In Geschichten verstrickt

Von Ulf Krone.

„Wir sind der Meinung, daß sich das Menschsein erschöpft im Verstricktsein in Geschichten, daß der Mensch der in Geschichten Verstrickte ist. […] wenn jeder von uns sich nun auf sich selbst besinnt, so finden wir, daß wir von jeher in Geschichten verstrickt sind.

Wir werden dabei vergebens Ausschau halten nach einer ersten Geschichte. Die Geschichten verlieren sich im Horizont. Wir können aber soviel sagen, daß wir uns nur anhand von Geschichten in diesen Horizont hineintasten können. Nur Geschichten können nach rückwärts die Fortsetzung von Geschichten bilden.“ (Wilhelm Schapp)

Der aus Ostfriesland stammende Jurist und Philosoph Wilhelm Schapp gehörte Anfang des 20. Jahrhunderts zum „Göttinger Phänomenologenkreis“ um den berühmten Vordenker der phänomenologischen Strömung Edmund Husserl. Über die streng an der Wahrnehmung orientierte Phänomenologie wuchs Schapp allerdings rasch hinaus und verfasste verschiedene rechtsphilosophische Schriften, bevor er sich nach dem 2. Weltkrieg der Geschichtenphilosophie zuwendete. Vor allem in den drei Werken „In Geschichten verstrickt. Zum Sein vom Mensch und Ding“ (1953), „Philosophie der Geschichten“ (1959) und „Wissen in Geschichten. Zur Metaphysik der Naturwissenschaft“ (1965) entwickelte er sein anthropologisches Konzept des menschlichen In-Geschichten-Verstricktseins. Denn ab unserer Geburt sind wir alle in Geschichten verstrickt, in ein Geschichtenbezugsgewebe, ohne das der Mensch nicht denkbar ist.

Es ist laut Schapp letztlich das Verstricktsein in Geschichten, was uns als Menschen ausmacht, uns definiert, sowohl das menschliche Wesen im allgemeinen als auch jedes einzelne Individuum. Gemeint sind unsere individuellen und jeweils einzigartigen persönlichen Geschichten, nicht jedoch Geschichte. Die setzt sich am Ende aus individuellen Geschichten zusammen, ist aber etwas völlig anderes. Doch unsere Geschichten sind es, die nicht nur uns selbst ausmachen, sondern für uns auch die Welt erzählen, sprich: der Welt, in der wir leben, ein Gesicht geben. Die Geschichten bilden das Bezugssystem, innerhalb dessen wir miteinander kommunizieren können.

Und sie sind miteinander verwoben zu jenem Geschichtenbezugsgewebe, das uns alle umschließt. Geschichten sind quasi das menschliche Medium, so wie das der Fische das Wasser ist. In unserer eigenen Wahrnehmung existieren wir nur innerhalb und durch Geschichten. In meiner eigenen bin ich der Hauptdarsteller, aber ich tauche auch in den Geschichten Anderer auf, und da bin ich ein Nebendarsteller. Denn mit unserer Geburt verstricken wir uns in die Geschichten all jener, die uns begegnen, angefangen mit Hebamme oder Arzt sowie den eigenen Eltern, und sie verstricken sich in unsere noch junge Geschichte. So geht es dann weiter, das gesamte Leben lang.

Alles andere, die unbelebte Welt, materialisiert bei Schapp als Wozudinge in den Geschichten. Die Wozudinge definieren sich über den Nutzen, den wir ihnen zuweisen, wodurch wir unsere Welt gestalten, etwa in Form von Architektur, Straßen, aber auch Produkten aller Art. Das alles ist Teil unserer Geschichten, die ineinander verschlungen sind. Und die Geschichten beeinflussen sich gegenseitig, so dass sich daraus ethische Verantwortung für das eigene Handeln ergibt. Keiner lebt im luftleeren Raum, wir alle sind fortwährend in Geschichten verstrickt.

In Zeiten zahlreicher Kriege, echten auf dem Schlachtfeld als auch wirtschaftlichen und ideologischen, im Zeitalter von Internet, künstlicher Intelligenz und Smartphones wird die Verstrickung aller mit- und untereinander umso deutlicher, das Verstricktsein ins Geschichtenbezugsgewebe. An jeder beliebigen südhessischen Tankstelle verstricke ich mich in die Geschichte des Kapitäns eines Öltankers an der Straße von Hormuz im Persischen Golf. Und in jedem Supermarkt in die Geschichten der westafrikanischen Kinder, die nicht zur Schule gehen, weil sie auf einer Kakaoplantage arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Ohne diese Geschichten verschwände das Menschliche, erst die Geschichten machen Mitgefühl möglich.

Ulf Krone
ist Redakteur beim WIR-Magazin
und studierter Philosoph;
ulf.krone@wir-in-gg.de

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