Gastarbeiter Sonderzug

Von Klaus Meinke.
Im vergangenen Jahr 2025 wurde daran erinnert, dass vor 70 Jahren mit dem Gastarbeiterabkommen neue Arbeitskräfte für die Bundesrepublik gewonnen wurden. Der erste Gastarbeiter, den ich sah, war Antonio, der 1957 zufällig am Haus vorbeiging als wir Kaffee tranken, und mein Vater sagte: „Das ist der Italiener Antonio, der war schon in der Praxis bei mir. Er leidet unter der Kälte und Heimweh.“
Elf Jahre später bekam ich im Ferienjob bei der Bahn den Auftrag, einen Liegewagen des „Gastarbeiter-Sonderzugs“ von Stuttgart nach Bari zu betreuen. Da hatte ich zum ersten Mal echten Kontakt zu Gastarbeitern.
Als ich von Frankfurt kommend in den Hauptbahnhof Stuttgart einfuhr, fiel mir schon ein Bahnsteig auf, auf dem eine Unmenge von Menschen herumwimmelte. Der Sonderzug stand schon bereit. „Mein“ Liegewagen war am Ende des Zuges, und ich musste mich durch diese Menschenmenge drängeln, die alle in den Zug wollten oder nur zum Abschied gekommen waren. Ein Abschied der auch mit tatkräftiger Hilfeleistung beim Einladen verbunden war. Denn jeder, der hier mitfahren wollte, hatte mehr als einen Koffer. Abgesehen davon, dass ich Koffer einer Größe sah, die mir unbekannt war. Aber es waren auch kleine Haushaltsgeräte, Kühlschränke, Staubsauger, und das alles gut verpackt. Durch Türen und Fernster wurde es in die Waggons geladen. Der Zug konnte erst mit Verspätung abfahren, weil diese Fülle von Menschen und Gepäck kaum fassbar war. Entsprechend voll waren dann die Abteile, und auf den Gängen war kaum ein Durchkommen. Dabei waren es keineswegs nur D-Zug-Wagen, die eingesetzt waren. Ganz normale Regionalbahnwagen und sogar Wagen der amerikanischen Armee (ja, das gab es tatsächlich!) mit nur einer Toilette, aber dafür auch einer Dusche, waren Teil des Zuges. Der Schaffner brauchte mehr als zwei Stunden, bis er zu meinem Liegewagen am Schluss des Zuges vorgedrungen war, und musste dabei mehrfach durch völlig vollgestellte Gänge klettern.
Natürlich waren auch die Abteile im Liegewagen völlig überfüllt, dafür erwarteten die Fahrgäste auch nicht, dass ich den üblichen Service leiste, also Betten machte. Aber mit großer Freude stellten sie fest, dass sie mit mir reden konnten. Ihr Deutsch und mein Italienisch reichten für lange Gespräche und einige Gläser Wein aus. Wir hatten viel Zeit, denn der Zug musste als Sonderzug immer wieder andere, planmäßige vorbei lassen. Daher dauerte es auch die Nacht und den ganzen nächsten Tag, bis wir endlich in Bari ankamen. Da warteten schon Freunde und Verwandte und erstaunlich schnell war der Zug entladen. Aber die vielen Gespräche und die Freude der Menschen, nach Hause zu kommen und die Familie mit Mitbringseln zu beglücken, sind für mich unvergesslich. Ich hatte Gastarbeiter zu begleiten – kennengelernt habe ich viele freundliche, liebenswerte, lebenslustige Menschen.

ist ehemaliger Stadtverordnetenvorsteher
in Groß-Gerau;
klaus.meinke@t-online.de




