Lizenz zum Versöhnen

Von Ulf Krone.

Schiedsämter gibt es in Hessen in jeder Gemeinde, und das Verfahren zur Streitschlichtung wird darüber hinaus in fast allen Bundesländern angewandt. Denn häufig können Streitigkeiten mithilfe einer Schlichtung beigelegt werden, bevor es zu einem teuren Gerichtsverfahren kommt.

Schiedsfrauen und Schiedsmänner werden auf Vorschlag der Gemeindevertretung auf fünf Jahre gewählt und nach der Wahl von der Leitung des zuständigen Amtsgerichts bestätigt. In der Kreisstadt hat seit zehn Jahren Meinhard Semmler dieses Amt inne. Am 30. Juni räumt er seinen Posten. Anlass genug, den geduldigen Vermittler noch einmal an seinem Arbeitsplatz im Historischen Rathaus zu besuchen.

Für unser Treffen nehmen wir im Tagungsraum Platz – auch weil man dort gut die geltenden Abstandsregeln einhalten kann, an dem Ort, an dem auch die Schlichtungsgespräche mit den Streitparteien geführt werden. Ein passender Ort, wie ich finde, mit großen Tischen und einer ernsten, aber irgendwie beruhigenden Atmosphäre, in der im Schnitt etwa zehn Fälle im Jahr verhandelt werden.

„Über die Jahre haben wir 92 Fälle geschlichtet, mehr als 80 Prozent davon gütlich“, berichtet Meinhard Semmler nicht ohne Stolz. Mit „wir“ meint er sich und Ulrike Knirsch, die seit etwa sieben Jahren seine Stellvertreterin ist, aber auch leitende Mitarbeiter des Amtsgerichts, der zuständigen Dienststelle, deren sachkundige Hilfe vor juristisch kniffligen Fällen er besonders lobt. „Ich sage immer: Wir sind die Vermittlungsinstanz mit der Lizenz zum Versöhnen!“ Denn die Ziele des Schlichtungsverfahrens sind klar umrissen: Versöhnung, ein harmonisches Miteinander sowie die Vermeidung einer Gerichtsverhandlung.

„Zumeist geht es um Nachbarschaftsprobleme, etwa um alles, was Grenz-Geschichten anbetrifft, aber auch im strafrechtlichen Bereich gibt es Schlichtungen, zum Beispiel bei Beleidigungen. Außerdem geht es um Ruhestörung, Tierhaltung, Müllentsorgung, Parkprobleme, und es ist durchaus spannend, in solchen Fällen interessengerechte Lösungen zu finden.“

Denn häufig seien die Streitigkeiten nur Symptome, und es existiert eine Hintergrundgeschichte zum verhandelten Problem. Die müsse man dann rauskitzeln, erklärt Meinhard Semmler. Und dafür benötigt man Menschenkenntnis, ein gutes Ohr für Zwischentöne sowie Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Problemen der Streitparteien. Fähigkeiten, über die der 76-jährige ganz offensichtlich verfügt, war er doch nicht nur Englisch- und Geschichtslehrer an der Prälat-Diehl-Schule, sondern auch Mitglied im Kirchenvorstand in Dornheim und ist bis heute beim Besuchsdienst der Kirche sowie in drei Chören und zudem als Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins aktiv.

„Ich spreche immer von Hinhörfähigkeit“, bringt es Meinhard Semmler auf den Punkt. Die stehe generell am Anfang aller Schlichtungsbemühungen, später gehe es dann darum, die Sprachlosigkeit zwischen den Parteien zu überwinden. Denn die Menschen wenden sich an die Schiedsstelle, weil sie Hilfe suchen, weil sie eben nicht mehr mit der Gegenseite reden können. Das ist in der Regel der Zeitpunkt, an dem ein Antrag auf Schlichtung gestellt wird. In dem werden die wesentlichen Punkte, etwa was stört, was soll geändert werden, eingetragen und das Dokument dem Antragsgegner zugestellt. Schließlich muss der Antragssteller einen Vorschuss auf die Kosten der Schlichtung leisten, und es wird ein Termin für das Schlichtungsgespräch ausgemacht. Von diesem Gespräch wird Protokoll geführt, das am Ende von beiden Parteien unterschrieben wird. Das Protokoll fungiert quasi als rechtskräftiger Vertrag, in dem eine etwaige Einigung festgehalten und der 30 Jahre gültig ist.

In den Gesprächen hilft Meinhard Semmler seine langjährige Erfahrung, aber auch familiär bringt er gute Voraussetzungen mit. „Zum einen bin ich mittlerweile relativ gut eingearbeitet, zum andern ist (mein) unser Sohn Therapeut, und wir unterhalten uns oft über Mediation. Das hilft.“

Doch jetzt soll Schluss sein, zehn Jahre seien genug. „Ich habe gesagt: Das ist jetzt der Zeitpunkt, um Platz zu machen! Denn ich habe gemerkt, dass die Gespräche manchmal sehr anstrengend sind, wenn z. B. auf der einen Seite acht Personen sitzen und auf der anderen drei.“ Außerdem sei er am Ende einer weiteren Amtszeit bereits 81, erklärt Meinhard Semmler, weshalb er sich für den Rückzug entschieden hat. Die Sprechstunde, die jeweils am ersten Donnerstag im Monat von 17 bis 18 Uhr im historischen Rathaus stattfindet, übernimmt jetzt seine Stellvertreterin Ulrike Knirsch.

Nun können sich noch bis zum 26. Juni interessierte Bürger, die mindestens 30 Jahre alt und weder als Rechtsanwalt noch als Notar zugelassen sind, beim Magistrat der Kreisstadt Groß-Gerau, Amt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, für das Amt bewerben, das in den vergangenen zehn Jahren mit dem Namen Meinhard Semmler verbunden war.

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1 Antwort

  1. Peter Preussler sagt:

    Ich möchte, auch auf diesem Wege, Herrn StVO. Klaus Merkert, zum neuen Schiedsmann vorschlagen!

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