Paul McCartneys Wings im Rampenlicht

Von Siggi Liersch.
Es ist die bewegte und bewegende Geschichte (oral history – eine Geschichte in Interviews) eines Superstars auf 549 großformatigen Seiten. Bereits der Untertitel „Die Geschichte einer Band on the Run“ verweist auf erhellende Erläuterungen und außergewöhnliche Erinnerungen, die sowohl von McCartney wie auch von den anderen Bandmitgliedern in einer Art Stimmenzusammenfassung präsentiert werden.
Da werden Filmmitschnitte, Interviews, Reportagen, vielleicht sogar freigegebene Tagebuchaufzeichnungen in Szene gesetzt. Ted Widmer, der auch der Herausgeber dieses höchst informativen Bandes ist, hat diese Stimmen auf eine einzigartige Weise zusammengestellt und lässt damit eine vergangene Ära wiederaufleben.
Als sich die Beatles auflösten, musste Paul McCartney sich neu orientieren. Schon mit 27 hatte er damals längst bewiesen, ein Ausnahmetalent zu sein und es gelang ihm, gemeinsam mit seiner Frau Linda, mit den Wings eine aufsehenerregende Kultband zu gründen, die wichtige Akzente im Soundtrack zwischen 1970 – 1980 lieferte und deren Songs eine ganze Generation prägten. Es wäre unsinnig und nicht fair, Wings auf eine Stufe mit den Beatles stellen zu wollen. Dafür fehlt John Lennon an allen Ecken und Enden, aber wie sich die musikalische Neuerfindung von Paul McCartney abspielte, davon erzählt dieses Buch auf sehr unterhaltsame Art und Weise. Es ist sicherlich auch eine nostalgische Zeitreise in die Welt der 70er Jahre. Von vergleichsweise bescheidenen Anfängen bis zu ihrer Auflösung ein Jahrzehnt später. Die Erzählung beginnt damit, dass ein 27-jähriger Superstar mit seiner Frau auf eine abgelegene Schaffarm in Schottland flieht, um sich dort vor einer Flut von rechtlichen und persönlichen Streitigkeiten zu verstecken. Trotz der widrigen Umstände war es die schottische Umgebung, in der McCartney seine Kreativität wiederentdeckte. Hier entstand seine neue Band. Es folgten unangekündigte Konzerte in Universitätsgebäuden, Fahrten in einem alten Doppeldeckerbus samt ihren Kindern auf Tour durch Europa, das Überleben eines Raubüberfalls auf den Straßen Nigerias und schließlich ihre Welttournee mit Stadionkonzerten im Blockbusterformat, während sie gleichzeitig einige der erfolgreichsten Songs dieser Zeit produzierten. Es ist zwar ein Buch ohne irgendeinen Ansatz von Kritik oder gar Eingehen auf unbewältigte Konflikte, aber das ist hier auch gar nicht die Intention.
Darüber werden sicherlich noch andere schreiben, wenn die Wings zum Gegenstand musikhistorischer Untersuchung geworden sind. In diesem Band erfährt der Leser, der vorzugsweise auch gleich Fan ist, faktisch sehr viel über die Beatles-Folgeband, ihre Besetzung und ihre unerwarteten Erfolge. Zahlreiche Zeitzeugen kommen in transkribierten Interviews zu Wort, außerdem enthält das Buch bislang unbekannte Fotos sowie ausführliche Biographien zu den einzelnen Mitgliedern. Besonders hilfreich ist die Verwendung einer Timeline, mit der die politischen, kulturellen sowie gesellschaftlichen Abläufe dokumentarisch aufgelistet werden. Zeitliche Zuordnungen rücken die Musik in ein besser einzuschätzendes Umfeld. Auch Statistiken über die am besten verkauften Platten eines Jahres sind erhellende Zusatzinformationen. In seinem Vorwort sagt Paul McCartney sehr präzise, wie er alle Menschen auf dieser Welt einschätzt, ungeachtet ihrer Eigenheiten und Eigenarten. Für ihn sind sich die Menschen untereinander sehr ähnlich, da ist das Verbindende, das allgemein Verbindliche wichtig: „Sie sind alle Menschen. Sie kommen gerne zusammen, sie denken gerne an die Liebe. Und je genauer man sich umsieht auf der Welt, desto klarer wird, dass Menschen überall gleich sind. Man denkt vielleicht, in China, in Russland oder in Afrika sind sie anders. Aber das stimmt nicht. Sie sind überall gleich. Wir sind alle einfach nur Menschen, die sich Liebe wünschen. Ich habe immer gehofft, mit Wings etwas von dieser Liebe zurückzugeben, und ich war immer sehr stolz darauf, wenn uns das gelang.“
Paul McCartney, „Wings. Die Geschichte einer Band on the Run“.
Aus dem Englischen von Conny Lösch,
C.H. Beck, 2025, 549 Seiten, 44 Euro.




