WIR-Titel

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Die mit den Blumen spricht

Tischgespräch: W. Christian Schmitt bei Petra Hard-Dörries

Mit der Reihe „Tischgespräche“ gibt das WIR-Magazin seinen Lesern Gelegenheit, ganz nah am Geschehen mit dabei zu sein. Wir sind jeweils eingeladen von bekannten Personen aus dem Gerauer Land und erfahren, wie sie denken, entscheiden, privat sich darstellen. Diesmal hat uns Petra Hard-Dörries, Floristmeisterin in der Kreisstadt und WIR-Kolumnistin eingeladen.

Mit zehn Jahren konnte sie einen Rasenmäher bedienen, mit elf die Waschmaschine und mit zwölf bereits eine Nähmaschine. Durchaus keine schlechten Voraussetzungen, um später vielleicht einmal, im richtigen Leben also, einen technischen Beruf zu ergreifen. Doch dann kam alles ganz anders: kurze Zeit vor dem Abitur war plötzlich ihre Tochter viel wichtiger als alles andere. Und überhaupt: wie sollte es weitergehen in ihrem jungen Leben, in dem für all die Jugendträume kein Platz mehr schien? Überhaupt für all das, was ihr Opa, von Beruf Schreiner, einst mitgegeben hatte – der Großvater, der seiner Enkelin die Natur erklärte, in dessen Schrebergarten sie sich zu Hause fühlen durfte, der dem Kind von all den Möglichkeiten erzählt hatte, die das Leben zu bieten schien.
So begann diesmal unser Tischgespräch im Darmstädter Stadtteil Bessungen, dem Zuhause von Petra Hard-Dörries, wo sie uns nicht nur mit ihrer Lebensgeschichte, sondern auch mit einer Paella überraschte, wie wir sie in dieser Form nicht erwartet hatten. Wir, das sind unser Fotograf Werner Wabnitz und ich, der Fragensteller.
Was ist das für eine Frau, die – wie wir schon bald erfahren – alles über Blumen zu wissen scheint, die zirka 2.000 Pflanzen bestimmen kann und deren botanische Namen kennt. Die eine geradezu sinnliche Beziehung zu ihrem Beruf hat, zu dem sie jedoch eher auf Umwegen gekommen ist. Denn, so erzählt sie, zunächst wollte sie eigentlich Reisekauffrau werden und hatte die Vorstellung, damit sei sie immer unterwegs von Hotel zu Hotel. Aber so war das natürlich nicht. Also dann vielleicht Krankenschwester oder Sekretärin? Nee, auch das auf keinen Fall.
Doch wie kam sie zu dem, was sie heute als eine Art Berufung versteht – zur wunderbaren Welt der Blumen? Jung und mit Töchterchen war ihr rasch klar, dass es wohl ratsam sei, ganz schnell erwachsen zu werden, um für sich selbst sorgen zu können. Am besten mit einer soliden Ausbildung. Mehr als 80 Bewerbungen verschickte sie, doch „keiner wollte mich“, sagt sie. Bis sie eine Anzeige las, in der stand, hier werde eine Ausbildung zur Floristin angeboten. Und das klappte schließlich. Petra wurde Azubi und die Weichen für die Jahre, die kommen sollten, waren gestellt.
Doch jetzt erst einmal eine kleine Fragen-Pause, denn wir wollen unsere Paella genießen. Von den darin enthaltenen Meeresfrüchten schmecken wir sofort Schwertfisch, Steinbeißer und Oktopus. Lecker. Dann setzt unsere Gastgeberin das Berichtenswerte fort. Eigentlich, erinnert sie sich, sei ihr „das unbändige Bedürfnis, Blumen zu pflücken und in die Vase zu stellen, bereits in die Wiege gelegt worden“. Aha. Also doch so etwas wie Berufung. Sie ist „verliebt in Blumen“, merkt die Floristmeisterin an. Und wir sprechen über ihre Lieblingsblume. Lieblingsblume? „Ich habe viele Lieblingsblumen, das hängt vom jeweiligen Tag ab“. Sie scheint nahezu alles über Blumen zu wissen, wie sie zu behandeln sind, wann sie in der Natur vorkommen, was es für uns bedeutet, wenn sie blühen usw.
„Blumen sind vor dem kulturellen Selbstverständnis zu sehen“, sagt sie, und wir hören ihr aufmerksam zu, als seien wir in einem Hörsaal. Blumen gehören zu unserem Leben. Sie sind mit dabei wenn Feste anstehen – Geburt, Taufe, Konfirmation, Kommunion, Geburtstag, Verlobung, Hochzeit, Beförderung – und wenn der Lebensweg zu Ende ist. Blumen sind „Lebewesen der besonderen Art“. Man kann sie streicheln, mit ihnen sprechen, sie „verstehen“, sich über sie freuen.
Den beruflichen Werdegang, liebe Leser, sparen wir hier an dieser Stelle aus, alles Wichtige ist im Kasten „Zur Person“ zusammengestellt. Aber eines müssen wir noch ansprechen, sage ich zu Petra Hard-Dörries: „Wie läuft das mit Ihren Kunden?“. „Ich bin so etwas wie der Kommunikationsknoten“, sagt sie und meint, über sie könnten Blumenfreunde all das erfahren, was sie wissen wollen. Ein höchst informativer Abend geht zu Ende, mit leckerem Essen und der Gewissheit, wieder einmal etwas dazugelernt zu haben.

Zur Person: Petra Hard-Dörries, 1964 in Hannover-Kleefeld geboren, absolvierte als Schülerin ein dreiwöchiges Betriebspraktikum in einer Gärtnerei, gewann dabei allerdings die Erkenntnis: „Das ist nicht mein Ding, ich mache lieber was mit Kunst, Reisen, Geschichte, Büchern, Menschen“. Nach dem Abitur hätte sie am liebsten Archäologie oder Architektur studiert, aber dann doch eine Ausbildung als Floristin in einem Friedhofs-Blumenladen begonnen. Danach Arbeit in fünf unterschiedlichen Fachgeschäften in Stadt und Land („wobei in jedem Laden ein weiteres Fenster aufging, was mit Floristik möglich ist“.). Schließlich Meisterschule und anschließend zwei Jahre als Dozentin für Floristik in Sachsen-Anhalt. Dort anschließend Ausbilderin und Planungsmanagerin in einem Floristgeschäft mit vier Filialen. Petra Hard-Dörries weiter: „Im Sommer 2008 wird mir schließlich mein jetziger Betrieb zur Übernahme angeboten. Seit 2002 lebe ich mit meinem schwedischen Mann Mika, in einer Patchwork-Beziehung mit vier Kindern, und hier habe ich endlich einen Überzeugungstäter für Emanzipation gefunden“.