Wie ein Fremder Groß-Gerau sieht

Von Peter Erfurth.

Aus der Hessischen Landeszeitung vom 5. August 1936: Ich sitze im Zug zwischen Frankfurt und Groß-Gerau und fahre meiner künftigen Heimatstadt entgegen. Wie wird Groß-Gerau aussehen, wie wird es sich da leben lassen?

Vorsichtig erkundige ich mich bei einem Mitreisenden, was Groß-Gerau für eine Stadt sei. Die Antwort ist nicht gerade sehr ermutigend. „Geere“ wäre ein kleines, ruhiges Städtchen und im übrigen sei „nicht viel los“. Na, warten wir ab, dachte ich mir, denn die Meinungen der Menschen sind nun einmal verschieden und das ist ganz gut so. Endlich ist es soweit – Der Zug rollt in Groß-Gerau-Dornberg ein. Nanu, zwei Bahnhöfe, das hätte ich nicht erwartet. Im Dunst des grauenden Morgens sehe ich die Silhouette des Wasserturmes – sonst kann man kaum etwas erkennen. Steigen wir also um. Nach kurzer Fahrt ist schließlich Groß-Gerau erreicht. Der Bahnhof ist so, wie in vielen kleinen Städten und läßt kaum auf die Eigenart der Stadt schließen. Der erste Eindruck war – offen gestanden – etwas nüchtern. Darüber halfen auch die Grünanlagen am Bahnhof nicht hinweg. Doch man soll mit seinem Urteil nicht zu voreilig sein, denn schon in der Frankfurter Straße bekommt die Sache ein anderes Bild. Prachtbauten und riesige Geschäftshäuser wird ein vernünftiger Mensch in einer kleinen Stadt von vornherein schon nicht erwarten – und sie würden sich auch in den Rahmen der Umgebung nicht einfügen.

Romantische Giebel und Fachwerkbauten sind selten erhalten, denn in der vergangenen Zeitepoche hatte man für ein malerisches Städtebild kaum Verständnis. Ich mußte unwillkürlich an meinen Reisegenossen denken, der der Meinung war, in „Groß-Gerau“ sei nichts los. Was soll denn schließlich auch los sein? Großstädtische Vergnügungen wird weder der Einheimische noch der Fremde vermissen, denn wer sich entschließt, seinen Wohnort in eine Kleinstadt zu verlegen, muß sich eben damit abfinden. Dafür hat in jedem Falle die Kleinstadt auch wieder ihre Eigenheiten und Reize, die man in der Großstadt vergeblich suchen wird. Es hat so manches Städtchen gegeben, das in Verkennung seiner Bestimmung großzügige Unterhaltungsmöglichkeiten geschaffen hat – und die Folge davon war – es wurde ein unglückliches Mittelding daraus.

Uebrigens macht Groß-Gerau einen durchaus lebhaften Eindruck. Es mag größere Städte geben, die längst nicht einen so starken Durchgangsverkehr aufzuweisen haben. Auch sonst ist das Leben und Treiben viel reger, als ich erwartet hatte. Wenn man fremd in eine Stadt kommt, kann man wohl einen allgemeinen äußeren Eindruck – niemals aber gleich ein abgerundetes Bild bekommen. Das ergibt sich erst, wenn man länger am Ort gelebt hat.

Erst dann kann man sich auch ein Bild von den Lebensgewohnheiten und von der Art seiner Mitmenschen machen. Der „echte Geerer“ ist zurückhaltend und abwartend, um nicht zu sagen – mißtrauisch. Wer aber mehr herum gekommen ist, kann das auch begreifen, denn in einer so kleinen Stadt, wo man sich untereinander genau kennt, fügt sich jeder in den Rahmen des üblichen ein – um nicht aufzufallen. Hat man aber erst Gelegenheit gehabt, den „Geerer“ kennen zu lernen, wird man in ihm einen hilfsbereiten und fleißigen Volksgenossen finden.

Im großen ganzen läßt es sich in Groß-Gerau ganz gut leben – wenn man nicht mehr erwartet, als ein Ort in seiner Größe zu geben vermag.

Peter Erfurth
ist Datenbank-Spezialist des Groß-Gerauer Stadtmuseums;
pedepe@gmx.de

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