Integration und Teilhabe für alle

Von Ulf Krone.
Die Behinderten- und Rehabilitations-Sportgemeinschaft Groß-Gerau (BSG) gibt es seit inzwischen 65 Jahren. Ende des Jahres steht nun die Fusion mit dem Sportverein Blau-Gelb Gross-Gerau an – wenn die BSG-Mitglieder im September zustimmen, was aber nur eine Formsache zu sein scheint. Wie sich der Verein vom Versehrtensport zum Behindertensport mit den drei Säulen Breitensport, Leistungssport und Rehasport entwickelte, wie sich die kreisstädtische Haushaltslage auf die Arbeit auswirkt und weshalb die Fusion mit Blau-Gelb die richtige Lösung ist, verraten Cornelia Cezanne (Vorsitzende), Sabine Mücke (stellvertretende Vorsitzende) und Erhard Waletzko (Rechner) aus dem Vorstand im Interview.
Die BSG ist der größte Anbieter von Behinderten- und Rehabilitationssport im Kreis. Stellen Sie den Verein unseren Lesern bitte einmal vor! Was wird angeboten, und an wen richtet sich das Angebot?
Cornelia Cezanne: Die BSG Groß-Gerau wurde 1961 gegründet, damit die Kriegsversehrten auch Ihren Sport so wie vor dem Krieg treiben konnten. Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus dem Versehrtensport der Behindertensport, da die Anzahl der Kriegsversehrten im Verein geringer wurde. Im Laufe der Jahre stiegen die Zahlen der „geistig Behinderten“, die auch außerhalb der Familien am Alltag teilnehmen wollten. Heute besteht der Sportbetrieb der BSG aus drei Säulen: Breitensport, Leistungssport und Rehasport. Die BSG ist zur Zeit der einzige Sportverein im Kreis, der speziell Angebote für Menschen mit Unterstützungsbedarf anbietet. Wir bieten heute unseren Mitgliedern ein vielfältiges Sportangebot an. Von Wassergymnastik, Rückenschule und Herzsport im Breiten- und Reha- Sportbereich geht es beim Kegeln und im Fußball für unsere „geistig Behinderten“ bis in den Leistungssport. Im Kegeln konnten wir schon mehrfach den Deutschen Meister bei den Damen und den Herren stellen. Im Fußball belegen unsere Sportler regelmäßig vordere Plätze bei Turnieren. Ansonsten bieten wir im Breitensport noch eine Wasserspiel- und Schwimm-Gruppe und einen Lauftreff an. Unser Aushängeschild, mit dem wir seit Jahren in die Öffentlichkeit gehen, ist unsere integrative Tanzgruppe In-Takt. In dieser haben Behinderte und Nichtbehinderte Männer und Frauen, Alt und Jung und alle Nationalitäten gemeinsam Spaß beim Tanzen. Unsere Angebote richten sich an jeden, ob mit oder ohne Handicap. Jeder ist willkommen, der Spaß an der Bewegung hat.
Wie geht es der BSG aktuell? Welche Auswirkungen hat die Haushaltslage in der Kreisstadt für den Verein?
Erhard Waletzko: Die BSG kommt finanziell in den letzten Jahren kaum noch über die Runden. Unsere behinderten Mitglieder, die nicht selbständig zu den Sportstunden kommen können, werden von der BSG zum Sport gefahren. Dafür war die BSG bis Herbst 2025 im Besitz von zwei Bussen. Die dadurch entstandenen Kosten (Benzin, Fahrer, Wartung Bus und Leasing-Kosten) haben uns im letzten Jahr unsere finanziellen Grenzen aufgezeigt. Deshalb mussten wir uns Ende des Jahres schweren Herzens von unserem Leasing-Bus trennen. Auch die steigenden Kosten für das Hallenbad und die fehlenden Zuschüsse der Stadt brachten uns immer wieder aus dem Tritt und zwangen uns zum Sparen, wo immer es geht. Resümee: Steigen die Kosten weiterhin an und werden keine Unterstützer gefunden, ist der Sportbetrieb der BSG auf lange Sicht gefährdet.

Und wie sieht es bei den Mitgliedern aus, gibt es genug Aktive?
Sabine Mücke: Die Mitgliederzahlen sind seit Corona leider rückläufig. Unsere Sportstunden sind trotzdem immer noch gut besucht. Unsere Rehasport-Stunden (Wassergymnastik, Rückenschule und Herzsport) sind komplett ausgebucht, so dass wir sogar Teilnehmer vertrösten müssen. Unser Hauptproblem liegt nicht in der Anzahl der aktiv am Sport teilnehmenden Sportler, sondern in der Besetzung der Positionen in den Abteilungsräten und im Vorstand.
Aufgrund der Altersstruktur und dem hohen Anteil an Mitgliedern mit Unterstützungsbedarf, finden sich innerhalb des Vereins immer seltener Personen, die solche Ämter auf lange Sicht bekleiden können und wollen. Zu einem Behindertensportverein kommt man in der Regel erst, wenn man selbst körperliche oder intellektuelle Probleme hat und sich in einem anderen Verein nicht mehr wohl fühlt. Der Name Behindertensport schreckt viele Menschen ab, daher haben wir auf unserer Homepage auch geschrieben: Behindert ist jeder – nur nicht jeder hat eine Anerkennung. Eine Brille, ein Hörgerät, ein Herzschrittmacher oder ein künstliches Gelenk stellen eine gewisse Behinderung dar, aber wir Menschen möchten nicht hören, dass wir behindert sind, weil wir das als Makel ansehen. Eigentlich sollte man sagen: Mit einer Behinderung ist man einzigartig, und so sollte man als Mensch auch sein.
Wie geht es weiter mit der BSG, Stichwort: Fusion?
Cornelia Cezanne: In den vergangenen Jahren wurde es immer schwieriger, alle Positionen in den Abteilungsräten und im Vorstand zu besetzen. So kam die Idee auf, mit einem größeren Sportverein in Groß-Gerau zu fusionieren. Blau-Gelb und BSG saßen seit Jahren Büro an Büro. Dadurch fand immer ein gewisser Austausch statt. Im Sommer letzten Jahres haben wir mit den Gesprächen für eine Fusion begonnen. Die Gespräche verliefen durchweg positiv. Im September werden die BSG-Mitglieder in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung über das Vorhaben abstimmen. Mit Freude sehen wir der geplanten Fusion zum 31.12.2026 entgegen.
Was erhoffen Sie sich davon, und wo sehen Sie den Verein in fünf Jahren?
Erhard Waletzko: Wir erhoffen uns für die Mitglieder der BSG, dass der Sportbetrieb nach der geplanten Fusion und auch in Zukunft mit den bestehenden Angeboten so weitergeführt wird wie heute. Außerdem werden wir durch die Fusion unsere Synergien nutzen, um weitere Sportangebote für unsere Mitglieder zu generieren.
In fünf Jahren erhoffen wir uns, ein Verein zu sein, der die Interessen von Behinderten und Nichtbehinderten Sportlern im Breiten-, Leistungs- und Rehasport ständig vorantreibt und in dem der Spaß immer an erster Stelle steht. Hier steht auch der Inklusionsgedanke im Vordergrund.




