Weniger Mitglieder und Pfarrstellen

Von Rainer Beutel.

Die Corona-Krise ist keine schnell vorübergehende Zeiterscheinung. Auswirkungen spüren wir alle, im alltäglichen Leben, im Beruf, im sozialen Umfeld. Längst zeichnet sich ein Strukturwandel ab, der ältere Veränderungsprozesse noch beschleunigen könnte. Wie begegnen Entscheidungsträger und Institutionen dieser Entwicklung? Rainer Beutel vom WIR-Magazin hat sich bei Birgit Schlegel, Dekanin der Evangelischen Kirche im Kreis Groß-Gerau, erkundigt.

Frau Schlegel, die Corona-Pandemie stellt unser gewohntes Leben auf den Kopf, mit Auswirkungen auf alle Lebensbereichen. Wie ist Ihr Dekanat betroffen? Was macht Corona mit der Kirche?

Birgit Schlegel: Vorab: In unseren Gemeinden gibt es ein großes Engagement und viele kreative Ideen, um nah bei den Menschen zu bleiben. Jede Gemeinde hat gründlich und verantwortungsvoll Hygiene-Schutz-Konzepte für ihre Räume erarbeitet und umgesetzt. Gleichzeitig wird in dieser Zeit auf vieles verzichtet, was uns viel bedeutet: unbefangene Gemeinschaft mit vielen Menschen, gemeinsamer Gesang, körperliche Nähe in freundschaftlichen und tröstenden Umarmungen und manches mehr.

Welche Folgen hat das?

Birgit Schlegel: Die Pandemie hat Unsicherheit und Angst erzeugt. Trotz allem ist auch viel Neues in den letzten Monaten entstanden: Neue Formate der Gottesdienste in Kirchen und im Freien, zum Hören und Lesen zu Hause, oder auch zum Mitfeiern ins Internet eingestellt, wurden realisiert. Auch für die Seelsorge wurden neue Formen entwickelt oder wiederentdeckt: Gespräche finden an der Gartentür oder am Telefon statt und in Form persönlicher Briefe. Auch für Kinder und Jugendliche wurden alternative Angebote entwickelt. Und die meisten Konfirmationen konnten, wenn auch in veränderter Form und mit wenigen Gästen, im Herbst noch gefeiert werden.

Was wird an Weihnachten passieren?

Birgit Schlegel: Für Weihnachten wird es eine Fülle unterschiedlicher Formen von gottesdienstlichen Veranstaltungen, oft mit wunderbarer Musik geben, drinnen oder draußen oder digital, denn den herkömmlichen Weihnachtsgottesdienst kann es ja dieses Jahr nicht geben. Und, klar, die Auflagen und Corona-Schutzbedingungen werden wir sorgfältig umsetzen.

Wie reagiert die Evangelische Kirche auf den Wandel?

Birgit Schlegel: Seit Beginn der Corona-Pandemie Mitte März 2020 aktualisiert ein Krisenstab der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) beinahe täglich ein „covid-19-update“, um kirchliches Leben zu gewährleisten – mit allen notwendigen Sicherheitsvorkehrungen, die mit den Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz abgestimmt werden. Für Gottesdienstbesuche gibt es häufig ein Anmeldesystem und vor allen Eingängen der Kirchen und kirchlichen Einrichtungen sind Sicherheitshinweise angebracht: „Halten Sie stets mindestens 1,5 Meter Abstand. Setzen Sie sich nur auf die markierten Plätze. Bitte tragen Sie eine Mund-Nase-Bedeckung. Verzichten Sie auf Körperkontakt wie Händeschütteln.“ Das Dekanat wie auch die Landeskirchen unterstützen die Kirchengemeinden mit einer einmaligen Zahlung, um notwendige Materialien oder auch technisches Equipment anzuschaffen.

Menschen wenden sich, nicht nur wegen ­Corona, von der Kirche ab. Und das wird keineswegs nur mit der Kirchensteuer begründet. Kann Kirche im 21. Jahrhundert wieder attraktiv werden und wenn ja, wie?

Birgit Schlegel: Es gibt viele Angebote, die mit Kirche „konkurrieren“ und um Menschen auf der Suche nach Sinn oder Gemeinschaft werben. Unsere eigene besondere Aufgabe ist es, für Menschen mit ihren Fragen, mit ihren Zweifeln und in ihrer seelischen Not da zu sein. Diese Aufgabe in der Zeit einer Pandemie zu erfüllen, ist ganz besonders herausfordernd.

Das heißt konkret?

Birgit Schlegel: Unsere Alten- und Klinikseelsorger sind bei den Menschen in den Krankenhäusern und Alteneinrichtungen. Andachten werden in die Zimmer übertragen. Und auch für die Pflegekräfte sind unsere Seelsorger da. Darüber hinaus bietet die EKHN zahlreiche Beratungs-, und Hilfs-Angebote, Seelsorge und Begleitung, Pfarrer und Pfarrerinnen im Netz, Telefonseelsorge, ein „Entlastungstelefon“ für Pflegende, Mediziner und Rettungskräfte sowie Notfallseelsorge und Schulseelsorge. Wir arbeiten nicht nur für unsere eigenen Mitglieder, sondern immer stärker Gemeinwesen orientiert und gehen zahlreiche Kooperationen ein. Und dann haben wir ja auch eine uralte und immer noch frische und aktuelle und sinnstiftende Botschaft weiterzugeben …

Die beiden großen Glaubensgemeinschaften klagen schon seit Jahren über viele Austritte. Was unternimmt die Kirche als Institution?

Birgit Schlegel: Diese Frage wird von Journalisten oft und zuerst gestellt. Ja, wir werden weniger, sowohl in der evangelischen wie auch in der römisch-katholischen Kirche. Dazu gibt es umfangreiche Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass vor allem Menschen zwischen 20 und 35 Jahren den großen Kirchen den Rücken kehren. Landeskirchenweit und regional beschäftigen wir uns im Prozess „EKHN 2030“ mit künftigen Prioritäten für das kirchliche Handeln. Klar ist, dass bei weniger Mitgliedern auch weniger Zuweisungen in die Kirchengemeinden fließen. Das hat u.a. Auswirkungen auf die Anzahl von Pfarrstellen in kleiner werdenden Gemeinden. In unserem Dekanat arbeiten Kirchengemeinden bereits immer stärker regional zusammen, ob in Mörfelden-Walldorf, in Groß-Gerau, an der Mainspitze, in Riedstadt oder in Rüsselsheim. Unser Dekanat legt – auch bei schrumpfenden Ressourcen – Wert darauf, im Bereich öffentliche Seelsorge, z.B. in Klinik, Altenheim weiterhin präsent zu sein.

Wenn Pfarrgemeinden zusammengelegt werden – verstärkt das nicht gerade das Problem, die Menschen vor Ort noch erreichen und abholen zu können?

Birgit Schlegel: Ohne Zustimmung der Gemeinden, jede eine eigene „Körperschaft des öffentlichen Rechts“, können sie nicht zusammengelegt werden. Der Kirchenvorstand bestimmt die Entwicklung seiner Gemeinde. Aber wir können als Dekanat und Landeskirche die Regionalisierung und eine Aufteilung der Arbeit fördern. Uns ist es bewusst, dass die Erreichbarkeit von Seelsorgern gewährleistet bleiben muss. Aber es muss nicht alles in der eigenen Gemeinde angeboten werden. Eine hat schöne Kirchenmusik, die andere diakonische Angebote etc.

Wo also sehen Sie die Aufgabe von Kirche im 21. Jahrhundert?

Birgit Schlegel: Lassen Sie uns da über Qualität reden, darüber, dass Kirche – nicht nur in Zeiten der Pandemie, sondern vor allem aufgrund einer immer größer werdenden Schere von Arm und Reich – oft die einzige Lobby derer ist, die keine Lobby haben. Wir versuchen, unser Handeln an den Fragen von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung auszurichten und sind eine zuverlässige Anlaufstelle, die Gemeinschaft schafft. Wir in der EKHN wollen Kirche „mit“ anderen sein und vernetzt agieren. Wir schauen in unseren Häusern und Kirchen verstärkt auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Global gesehen gehören Klimaschutz und Frieden zusammen. Wir unterstützen unsere Partnerkirchen und werden auch im kommenden Jahr beim Ökumenischen Kirchentag 2021 klar Stellung in diesem Themenbereich beziehen.

Anm. d. Red.: Unbeantwortet blieben trotz mehrerer Bitte um eine Antwort die Fragen, was Dekanin Birgit Schlegel an vorderster Stelle gegen die zunehmende Zahl an Austritte unternehmen kann und wofür die evangelische Kirche ihre Einnahmen aus der Kirchensteuer verwendet.

Wie sieht das Evangelische Dekanat im Kreis Groß-Gerau in zehn Jahren aus?

Darauf antwortet Holger Tampe, ehrenamtlicher Vorsitzender des Dekanatssynodalvorstands:

Wir werden größere Einheiten bilden, die durch einen gemeinsamen Kirchenvorstand geleitet werden oder kleinere, unabhängige Einheiten, die aber verstärkt zusammen agieren. So entstehen Zentren, aus denen heraus die Gemeinden, von Verwaltung entlastet, lebendig Neues entwickeln können. Wir brauchen weiterhin ehrenamtliches Engagement und wir werden projektbezogener arbeiten. Stichworte sind „Mitglieder- und Gemeinwesenorientierung“. Das heißt, wir als Kirche schauen nicht nur auf unsere Mitglieder. Auf das Gemeinwesen bezogen sind wir auch für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen in unseren Kommunen aktiv, die nicht Mitglieder unserer Kirche sind. Jeder Aufbruch eröffnet auch Chancen. Die Beteiligungsmöglichkeiten in unserer Kirche sind vielfältig und das wird auch so bleiben. Wir werden weniger, das stimmt. Aber die, die dabei sind, machen das mit Herzblut, und das wird bestimmt auch künftig so sein. 2019 zählte die EKHN 65.402 Ehrenamtliche.

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