Seelsorge in Notfällen

Von Ulf Krone.
Unglücke in jeder Form, egal ob Unfall oder Verbrechen, sind für alle Beteiligten Ausnahmesituationen. Bei den Betroffenen, etwa Unfallopfern, Zeugen, Angehörigen oder Freunden, kann die Situation zur Traumatisierung führen oder sie zumindest belasten und aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Dann stehen die Notfallseelsorger bereit, um in Krisensituationen emotionale Unterstützung zu geben, bei Todesfällen Angehörigen die schwere Nachricht zu überbringen und ihnen in der ersten Phase der Trauer beizustehen oder die Hilfskräfte vor Ort zu unterstützen.
Im Kreis Groß-Gerau übernehmen die Mitglieder des Vereins Seelsorge in Notfällen (SiN) diese Aufgabe – ehrenamtlich. Die Idee dafür entstand vor 30 Jahren, als 1996 ein Flugzeug, das Touristen aus der Dominikanischen Republik zurück nach Deutschland bringen sollte, kurz nach dem Start in den Atlantik stürzte. Alle 189 Insassen starben, darunter 167 deutsche Staatsbürger. Daraufhin meldete sich Pfarrer Marcus Paul Gärtner bei der Flughafenseelsorge in Frankfurt, um bei der Betreuung der Angehörigen zu helfen.
Im Anschluss entstand gemeinsam mit Dekan Tankred Bühler die Idee einer Seelsorge für seelische Notfälle. Aus einer „Arbeitsgruppe Notfallseelsorge“, die bei den Hilfsorganisationen der Region auf großes Interesse stieß, entstand zwei Jahre später schließlich der Verein, der am 9. Oktober 1998 gegründet wurde. Seither wurde die Abdeckung weiter ausgebaut, und seit 2003 besteht ein 24-Stunden-Dienst als Rufbereitschaft, dessen Dienstpläne vom Verein organisiert werden. Der bildet inzwischen auch selbst Seelsorger aus – neben der Kirche. Die seelsorgerische Arbeit ist dabei konfessionslos – unabhängig von den Kirchen.
Wie genau die Arbeit im Verein aussieht und was es braucht, um sich aktiv zu engagieren, hat WIR-Redakteur Ulf Krone beim langjährigen Vorsitzenden Jörg Brummer nachgefragt.

Seelsorge in Notfällen – was bedeutet das genau? Stellen Sie unseren Lesern den Verein bitte einmal kurz vor!
Jörg Brummer: Das bedeutet, dass wir uns um Menschen kümmern, die kurzfristig in eine seelische Schieflage geraten sind; meistens durch den Verlust eines Angehörigen. Wir fangen die Angehörigen in dieser schwierigen Situation auf und helfen ihnen, über den ersten Schock dieses schlimmen Ereignisses hinweg zu kommen und wieder Entscheidungen treffen zu können. Es müssen andere Familienmitglieder informiert werden, der Bestatter ausgesucht werden, und es müssen evtl. Behördengänge geplant und Arbeitgeber informiert werden, usw.
Wie lange sind Sie schon dabei? Wie sind Sie zum Verein gekommen?
Jörg Brummer: Ich bin jetzt 13 Jahre dabei und habe über die Arbeit dieses Vereins aus einer Anzeige erfahren, in der neue Mitarbeiter gesucht wurden. Diese Mitarbeit passte gut in die Ausbildung, die ich zu der Zeit gerade abgeschlossen hatte.
Wenn sich jemand aktiv bei SiN engagieren möchte, wie geht das vonstatten? Gibt es Voraussetzungen, die man erfüllen muss?
Jörg Brummer: Man sollte eine gewisse Lebenserfahrung mitbringen und die Fähigkeit, Trauer auszuhalten. Dies wird in der Ausbildung geübt und gefördert. Man muss sich jedoch vor der Ausbildung klar machen, dass diese Tätigkeit einiges an Resilienz, Empathie und psychischer Belastbarkeit erfordert. Wichtig zu wissen ist noch, dass wir ein ehrenamtlicher und gemeinnütziger Verein sind.
Wie sieht denn ein typischer Einsatz eines Teams aus?
Jörg Brummer: Die Alarmierung erfolgt über die Leitstelle 112. Von dort erfahren wir die notwendigen Details. Da wir immer zu zweit fahren, findet vorab eine Absprache zum Vorgehen statt. Vor Ort werden wir meistens von den anwesenden Rettungskräften empfangen und eingewiesen. Häufig handelt es sich um noch laufende oder auch beendete Reanimationen. Ebenfalls werden wir von der Polizei beteiligt, wenn es um die Überbringung von Todesnachrichten geht. Wir kümmern uns dann um die Angehörigen, versuchen zu unterstützen und zu beraten. Wenn wir der Meinung sind, dass eine Weiterführung der Betreuung durch Bekannte und Verwandte erfolgen kann, ziehen wir uns in Absprache mit den Angehörigen wieder zurück.
Solch ein Einsatz ist sicher auch für Sie und Ihre Mitstreiter belastend? Wie begegnet man dieser Problematik im Verein?
Jörg Brummer: Ja, auch wir müssen manchmal über die Einsätze sprechen, um eine gewisse seelische Entlastung zu erfahren. Wir führen daher in zeitlichen Abständen Gruppen-Gespräche mit einer Psychologin durch. Auch sind persönliche Beratungen möglich. Es kann schon mal vorkommen, dass sich bestimmte Bilder, Geräusche oder Gerüche festsetzen, die man gern loswerden möchte.
Sie sind nun schon so lange dabei. Woraus ziehen Sie ihre Kraft und die Motivation?
Jörg Brummer: Ich bin privat in der Psychotherapie tätig, habe also viel mit seelischen Problemen zu tun. Ansonsten kommen die Kraft und Motivation aus dem Wunsch heraus, anderen Menschen, denen es gerade nicht gut geht, zu helfen. Wenn man während des Einsatzes das Gefühl hat, dass man durch Gespräche, Zuhören und Beraten helfen konnte, oder vielleicht später ein positives Feedback erhält, ist das eine unbezahlbare Belohnung.





