Können wir uns das leisten?

Von Jörg Cézanne.
Im Mai habe ich mich mit Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus dem Kreis Groß-Gerau und Südhessen getroffen. Was ich dort gehört habe, war alarmierend.
Schon heute warten Menschen vielerorts Monate oder sogar Jahre auf einen Therapieplatz. Besonders dramatisch ist die Lage bei Kindern und Jugendlichen, für die Wartezeiten von anderthalb bis drei Jahren keine Seltenheit mehr sind. Gleichzeitig plant die Bundesregierung mit Änderungen im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz Maßnahmen, die die Situation weiter verschärfen werden.
Die öffentliche Debatte vermittelt derzeit häufig ein verzerrtes Bild. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wird vorgeworfen, sie würden zu wenig arbeiten und hätten in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich von Honorarsteigerungen profitiert. Schaut man genauer hin, ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Die Vergütungssteigerungen der vergangenen Jahre waren vor allem der Versuch, eine jahrzehntelange Benachteiligung gegenüber anderen Facharztgruppen auszugleichen. Trotz dieser Anpassungen gehören Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten noch immer zu den schlechter vergüteten Gruppen im Gesundheitswesen.
Besonders kritisch sehe ich die geplante Rückkehr zur Budgetierung. Vereinfacht gesagt bedeutet sie, dass therapeutische Leistungen nur noch begrenzt vergütet werden. Wer mehr Patientinnen und Patienten behandelt, kann nicht sicher sein, dass diese Leistungen auch vollständig bezahlt werden. Die Folge liegt auf der Hand: Praxen geraten wirtschaftlich unter Druck und Behandlungskapazitäten drohen wegzufallen. Das geschieht ausgerechnet in einem Bereich, in dem die Nachfrage seit Jahren steigt und die Wartelisten ohnehin überfüllt sind. Hinzu kommt, dass die Arbeit von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten häufig missverstanden wird. Therapie besteht nicht aus einer Aneinanderreihung von Gesprächen im Halbstundentakt. Zu jeder Sitzung kommen Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, Abstimmungen mit Schulen, Jugendämtern, Kliniken oder Angehörigen sowie zahlreiche organisatorische Aufgaben hinzu. Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendtherapie ist der Aufwand enorm. Wer behauptet, Therapeutinnen und Therapeuten könnten einfach deutlich mehr Patientinnen und Patienten behandeln, ignoriert die Realität ihrer Arbeit.
Besonders nachdenklich gemacht hat mich die Frage nach den gesellschaftlichen Folgekosten. Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für längere Arbeitsunfähigkeit. Unbehandelte Depressionen, Angststörungen oder Traumata führen zu Krankheitsausfällen, Klinikaufenthalten und nicht selten zu dauerhafter Erwerbsminderung. Gleichzeitig berichten die Therapeutinnen und Therapeuten von Menschen in akuten Krisen, die monatelang auf Hilfe warten müssen. Die ambulante psychotherapeutische Versorgung macht nur einen sehr kleinen Teil der Gesundheitsausgaben aus, verhindert aber enorme Folgekosten.
Deshalb stelle ich die Frage: Können wir es uns wirklich leisten, ausgerechnet hier zu sparen? Aus meiner Sicht lautet die Antwort eindeutig: Nein. Wir können es uns weder menschlich noch wirtschaftlich leisten, Menschen mit psychischen Erkrankungen allein zu lassen. Die Linke fordert deshalb den Ausbau von Kassensitzen, eine bedarfsgerechte Vergütung und die Verhinderung der Budgetierung in der Psychotherapie. Wer heute in psychische Gesundheit investiert, verhindert Leid, stärkt die gesellschaftliche Teilhabe und sorgt dafür, dass Menschen arbeitsfähig bleiben. Psychotherapie ist kein Luxus. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil einer modernen Gesundheitsversorgung – und eine der wirksamsten Präventionsmaßnahmen, die wir für eine gesunde Gesellschaft und einen funktionierenden Arbeitsmarkt haben.

ist Bundestagsabgeordneter für die LINKE;
joerg.cezanne@bundestag.de




