Biographie für eine Legende

Von Siggi Liersch.

Arno Schmidts Forderung, dass jeder Autor nach seinem Ableben mit einer Biographie gewürdigt werden müsse, hat im Fall von Rolf Dieter Brinkmann ein halbes Jahrhundert lang auf ihre Realisierung warten lassen. Nun legen Michael Töteberg und Alexandra Vasa „Rolf Dieter Brinkmann – eine Biografie“ mit dem Satz des Dichters „Ich gehe in ein anderes Blau“ im Rowohlt Verlag die erste Schau auf das Leben des Dichters vor.

Es ist eine nüchterne, faktenreiche und ungeschminkte Recherche-Arbeit und zeigt Brinkmann mit all seinen unterschiedlichen Facetten, sowohl als einen cholerischen als auch sehr zärtlich seinem Gegenüber zugewandten Menschen. Ob er in seinem Verhalten immer gerecht war, lässt sich anhand der zahlreich aufgeführten Fakten bezweifeln. Er trat wohl öfters wie ein Kotzbrocken auf und war ein berserkerhafter Schreibwütender ohne Maß, der nächtelang auf seiner Schreibmaschine einhämmerte, der als Provokateur  und Rebell und schlichtweg als Enfant terrible in die deutsche Literatur einging. Nie war er handzahm, nie ließ er sich kaufen. Er machte keine Deals und war nicht freundlich und zuvorkommend im gesellschaftlich üblichen Sinn, sondern präsentierte seinen Standpunkt, ungeachtet all der Probleme, die er sich damit einhandelte. Er war ein radikaler und kompromissloser Künstler. Dass damit auch Freunde zu Personen wurden, die lieber Abstand hielten, liegt auf der Hand und lässt sich oftmals im Text nachweisen. Dieses Bild offerieren Töteberg/Vasa in ihrer sehr spannend zu lesenden Arbeit von einem Leben, das an der Armutsgrenze angesiedelt war.

Häufig wurde der Strom abgestellt, Gerichtsvollzieher machten ihre Aufwartung, kein unbeschwertes Dichterleben, die wirtschaftliche Unsicherheit war Brinkmanns ständiger Begleiter. Auf der hinteren Umschlagseite wird mit zwei Schwergewichten deutschsprachiger Gegenwartsliteratur geworben: Mit Heiner Müller „Vielleicht das einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur“ und Peter Handke „Brinkmann weist in die Zukunft“. Brinkmann war kurz vor Erscheinen seines Gedichtbandes „Westwärts 1&2“ am 23.4.1975 nach einer Lesung von einem Auto in London erfasst und getötet worden. Er hatte den Linksverkehr nicht beachtet und wollte gerade zu dem Pub „World’s End“ gehen. Das ist fast schon zuviel legendenhaftes Narrativ, war doch der Lyriker und Museums-Kurator Frank O’Hara einige Jahre zuvor ebenfalls bei einem Verkehrsunfall in New York ums Leben gekommen. Brinkmanns ursprünglicher Stammverlag Kiepenheuer & Witsch hatte die „Lunch Poems“ von O’Hara, von Brinkmann übersetzt und herausgegeben, 1969 publiziert. Michael Töteberg und Alexandra Vasa konnten auf einige Briefwechsel zugreifen, die bisher nicht zugänglich waren. Aus diesen Briefen und weiteren Quellen kreiert das Autoren-Duo ein Bild, das den Dichter auf eine Weise zeigt, wie man ihm bisher nicht begegnet ist. Das Leben Brinkmanns wird grundlegend und materialreich dargestellt. Amerikanische Popliteratur, aber auch sein Ideal des Dichter-Genies beeinflussten ihn, ebenso das schwierige Verhältnis zu seiner Frau und seinem behinderten Sohn. Die Literaturwissenschaftler Michael Töteberg und Alexandra Vasa konnten erstmals Einsicht nehmen in den bislang unter Verschluss gehaltenen Nachlass, unveröffentlichte literarische Werke und Briefe auswerten. Aus Gesprächen mit Zeitzeugen und engen Freunden Brinkmanns entsteht ein sehr plastisches Bild seiner Persönlichkeit.

Michael Töteberg/Alexandra Vasa,
Ich gehe in ein anderes Blau,
Rolf Dieter Brinkmann – eine Biografie
, Rowohlt Verlag, Hamburg 2025,
397 Seiten, 35 Euro

Siggi Liersch
arbeitet als Schriftsteller, Liedermacher und Kritiker;
siegfried.liersch@gmx.de

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