Lange nicht mehr „Tochter von“

Von Rainer Beutel.

Julia Hartmann ist neue Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Groß-Gerau. Die Mutter von
zwei jungen Kindern vereint geschickt private, berufliche und ehrenamtliche Lebensplanung.
Das ­Spitzenamt in der Kreisstadtverwaltung kommt für sie allerdings nicht in Frage, betont
Hartmann im Interview mit WIR-Redakteur Rainer Beutel.

Frau Hartmann, als neue und junge Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Groß-Gerau haben Sie sicherlich klare Vorstellungen, was Sie für die Union Gutes tun können. Welche Akzente und Impulse wollen Sie in der Partei setzen?

Julia Hartmann: Ich würde mir wünschen, dass die Mitgliederstruktur CDU-Groß-Gerau unter meiner Führung jünger und weiblicher wird. Wir müssen offensiver werden und unsere Ziele und Vorstellungen stärker publizieren. Ich möchte die Stärken und Kräfte im Stadtverband bündeln und die einzelnen Ortsverbände im Stadtverband vereinen, denn wir sind ein Groß-Gerau, für das wir stehen und eintreten. Letztlich ist mein Anspruch, dass wir Groß-Gerau weiterhin gestalten und weiter entwickeln.

Sie sind die Tochter des CDU-Fraktionsvorsitzenden in der Stadtverordnetenversammlung. Was können Sie von Ihrem Vater übernehmen, was werden Sie anders machen?

Julia Hartmann: Durch meinen Vater kann ich von jahrzehntelanger politischer Erfahrung profitieren. Zugleich sieht sich meine Generation mit ganz anderen gesellschaftlichen und parteipolitischen Problemen konfrontiert, auf die ich als junge Mutter ganz eigene Lösungen finden muss. Mit der Geburt meiner Söhne hat sich auch mein Emotionshaushalt verändert. Hier ist es sicherlich hilfreich, mir etwas von seinem dicken Fell abzuschneiden. Andererseits bin ich auch mal kompromissbereiter als mein Vater.

Welche Vorteile hat die verwandtschaftliche Nähe, und ganz ehrlich: Gibt es dadurch auch Nachteile für die Parteiarbeit?

Julia Hartmann: Vorteile sehe ich keine, da ich als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung bereits in die laufende Fraktionsarbeit eingebunden bin und dadurch die Groß-Gerauer Themen mitbekomme und diskutiere. Als Nachteil habe ich früher empfunden, dass ich als „die Tochter von“ wahrgenommen wurde, besonders auf Kreisebene. Da ich aber mittlerweile lange genug dabei bin, hat sich das erübrigt.

Wie ist denn die CDU in der Kreisstadt für die nächste Kommunalwahl aufgestellt, vor allem im Hinblick auf Frauen und junge Menschen sowie eine Junge Union?

Julia Hartmann: Wir sind gut aufgestellt und wollen wieder stärkste Faktion in der Stadtverordnetenversammlung werden. Ich denke wir können den Groß-Gerauer Bürgerinnen und Bürgern eine vielfältig zusammengesetzte Liste zur Wahl vorlegen. Der Stadtverband der Jungen Union Groß-Gerau ist zurzeit leider inaktiv, jedoch befinden sich trotzdem einige seiner Mitglieder in den Reihen der CDU. Einen gezwungenen Frauenanteil halte ich für falsch, Qualität und nicht Quote sollte entscheidend sein.

Mal unabhängig von Anträgen und Initiativen: Inwiefern kann eine Parteivorsitzende Einfluss auf das Handeln des Bürgermeisters nehmen, der aus derselben Partei stammt?

Julia Hartmann: Der Draht zu einem Pateifreund ist natürlich kürzer als zu einem Bürgermeister einer anderen Partei. Es ist ebenso von Vorteil, wenn sich ein Bürgermeister auf eine Mehrheit im Stadtparlament stützen kann. Aber warum sollte sich ein Bürgermeister von einer Parteivorsitzenden in seine Arbeit reden lassen? Das ist nicht mein Weg.

Kommt für Sie eines Tages das Spitzenamt im Rathaus als berufliche und politische Option in Frage? Falls nicht, warum?

Julia Hartmann: Als berufliche Option kommt der Chefsessel im Rathaus für mich nicht in Frage. Dafür bin ich viel zu gerne Pharmazeutin. Außerdem hat Erhard Walther früh signalisiert, dass er zu einer weiteren Amtszeit kandidieren wird. Von daher stellt sich die Frage aktuell auch nicht.

Welche Themen halten Sie in Groß-Gerau in den nächsten Jahren für besonders entscheidend?

Julia Hartmann: Wir müssen dringend Kindergartenplätze schaffen, es müssen mindestens drei neue Kitas gebaut werden. Der Bau der Ortsumgehung Dornheim muss vorangetrieben werden. Entscheidend wird auch sein, unsere freiwilligen Leistungen erhalten zu können. Das funktioniert nur durch eine kaufmännisch konservative Politik. Ich finde es gut, dass Groß-Gerau sich zwei Schwimmbäder, eine Stadtbücherei, eine Musikschule und ein Stadtmuseum leisten kann und dazu auch noch seine Vereine bezuschusst. Wir müssen weiterhin auf jeden Euro schauen, bevor wir ihn ausgeben. Wichtig ist aber auch, dafür zu sorgen, dass der Zusammenhalt in unserer Bevölkerung nicht aufbricht und einzelne Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausgespielt werden. Die Sicherheit in Groß-Gerau muss erhalten bleiben und da, wo es vermeintlich noch hakt, erhöht werden.

Am Beispiel Ihres Vorgängers wurde erkennbar, dass eine Lebensplanung auch mal überraschende Wendungen nimmt. Wie sieht es bei Ihnen aus? Bleiben Sie Groß-Gerau in absehbarer Zeit verbunden?

Julia Hartmann: Meine Wurzeln liegen in Groß-Gerau. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mit einer dreijährigen Unterbrechung habe ich immer hier gewohnt. Mein Mann und ich sind beide im Ehrenamt aktiv (er engagiert sich in der Freiwilligen Feuerwehr) und stark eingebunden. Wir haben vor kurzem ein für uns passendes Haus in Groß-Gerau gekauft und hätten lieber eine längere Suche in Kauf genommen, als den Wohnort zu wechseln. Von daher werde ich Groß-Gerau verbunden bleiben.

Abschließend und über den Tellerrand geblickt: Was sagen Sie zur anstehenden Wahl des CDU-Bundesvorstands? Wer ist, Stand Anfang März 2020, Ihr Favorit?

Julia Hartmann: Gut und richtig finde ich, einen Sonderparteitag für die Wahl zum neuen Bundesvorsitz zu veranstalten. Eine Aufschiebung dieser wichtigen Entscheidung bis zum nächsten regulären Parteitag im Dezember hätte die Partei nur mehr geschwächt. Alle drei Kandidaten bringen ihre Vor- und Nachteile mit sich. Diese gegeneinander abzuwägen und sich letztlich für einen Kandidaten zu entscheiden ist Sache der Delegierten des Bundesparteitages.

www.cdu-gross-gerau.de

Zur Person: Julia Hartmann, 1982 in Groß-Gerau geboren, verheiratet, zwei Söhne (drei Jahre und sechs Monate), pharmazeutisch-technische Assistentin, seit 2009 Mitglied der CDU, seit 2012 Vorstandsmitglied des CDU-Stadtverbands und seit 2013 Stadtverordnete, ehemals Vorsitzende der Jungen Union Groß-Gerau und Mitglied im JU-Kreisvorstand.

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