Teilzeit ist oft Notwendigkeit

Von Jörg Cezanne.
In der aktuellen politischen Debatte hat eine Aussage aus der CDU für viel Aufsehen gesorgt: Dort wurde von sogenannter „Lifestyle-Teilzeit“ gesprochen. Gemeint war damit die Behauptung, viele Menschen würden freiwillig weniger arbeiten, weil sie sich einen bestimmten Lebensstil leisten wollten – etwa mehr Freizeit oder eine bessere Work-Life-Balance. Diese Darstellung greift jedoch viel zu kurz und verkennt die Lebensrealität vieler Beschäftigter.
Wer sich die Zahlen und die tatsächlichen Gründe für Teilzeitarbeit ansieht, erkennt schnell: Ein Großteil der Menschen arbeitet nicht in Teilzeit, weil sie „Lust darauf“ haben. Viele Eltern – insbesondere Frauen – reduzieren ihre Arbeitszeit, weil Kinderbetreuung weiterhin nicht ausreichend verfügbar ist. Verkürzte Kita-Öffnungszeiten, fehlende Betreuungsplätze oder unzuverlässige Angebote machen eine Vollzeitbeschäftigung oft schlicht unmöglich.
Ein weiterer wichtiger Grund ist die Pflege von Angehörigen. Millionen Menschen in Deutschland kümmern sich um pflegebedürftige Familienmitglieder. Viele von ihnen reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen zeitweise ganz aus dem Beruf aus. Hinzu kommt, dass Beschäftigte, die offiziell als pflegende Angehörige gelten, häufig ohnehin nur bis zu einer bestimmten Wochenarbeitszeit – oft rund 30 Stunden – arbeiten können. Auch gesundheitliche Belastungen, besonders in körperlich anstrengenden Berufen, oder mangelnde flexible Arbeitszeitmodelle spielen eine Rolle.
Wer hier von „Lifestyle“ spricht, verkennt die Realität. Tatsächlich sind die größten Verlierer der Teilzeit diejenigen, die nicht freiwillig weniger arbeiten. Wer seine Arbeitszeit reduzieren muss, verdient weniger Geld, zahlt weniger in die Rentenversicherung ein und ist dadurch stärker von Altersarmut bedroht. Und sollte der Arbeitsplatz verloren gehen, fällt auch das Arbeitslosengeld entsprechend geringer aus. Teilzeit bedeutet für viele also nicht mehr Freiheit – sondern häufig finanzielle Nachteile und Unsicherheit.
Statt Beschäftigten moralische Vorwürfe zu machen, sollte Politik die strukturellen Probleme angehen: mehr und verlässlichere Kinderbetreuung, bessere Unterstützung für pflegende Angehörige und Arbeitsbedingungen, die es ermöglichen, Familie, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren.
Außerdem lohnt ein Blick in die Geschichte der Arbeitswelt. Die Verkürzung der Arbeitszeit war immer ein hart erkämpftes Recht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der Acht-Stunden-Tag, die 40-Stunden-Woche oder tarifliche Arbeitszeitverkürzungen sind Ergebnisse sozialer Kämpfe. Dahinter stand stets eine berechtigte Forderung: Arbeit darf nicht das ganze Leben bestimmen. Menschen haben ein Recht darauf, Beruf, Familie, gesellschaftliches Engagement und Freizeit in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen.
Diese Perspektive sollten wir nicht vergessen. Gute Arbeit bedeutet nicht nur möglichst viele Arbeitsstunden – sondern auch faire Bedingungen, sicheres Einkommen und genügend Zeit für das Leben außerhalb der Arbeit. Dafür setze ich mich im Bundestag weiterhin ein.

ist Bundestagsabgeordneter für die LINKE;
joerg.cezanne@bundestag.de





