland, die halbe Welt ist davon ergriffen. Gebannt schauen wir auf die Entwicklungen und verfolgen die neuesten Nachrichten.

Eine Pandemie diktiert unser Lebensgefühl, schränkt uns ein, selbst in unseren Grundrechten. Sie macht Angst, macht einsam oder überfordert uns durch fehlende Rückzugsmöglichkeiten in engen Wohnungen. Wir halten Abstand zueinander – und vermissen es doch oft, einander nahe zu sein. Wer sich um lebhafte Kinder oder gefährdete ältere Menschen sorgt, wünscht sich ebenso wie diejenigen, die um ihre Arbeitsstelle und ihre Existenz bangen, sehnlich, dass diese Zeit bald vorüber sein wird.

Noch aber brauchen wir alle Geduld. Vielleicht bringt die Pandemie uns aber auch zum Nachdenken darüber, was nun wirklich wichtig ist. Mitmenschlichkeit, Empathie und Rücksichtnahme sind gefragt.
Ich sitze an meinem kleinen Schreibtisch und schaue auf die Fensterbank vor mir: Ein paar Pflanzen, Steine – und eine Osterkarte mit dem Foto eines knospenden Zweiges. Wirklich schön. Was für eine Kraft steckt doch in diesem Zweig! Ein Kollege in Rüsselsheim hat Ostergrußkarten mit diesem selbst geschossenen Foto verteilt.

Da es keine Gottesdienste in den Kirchen geben darf (wohl aber stille Gebete), haben sich unsere Kirchengemeinden etwas einfallen lassen. So wurden z.B. – auf eine altmodische Art „online“ – Gebetstexte zum Mitnehmen an Wäscheleinen vor die Kirche gehängt, anderswo Überraschungs-Ostertüten und Kinderbeschäftigungsideen verteilt, Gottesdienste gefilmt und auf Youtube eingestellt, oder Impulse als Audio auf der Homepage der Gemeinde veröffentlicht.

An einem Ort gab es die Möglichkeit kleiner Aktionen vor der Kirche: Dort konnten vorübergehende Spaziergänger einen Moment innehalten, um am Karfreitag eine Bitte oder ein paar Gedanken aufzuschreiben und zum Kreuz zu legen oder am Ostersonntag ein Teelicht an der Osterkerze anzuzünden und mitzunehmen – als Zeichen der Hoffnung. Als Zeichen dafür, dass wir auf das Leben setzen und Gottes Macht und seiner Liebe vertrauen dürfen. Die Osterbotschaft kann tragen und Mut machen – weit über Ostern hinaus. Vielerorts lädt das abendliche Läuten der Kirchenglocken auch weiterhin zum Innehalten und Gebet ein, in Mörfelden-Walldorf und Rüsselsheim rufen auch Moscheengemeinden dazu auf, für unsere Gesellschaft zu beten und ein Zeichen der Solidarität zu setzen.

Es gibt in den Kirchengemeinden auch weiterhin Zeit für seelsorgerliche Gespräche und tatkräftige Unterstützung, von Einkaufshilfe bis Suppenküche. Und das natürlich nicht nur für Kirchenmitglieder! Die Krise fördert überall Hilfsbereitschaft, Findigkeit und Kreativität! Wir sollten uns vieles davon bewahren. Für die Zeit nach Corona. Füreinander. Für eine menschlichere, gerechte und friedliche Gesellschaft. Bei uns in Deutschland – und selbstverständlich auch jenseits unserer Landesgrenzen.
Bleiben Sie behütet und gesegnet!

Birgit Schlegel
ist Pfarrerin und Dekanin des Ev. Dekanats Groß-Gerau-Rüsselsheim;
ev.dekanat.gross-gerau-ruesselsheim@ekhn-net.de
Evangelisches Dekanat
Groß-Gerau
Rüsselsheim

Kirche und Corona

Von Dr. Wolfgang Fenske

Seit alten Zeiten sind Christen vielfach in Kirchen anwesend, gerade wenn Menschen Not leiden. Menschen kommen zusammen, um in der Gemeinschaft und im Glauben Halt zu finden. Und jetzt, im Corona-Monat? Um nicht andere anzustecken, wurde schon sehr früh über eine Aussetzung der Gottesdienste diskutiert. Man gibt sich damit vielerorts jedoch nicht zufrieden. Man sucht nach Alternativen, nach Gemeinschaft, ohne zusammenkommen zu können.

Da bieten sich die Glocken an. Glocken sind das Kommunikationsmedium schlechthin. Sie künden nicht allein mit dem Stundenschlag die Zeit an, sondern sie läuten christliche Gebetszeiten ein (6:00 – 12:00 – 18:00 Uhr), schlagen Alarm, wenn Not ist, laden zum Gottesdienst ein. In Corona-Zeit wird die Glocke genutzt, um Menschen zum Gebet zu rufen. Um 19:30 Uhr läutet das Vater-Unser-Glöckchen, und jeder, der möchte, kann mit den anderen ohne sie zu sehen das Vater-Unser beten. Es bildet sich eine Gebetsgemeinschaft. Ein Priester in Italien bat um Selfies, weil er nicht vor leeren Kirchenbänken Gottesdienst halten wollte. Viele schickten ihre Bilder (auch in Nauheim), sodass eine Gottesdienstgemeinschaft besteht, ohne dass Menschen anwesend sind – aber sie wissen sich in einer Gemeinschaft vor Gott eingebettet.

Entsprechend gibt es viele lokale Aktionen solcher Art, aber auch soziale Aktionen, digitalisierte Gemeinschaften über soziale Medien, Fernsehgottesdienste (ARD/ZDF, K-TV, BibelTV), gestreamte Gottesdienste, biblische und andere Mutmach-Texte usw.

Kritik wird laut, weil die EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) nicht nationale Gebetstage ausruft. Ich denke, dass alle Christen vor Ort je nach Fähigkeiten/Gaben kreativ tätig sein können. Die Rufe, dass alles einheitlich sein muss, missachten lokale Besonderheiten. Manches gelingt, manches läuft ins Leere, manches zeigt sich als wenig durchdacht – sei’s drum: Wir sind auch als Christen Menschen, die versuchen, mit einer unbekannten Gefahr fertig zu werden, zum Wohl anderer.

In Medien wird zum Teil heftig die Sicht kritisiert, dass Epidemien als Strafe Gottes bezeichnet werden. Man mag dazu theologisch stehen wie man will. Seit alters wird mit dieser Aussage auch moralisches Handeln verbunden: Wenn etwas als Gottes Strafe bezeichnet wurde, wurde sofort daran angeschlossen: Verhalte dich sozial. Wir kennen das heute auch. Manche sagen: Die Natur straft mit Katastrophen – also soll der Mensch sich umweltbewusst verhalten. Heute werden damit Forderungen nach Gesetzen verbunden. In christlicher Tradition wurde damit eigenständiges verantwortungsvolles Handeln betont, wobei es allerdings auch furchtbare irrationale Auswüchse gab. Wer verantwortlich handelt, sucht die Fehler nicht bei anderen, beschimpft nicht diejenigen, die nicht so handeln, wie man es selbst für richtig hält, nörgelt nicht besserwisserisch herum, wartet nicht auf einen starken Mann oder eine starke Frau, sondern tut das, was nötig ist.

Was bedeutete aus christlicher Perspektive verantwortlich zu handeln? Leg dich im Leben und Sterben in Gottes Hand! Damit schaut man nicht auf die notvollen Zustände, überlässt sich nicht seinen Ängsten und Sorgen, sondern schaut auf den liebenden Gott. Verhalte dich sozial! Böse Taten sind ansteckend, aufgeregtes Geschwätz, lähmende Resignation, egoistische Selbstfixierung – all dem werden sachlich durchdachte gute Taten entgegengesetzt. Konzentriere dich auf das Wesentliche! Häufig wird der Blick durch Oberflächlichkeiten vom Wesentlichen abgelenkt. Carpe diem, nutze den Tag, tu das, was wichtig ist, das, was in deinen Augen relevant ist, wirklich Wert und vor Gott Bestand hat.
Die Aufgabe der Kirche und der Christen ist zu allen Zeiten gleich: Dunkle Zeiten mit Gottes Licht zu durchdringen, schwere Zeiten mit Gottes Kraft zu überwinden. Wie das geschehen soll, das werden die jeweiligen Christen betend und fürbittend selbstverantwortlich in ihrer jeweiligen Zeit mit ihren je eigenen Problemen entscheiden. Auch in Zeiten von Covid-19.

Dr. Wolfgang Fenske
ist ev. Theologe und Lehrer an der Groß-Gerauer Prälat-Diehl- Schule;
wolfgangfenske@aol.com

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