Gelebte Literaturgeschichte

Von Siggi Liersch.
Bereits in seinen Memoiren „Verabredung mit Dichtern“ schilderte Michael Krüger eindrucksvoll im allerbesten feuilletonistischen und unterhaltsamen Stil, was er als Verleger, Dichter, Übersetzer und Herausgeber gefördert und vorangebracht hat. Im vorliegenden umfangreichen Band setzt er diese Tradition fort.
Hierbei hält er sich ebenfalls an einen chronologischen Aufbau. Es ist eine große Schar bedeutender Dichterinnen und Dichter, die sich unter seiner Ägide die Klinke in die Hand gaben. Aber das ist nicht weiter verwunderlich, gehört doch der Hanser Verlag seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Verlagshäusern in Deutschland. Die Schreibenden fanden in Michael Krüger nicht nur einen kompetenten Verleger, sondern auch einen verständnisvollen Freund, der selbst das Metier des phantasiereichen Schreibens meisterhaft beherrscht. Hierbei schreibe ich immer bewusst Dichter und nicht Schriftsteller, weil es die Dichtkunst ist, die diesen kenntnisreichen Vermittler der Literatur ausmacht. So hat er sein ganzes Leben mit Dichtern verbracht. Mit siebzig verließ er den Hanser Verlag und ging wohlverdient in Rente. Das war aber nicht der Endpunkt, hat er doch seit diesen gut zehn Jahren Buch um Buch im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Und das ist auch gut so, denn Michael Krüger spielt virtuos auf dem Künstlerklavier der Gedichte, Erzählungen und Erinnerungen. Der Hanser-Zeitschrift Akzente hat er durch sein Engagement eine besondere Note verliehen, der wichtigen österreichischen Literaturzeitschrift Manuskripte war er durch die Freundschaft mit Alfred Kolleritsch, dem legendären Herausgeber, eng verbunden. Mit Klaus Wagenbach gab er im gleichnamigen Berliner Verlag den jährlichen Tintenfisch heraus. Zahllose Lesungen hat er eingeleitet, Vor- und Nachworte geschrieben und mehr als hundert Lob- und Trauerreden sowie Nachrufe verfasst und gehalten. Eine stattliche Auswahl der Texte, die im Verlauf seiner dichterischen Arbeits- und Lebensreise entstanden und von heute aus in einen Zusammenhang gebracht sind, finden sich in „Unter Dichtern“.
So ist dieser Band auch ein Who is who internationaler und deutscher Literatur zwischen 1970 und 2010. Vor dem Lesen eines Buches stelle ich mir immer die Frage, was mir dieses Buch „bringen“ könnte. Michael Krüger beantwortet sie, indem er Folgendes schreibt: „Und dennoch…gibt es Menschen, die ihr ganzes Leben damit verbringen, in dem endlosen Meer der Literatur herumzuschwimmen. Für sie habe ich dieses Buch geschrieben.“ Geschrieben hat es also einer, den man auch getrost als Motor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bezeichnen kann. Es sei darauf hingewiesen, dass Krüger am Ende seines ersten Erinnerungs-Buches „Verabredung mit Dichtern“ in seiner Nachbemerkung schreibt: „Manchmal gehe ich an der langen Reihe der Aktenordner vorbei (…) – und dann nehme ich mir vor, daraus ein weiteres Buch zu machen als Dank für die vielen Freundschaften, die ich mit den Dichtern und ihren Büchern schließen durfte. Es bleibt also noch etwas zu tun.“ Und auch am Ende dieses zweiten kurzweiligen Bandes lesen wir: „Über die vielen Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die in diesen zwei Büchern mit „Begegnungen“ nicht vorgekommen sind, denen ich aber so vieles Schöne verdanke, werde ich, wenn mir die Zeit bleibt, eben noch ein drittes Buch schreiben müssen. Darauf dürfen Sie gespannt sein.“ Darauf sind wir gespannt. Bitte schreiben Sie!
Michael Krüger, Unter Dichtern,
Suhrkamp Verlag, Berlin, 617 S., 34 €

arbeitet als Schriftsteller, Liedermacher und Kritiker in Mörfelden-Walldorf;
siegfried.liersch@gmx.de





