WIR und das Virus

Von W. Christian Schmitt, Rainer Beutel, Ulf Krone und Michael Schleidt.

Nach dem Corona-Shutdown in Deutschland schreibt hier das Redaktionsteam des WIR-Magazins jeweils aus persönlicher Sicht über Erfahrungen und Einschätzungen zur anhaltenden Krise.

Was alles verändert sich mit Corona?

Von W. Christian Schmitt

Beim allmorgendlichen Frühstück, noch bevor ich den ersten Schluck aus der Kaffeetasse nehmen kann, sagt meine Frau: Heute bitte nicht schon wieder Corona! Und ich antworte ihr, dass ich der Redaktion zugesagt habe, etwas über meine Erfahrungen zum Thema „Die Corona-Krise und ich“ zu schreiben. Deshalb die nachfolgenden Zeilen:

Also, ich bin Journalist, seit mehr als 50 Jahren. Ich habe als Kulturredakteur bei Tageszeitungen und Magazinen gearbeitet sowie viele Jahre als eigenverantwortlicher, freier Journalist und Buchautor. Mir sind die Probleme vertraut, mit denen sich sowohl die festangestellten als auch die freiberuflichen Kollegen beschäftigen müssen. Meine Aufgabe als Journalist sehe ich auch noch im Rentenalter darin, Mitmenschen, Bürgern, den WIR-Lesern die Welt um uns herum ein wenig näher zu bringen, sie zu informieren über das, was derzeit alle im Lande und unserem Verbreitungsgebiet z.B. in Sachen Corona-Virus beschäftigt.
Besonders gefordert sind dabei die Tageszeitungs-Kollegen, die heute über etwas zu berichten haben, was morgen schon sich ganz anders darstellt oder überholt ist. Sie alle wie wir vom WIR-Magazin sehen die Schwierigkeit, mit etwas umzugehen, über etwas zu berichten, was man nicht sieht, nicht riecht, nicht schmeckt und dennoch allüberall zur Gefahr und weltweiten Bedrohung geworden ist – das Corona-Virus. Fakten und viele, viele zum Teil sich widersprechende Meldungen darüber finden wir tagtäglich in den Medien, hier und da sogar stündlich Veränderungen der Lage auf diversen Websites.

Als Monatsmagazin können (und wollen) wir hierbei in Sachen Aktualität mit den Kollegen vor Ort nicht mithalten. Was unsere Leser durchaus verstehen und auch nicht anders erwarten. Aber auch ich habe über Tage und Wochen hinaus meine Erfahrungen gesammelt und mir meine ganz persönliche Meinung gebildet zur Virus-Ausbreitung und dessen versuchter Eindämmung. Kein Wissenschaftler und kein Volksvertreter kann auf die Frage, wie lange noch diese Corona-Krise andauern wird (Wochen, Monate oder gar mehr?) eine halbwegs seriöse, sprich verlässliche, belastbare Antwort geben. Und genau das ist das Problem, mit dem auch ich zurande kommen muss. Dazu die tagtäglichen „Kurven-Verlaufs“-Diskussionen, die mathematischen Gleichungen mit mehreren Unbekannten nicht unähnlich scheinen und (für mich) bisweilen kaum nachvollziehbar sind.

Ich stelle mir (und sicher auch mancher Leser) Fragen über Fragen: Was verändert Corona in jedem von uns? Was mit unserer Gesellschaft? Was mit unserem gewohnten Zusammenleben? Mit unseren Kindern? Aber auch in den Köpfen von Politikern, Unternehmern, Journalisten usw.?

Natürlich höre ich gelegentlich das Argument, Journalisten wollten immer gleich und hier und jetzt wissen, wie es weitergehen soll, kann, muss, wird. Und so stelle auch ich mir die Frage, ob die, unsere Bewegungs- und Entscheidungsmöglichkeiten drastisch beeinflussenden Maßnahmen (oder genauer: Verbote), die unter dem „Solidaritäts“-Schutzschirm gesehen werden sollen, meine persönliche Freiheit über Gebühr einschränken. Sehe ich die derzeitige Lage zu kritisch, zu pessimistisch, wie meine Frau meint? Wenn sich letztlich alles „zum Guten“ wenden wird, werde ich sicher mit zu den Ersten zählen, die sich darüber freuen. Und schon jetzt freue ich mich auf den Tag, da ich meine Enkelin Sophie wieder sehen und bei meinem Lieblings-Italiener eine Lachs-Pizza bestellen kann.

W. Christian Schmitt
ist Herausgeber und Redakteur des WIR-Magazins;
wcschmitt@wir-in-gg.de

Krise aus erinnerter Perspektive

Von Rainer Beutel

Wie geht es weiter? Antworten sind schwierig. Die Folgen der Pandemie sind allgegenwärtig. Ans Gemüt geht der Verzicht auf Kontakte zu Menschen, die in meinem beruflichen Alltag eine wichtige Rolle einnehmen: Menschen in Vereinen, Parteien, Organisationen und auf der Straße. Menschen, die unser aller Leben prägen und Gesellschaft zu dem machen, was uns etwas wert ist. Dazu geschlossene Geschäfte, verriegelte Museen und das Misstrauen im Großmarkt: Ist der Einkaufswagen sauber? Hat der Kunde direkt nebenan gerade gehustet? Längst nimmt die Krise ungefragt und ungebeten den ersten Rang ein. Emotional, medial, vor allem privat im (telefonischen) Gespräch mit Freunden und Verwandten.

Home-Office? Ist bei mir als selbständiger Journalist seit fast 40 Jahren journalistischer Arbeit normal. Regelmäßiges Händewaschen? Verzicht auf Partys mit vielen Menschen? Gehört zu meinem Leben. Grippale Infekte? Äußerst selten. Corona? Bis jetzt jedenfalls nicht.

Doch offen gesagt, halte ich das aus einer besonderen Perspektive für Jammern auf hohem Niveau. Dieser Eindruck hängt mit einem Telefonat zusammen, das ich mit dem für Nauheim und Königstädten zuständigen katholischen Pfarrer Christof Mulach geführt habe. Ich interviewte ihn zu den ersten spürbaren Folgen der Corona-Krise im Leben seiner Kirchengemeinde. Er schilderte mir die Dialoge mit älteren Katholiken. Sie haben sich mit Tränen in den Augen erinnert, „dass nicht mal im zweiten Weltkrieg die Gottesdienste ausgefallen sind“. Ich finde: Das sind massive Folgen! Nicht das fehlende Toilettenpapier im Supermarktregal.

Nun, es gab und gibt Autoren, die vom „Krieg“ schreiben, vom Krieg gegen das Virus. Doch wer, wie ich, von seinen Eltern erzählt bekam, welche Entbehrungen die Menschen im und nach dem Krieg auf sich nahmen, erlaubt sich selbst in persönlicher Unkenntnis der damaligen Zustände einen Vergleich und kommt womöglich zu Schlüssen, die keineswegs lauten: Alles halb so schlimm. Schon gar nicht angesichts der weltweit erschreckend vielen Toten.

Jedoch halte ich es tatsächlich für übertrieben, über die politisch verhängten und gesundheitlich präventiven Schutzmaßnahmen und Beschränkungen zu lamentieren. Vielmehr beeindrucken mich Menschen, die als systemrelevante Helden des Corona-Alltags gelten.

Oder jene, die Trost und Halt geben, das sind beispielsweise die Pfarrerinnen und Pfarrer. Ein Lob also den vielen, die neben der notwendigen Geduld und dem Verzicht auf Geselligkeit ihren Job verrichten, um anderen, nein: uns allen zu helfen. So schwer finanzielle Einbußen sind, so existenzgefährdend die Lage für nicht wenige zu werden scheint, so einschneidend der hoffentlich bald vorrübergehende Verlust von Freiheitsrechten ist, so stark und ermutigend erscheint mir die Kraft unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts, der sich jetzt auf eine Weise offenbart, die viele vergessen haben oder nie kennenlernten.

Und wenn daraus jeder etwas lernt und versteht, dass gesellschaftliche Integration auch gelingt, wenn es nicht immer um „noch mehr“ geht, kann ich der Krise etwas Positives abgewinnen. Mehr Ruhe, weniger Tempo, Zeit zur Reflexion, Verzicht statt Konsum. Nicht wenigen, die üblicherweise das gesellschaftliche Leben prägen, geht es nach eigenen Aussagen ähnlich. Sagen sie zumindest. Aus dieser Perspektive fällt manches leicht(er).

Rainer Beutel
ist Redakteur beim WIR-Magazin;
rainer.beutel@wir-in-gg.de

Lichtblicke aus der Politik

Von Ulf Krone

Es heißt, in Krisen zeige sich der „wahre Charakter“ eines Menschen. So gesehen können wir uns hierzulande glücklich schätzen, mit Angela Merkel von einer Physikerin, also einer Frau der Wissenschaft, regiert zu werden. Das Entwerfen großer zukunftsweisender Perspektiven ist zwar ihre Sache nicht, was etwa im dilettantischen Vorgehen in Sachen Energiewende, im Verschlafen der Digitalisierung oder in der fortschreitenden sozialen Spaltung der Bevölkerung deutlich zutage tritt. Doch in Krisenzeiten sind ihre ruhige Art, das durch Vernunft und unsere Grundwerte bestimmte Agieren auf Sicht sowie ihre generelle Ablehnung gegenüber jeder Form von Populismus unser größter Trumpf und eine Art Lebensversicherung.
Besonders bemerkenswert ist dabei, dass sich die Politik nicht von den teils wütenden Protesten aus der Wirtschaft hat beirren lassen, von wo die Forderung nach einer viel umfassenderen Öffnung kam. Neben den üblichen Lobbyisten hat sich zuletzt vor allem der so genannte Ethikverband der deutschen Wirtschaft mit einem offenen Brief an die Bundesregierung hervorgetan, in dem von Verhältnismäßigkeit die Rede ist und man sich gar zur Forderung nach einer Risikoabwägung versteigt. Hinter der bewusst verklausulierten Argumentation steckt der Versuch, wirtschaftliche Interessen gegen Menschenleben auszuspielen, was dem Versuch gleichkommt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Dem menschlichen Leben kann nämlich kein wirtschaftlicher Wert zugeordnet werden, wie schon Immanuel Kant wusste. Das Aufwiegen wirtschaftlicher Interessen gegen das Leben und die körperliche Unversehrtheit, die im Grundgesetz unter Artikel 2 jedem einzelnen Menschen garantiert wird, kann durchaus als Endstufe des postmodernen Kapitalismus gesehen werden. Wenn dann noch Forderungen laut werden, die Risikogruppen, also besonders die älteren Menschen über 60 Jahre, quasi „wegzusperren“, damit die weniger gefährdeten, die produktiven Teile der Bevölkerung wirtschaftlich wieder zur Tagesordnung übergehen können, ist der moralische Tiefpunkt endgültig erreicht.

Leider kommt man nicht umhin, auch den politisch Verantwortlichen Heuchelei vorzuwerfen. Sie applaudieren den unbestrittenen Helden dieser Pandemie, den Pflegekräften und Ärzten, den Mitarbeitern der Supermärkte, der Logistikunternehmen und den Polizisten, während jene sich täglich einer potentiell tödlichen Gefahr aussetzen, um das Gesundheitssystem, die Versorgung und die Sicherheit im Land zu gewähren. Das alles tun sie unter schwierigsten Bedingungen, zu denen besonders im Gesundheitssektor mangelnde Ausstattung, mangelndes Personal und vor allem lächerlich niedrige Löhne gehören. Dafür verantwortlich ist die Politik, die zwar vor zehn Jahren den angeblich systemrelevanten Banken Milliarden an Steuergeldern zukommen ließ, jene systemrelevanten Bereiche unserer Gesellschaft aber gleichzeitig durch immer neue Sparmaßnahmen an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. Mir kommt allein der Gedanke, die Gesundheitsversorgung der Menschen in einem reichen Land wie dem unseren müsse privatwirtschaftlich und gewinnorientiert arbeiten, unanständig vor.

Fürs erste müssen wir allerdings froh sein, dass die Politik noch nicht genügend Zeit hatte, unser Gesundheitssystem derart kaputtzusparen wie die unserer Nachbarn in Italien, Spanien, Frankreich und Großbritannien. Wir sollten jedoch alles dafür tun, dass sich dies nach der Corona-Krise nicht fortsetzt.

Ulf Krone
ist Redakteur beim WIR-Magazin;
ulf.krone@wir-in-gg.de

Controlling ist gut – Vertrauen ist besser

Von Michael Schleidt

Nahezu zeitgleich mit dem Erscheinen der März-Ausgabe des WIR-Magazins haben, der weltweiten Corona-Pandemie geschuldet, Einschränkungen und damit Veränderungen unseres Alltags begonnen, an die wir uns noch lange erinnern werden. Das ist nun fast fünf Wochen her, und aktuell erleben wir u.a. mit der schrittweisen Öffnung vieler Geschäfte den fortgesetzten Versuch, unser Leben neu zu organisieren. Das alles ist von der Normalität noch weit entfernt. Die Strategie, mit einem Abflachen der Infektionskurve vor allem die Kapazitäten in den Krankenhäusern im Auge zu behalten, scheint hierzulande aufzugehen – aber sie bedeutet eben auch, dass uns das Virus noch lange Zeit beschäftigen wird.

Tatsächlich hat Corona gerade alles auf den Kopf gestellt, was uns im Leben sicher schien. Plötz­lich sind wir konfrontiert mit grundlegend existenziellen Fragen. Auf einmal reden wir über Tugenden, die nicht mit Geld gewogen werden können und feiern Mitmenschen als Alltags­helden, deren gesellschaftliche Wertschätzung in Zeiten vor Corona, sagen wir, eher bescheiden ausgefallen ist. Berufsgruppen zumeist, die nicht dafür bekannt sind, bei der Maximierung von Gewinnen in der ersten Reihe zu stehen.

Auch wenn niemand die Weltkrise, in der wir uns heute befinden, hätte seriös voraussagen können: Vieles von dem, was uns zuweilen unerwartet ein Problem bereitet, hat sich sich auch schon vor der Pandemie falsch angefühlt. War es wirklich jemals richtig, tatsächlich alles was des Menschen Leben begleitet, ausschließlich und nur noch nach ökonomischen Kriterien zu bewerten? War es nicht schon immer ein Problem, menschliches Handeln, z.B. in der Pflege, nach wirtschaftlichen Maßstäben abzubilden? Können allein ökonomische Modelle eine Gesellschaft, die zumindest vorgibt, sich an kulturellen, ethischen und religiösen Werten zu orientieren, ausreichend darstellen?

Heute wundern wir uns über Mundschutzmasken, die massenweise fehlen in einer Industrienation, die offenbar nicht einmal mehr die Produktions­kapazitäten für die medizinische Grundausstattung hat. Freilich, solche Güter kamen bisher billiger und effektiver aus Fernost. Doch muss nicht diese Art von Kostenoptimierung zwangsläufig zur Entkoppelung und dem Verlust von Qualität führen? Der schon fast fanatisch erscheinende Antrieb, alles immer billiger beschaffen zu wollen, kommt uns heute teuer zu stehen.

Wir alle sind daran beteiligt und mit verantwortlich, dass wirtschaftliches Handeln mehr­heitlich bis heute offenbar nur diesen Weg gegangen ist. Nein – Geiz ist nicht geil und es ­kommt auch nicht nur darauf an, Spass zu haben. Dass Internetkonzerne, auf gute Umsätze bedacht, die Infrastruktur hierzulande gerne nutzen, dafür aber nicht angemessen Steuern zahlen (die wir gerade jetzt so dringend brauchen könnten), ist keine Heldentat des Managements, sondern eine Schieflage, die der kritische Verbraucher nicht hinnehmen und die Poltik nicht länger dulden sollte.

Mehr als sonst lässt uns die Krise spüren, wie wertvoll Engagement vor Ort ist, wie sehr Vertrauen zählt und das, was wir gemeinsam schaffen können, um diese Zeit so gut wie möglich zu bewältigen. Manche Werte ­braucht man eben. Auch dann, vielleicht sogar erst recht, wenn deren Nutzen sich wirtschaftlich nicht rechnen lässt. Ein fairer Umgang miteinander kann gelingen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, damit anzufangen.

Michael Schleidt
ist Herausgeber und Verleger des WIR-Magazins;
michael.schleidt@wir-in-gg.de

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