Kadavergehorsam fördert keine Demokratie

Von Siggi Liersch.
Bereits der Untertitel „Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt“ ist Programm, und der Leser weiß, was ihn erwartet oder er ahnt es zumindest. „18 Gefangene“ von Liao Yiwu vermittelt ein Horror-Szenario in diesem so beschriebenen „größten Gefängnis der Welt“.
„18 Gefangene“ vermittelt aber auch eine große Portion an Hoffnung, erzählt es doch nicht nur von ebenso vielen erfolgreichen Biografien oft politischer Häftlinge, sondern auch von der Überwindung staatlicher Repressalien und dirigistischen Einengungen. Es sind Happy-End-Geschichten, denn sie zeigen auf, wie achtzehn Ausbrüche gelingen konnten. Achtzehnmal die Flucht über die Berge oder über das Meer. Nackter Überlebenswille, Freiheitsliebe und eine besondere Erfindungsgabe sind stärker als jede noch so brutale politische Unterdrückung. Aufgeschrieben hat sie Liao Yiwu, dessen Motto „Ein Schriftsteller muss im Gefängnis gewesen sein“ lautet. Er wurde 1958 in der chinesischen Provinz Sichuan geboren. Yiwu ist Dichter und Romanautor und wuchs als Kind in der großen Hungersnot der 60er Jahre auf. Er lebte jahrelang von unterschiedlichsten Tagelöhner-Jobs. 1989 publizierte er das epische Gedicht „Das Massaker“, in dem er das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens, dem Tiananmen-Platz, anprangerte. Dafür saß er vier Jahre im Gefängnis. In „Das Massaker“ gibt es keine chinesische Folklore, es wird nichts romantisiert und die schockierenden Details werden alle benannt und unter die Lupe genommen. Die chinesische Ausgabe seines Romans von „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ wurde sofort nach Erscheinen verboten.

2007 wurde ihm vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum der Preis „Freiheit zum Schreiben“ zuerkannt, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. Seit 2011 lebt er in Deutschland. Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt er 2012. Es sollte aber an dieser Stelle auch daran erinnert werden, dass eigenständige Stimmen nicht nur in der Literatur wichtig sind. In jeder Gesellschaft werden sie in allen Berufen überall gebraucht, auch in einer demokratischen. Gefängnisse spiegeln die Wahrheit einer Gesellschaft wider, indem sie die Kehrseite dieser Medaille zeigen. Und jede Gesellschaft hat fraglos ihre Kehrseiten. Die Eingekerkerten in China erzählen ihre Gegengeschichte, die sie an den Rand der Auslöschung und des Vergessenwerdens brachte. Während seiner Haftzeit sammelte Liao Yiwu ihre Lebensläufe zu einer alternativen Historie Chinas. Mit seiner Form der Dokumentation ähnelt Liao Yiwu dem bedeutenden Romancier Alexander Solschenizyn, der den sowjetischen Horror der Straflager in „Archipel Gulag“ dokumentierte. Mit der Darstellungsschärfe der ungeschönten Realität sind sowohl der „Archipel“ als auch „18 Gefangene“ überaus wichtige Bücher. Schon seit Jahrzehnten werden in China Menschen ins Gefängnis gebracht mit immer denselben Begründungen und Vorwürfen: Volksverrat und Dissidenz. Nun soll Liao Yiwu selbst noch einmal zu Wort kommen: „Weil ich 1989 in der Nacht des Tiananmen-Massakers vom 3. auf den 4. Juni ein Langgedicht mit dem Titel Das Massaker schrieb, kam ich für vier Jahre ins Gefängnis, mein Leben war wie von einem Schwertstreich in ein Davor und ein Danach geteilt. Davor war ich ein anerkannter junger Dichter gewesen, der fasziniert das Reich des Spirituellen erkundete und für Politik nichts übrig hatte; danach war ich ein politischer Gefangener, gehörte zum Bodensatz der Gesellschaft und wurde ein Experte für Gefängniserzählungen. Bis heute werde ich, inzwischen seit Jahren im Exil, von vielen westlichen Lesern als „politischer Gefangenenschriftsteller“, ein Schriftsteller wie Alexander Solschenizyn in der ehemaligen Sowjetunion, gesehen. Im Laufe der Zeit war ich mit mehr als zwanzig zum Tode verurteilten Gefangenen von früh bis spät zusammen gewesen und hatte jedes Mal wieder hilflos dabei zugesehen, wie sie aus der Gefängniszelle gebracht wurden, um erschossen zu werden.“
Liao Yiwu, 18 Gefangene
Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt,
aus dem Chinesischen von Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann,
S. Fischer, 2025, 526 Seiten, 32 Euro

arbeitet als Schriftsteller, Liedermacher und Kritiker in Mörfelden-Walldorf;
siegfried.liersch@gmx.de




