Gewalt ist keine Privatsache

Von Ulf Krone.
1983 ging aus einer Frauengruppe der Verein „Frauen helfen Frauen“ hervor, der als Träger seit Ende 1984 ein Frauenhaus und eine Frauenberatungsstelle in Groß-Gerau betreibt. Im Jahr 2002 kam noch eine weitere Beratungsstelle in Rüsselsheim hinzu. Im kommenden Jahr soll im Nordkreis ein weiteres Frauenhaus eröffnen. Lena Taslaman arbeitet seit 2007 im Verein, anfangs im Frauenhaus, später in der Beratungsstelle, und seit 2023 teilt sie sich mit Yvonne Ederberg die Geschäftsleitung. Im Interview mit WIR-Redakteur Ulf Krone spricht sie über die Arbeit der Beratungsstelle und im Frauenhaus und warum das Thema Gewalt gegen Frauen nach wie vor aktuell und virulent ist.
Den Verein Frauen helfen Frauen gibt es inzwischen seit mehr als vier Jahrzehnten. Worum geht es dabei, und wie sieht die Arbeit des Vereins aus?
Lena Taslaman: Ganz richtig, es gibt unseren Verein inzwischen seit knapp über 40 Jahren, und zu uns gehört auch das Frauenhaus. Wir haben zwei Frauenberatungsstellen, eine in Rüsselsheim und eine in Groß-Gerau.
Das Frauenhaus ist natürlich ein Schutzhaus. Dort können Frauen hinkommen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, flüchten müssen und eine Schutzunterkunft brauchen. Das ist erst einmal ganz klar der Rahmen für das Frauenhaus.
In der Frauenberatungsstelle ist es anders. Dort beraten wir zu den Hauptthemen häusliche Gewalt, Trennung und Scheidung – bei letzteren beiden Themen natürlich auch unabhängig von häuslicher Gewalt und nur für Frauen. Wir beraten aber auch bei Stalking und haben einen Notruf bei Vergewaltigungen. Außerdem beraten wir bei allen Themen, die rund um den Komplex häusliche Gewalt auftauchen. Existenzsichernde Beratung ist beispielsweise mittlerweile ein großer Schwerpunkt.
Die Frauen kommen nicht nur zu uns, und wir beraten, welche Möglichkeiten sie haben. Besonders wichtig ist auch, dass wir bei den Unterlagen für die Behörden, bei der Bürokratie helfen. Das ist häufig ein entscheidender Faktor, der es Frauen leichter macht, den Weg der Trennung zu gehen: zu wissen, sie haben eine feste Stelle, wo sie zum einen über ihre Möglichkeiten beraten werden, zum anderen aber auch unbürokratisch praktische Hilfe erfahren.
Was bedeutet das konkret?
Lena Taslaman: Um einmal ein Beispiel zu geben: Die Polizei hat einen Einsatz. Es gibt häusliche Gewalt. Der Mann wird aus der Wohnung weggewiesen, und die Frau ist erst einmal allein. Dann bekommen wir von der Polizei eine Meldung, woraufhin wir die Frau proaktiv anrufen und Kontakt aufnehmen. Schließlich kommt die Frau zu uns in die Beratungsstelle und erfährt von uns, was sie für Möglichkeiten hat.
Im Anschluss ist es besonders wichtig, dass die Frau weiß, wie sie weiterhin ihre Existenz absichern kann. Denn viele Frauen, die von häuslicher Gewalt bedroht sind, haben häufig kein eigenes Einkommen und manchmal nicht einmal ein eigenes Konto. Dann ist es wichtig, dass sie überhaupt eine Vorstellung davon bekommen, wie es weitergehen kann, eine Perspektive und ganz konkrete Hilfe.

Gewalt gegen Frauen kommt leider nach wie vor in vielen Facetten vor, nicht bloß als offene körperliche Gewalt, die leicht zu benennen ist. Mit welche Formen haben Sie es in der Beratung darüber hinaus zu tun?
Lena Taslaman: Das Erste, an das die Leute immer denken, ist das klassische blaue Auge. Natürlich kommt das auch vor. Wir haben ja auch Frauen in der Beratung sitzen, bei denen man gleich sieht, dass es gerade körperliche Gewalt gegeben hat.
Aber ganz häufig haben wir es auch mit psychischer Gewalt und vor allem ökonomischer Gewalt zu tun. Gerade letztere ist ein Faktor, der von der Gesellschaft immer noch sehr unterschätzt wird. Es ist so wichtig, dass Frauen finanziell unabhängig sind. Und es kann gar nicht unterschätzt werden, was es bedeutet, wenn sie das nicht sind. Es ist so schwierig, überhaupt den Gedanken zu fassen, zu gehen, wenn man mittellos ist. Deshalb ist ökonomische Abhängigkeit ein Thema, mit dem wir sehr häufig zu tun haben.
Welche Rolle spielt heute digitale Gewalt – wie sie aktuell durch den Fall Collien Fernandes in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wurde?
Lena Taslaman: Mit einem Fall wie Colleen Fernandez mit Deepfakes hatten wir noch nicht zu tun. Das ist ja auch noch ein relativ junges Phänomen, das ich aber bei psychischer Gewalt einordnen würde. Was wir kennen, ist, dass die Frauen im Internet, etwa in den sozialen Medien, beleidigt werden und auch Stalking stattfindet. Im Frauenhaus ist es immer ein wichtiger Punkt, zu kontrollieren, ob Handys möglicherweise getrackt werden – oder sogar Autos. Denn das kommt immer wieder vor. Da sind wir dann plötzlich beim Thema digitale Beratung, was wir noch vor zehn Jahren so nicht hatten. Dafür müssen wir die Frauen sensibilisieren, aber auch uns selbst, etwa durch Fortbildungsmaßnahmen. Leider ist Gewalt im digitalen Raum in unserem Strafrecht noch nicht adäquat abgebildet. Das ist auch für uns bei der Beratung schwierig. Deshalb ist es wichtig, präventiv dagegen vorzugehen und die Frauen aufzuklären, dass es solche Stalking-Apps gibt, was manche Frauen nicht auf dem Schirm haben.
Was raten Sie Betroffenen darüber hinaus?
Lena Taslaman: Generell würde ich Betroffenen immer raten, Fachberatungsstellen aufzusuchen, weil da Menschen, in unserem Fall Frauen, mit Erfahrung sind, mit Expertise. Wir arbeiten hier alle lange in dem Bereich, wir kennen uns gut aus und können alle Möglichkeiten aufzeigen. Wir haben eine Schweigepflicht, was Viele gar nicht wissen. Wir sind nicht verpflichtet, dem Jugendamt oder der Polizei etwas weiterzugeben. Natürlich gibt es Fälle, vor allem wenn das Kindeswohl gefährdet ist, die wir eingehender besprechen müssen, um gegebenenfalls das Jugendamt hinzuzuziehen. Grundsätzlich ist jedoch alles vertraulich. Darüber hinaus sind die Beratungsstellen kostenlos und arbeiten parteilich. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn viele Frauen haben den Eindruck, wenn sie irgendwo zu einer Stelle gehen, sie müssten erst mal beweisen, was passiert ist. Wir sind nicht die Polizei, wir sind keine Detektive, wir gehen erst einmal davon aus, dass das, was uns erzählt wird, so passiert ist. Unser Job ist nicht, irgendwie nachzuforschen, sondern wir klären die Frau parteilich über ihre Möglichkeiten auf.

Zur Gründung des Vereins 1983 existierte digitale Gewalt noch gar nicht. Was hat sich sonst noch geändert? Welche Entwicklungen hat es über die vergangenen Jahrzehnte hinsichtlich der Gewalt gegen Frauen gegeben?
Lena Taslaman: Da hat sich schon einiges getan. Gewalt gegen Frauen gibt es leider immer noch, aber man kann durchaus viele Dinge dagegen unternehmen und tun. Zum Beispiel haben Zum Beispiel haben wir seit 2002 das Gewaltschutzgesetz. Vereinfacht kann man sagen: Wer schlägt, der geht! Das ist eine sehr gute und wichtige Schutzmaßnahme, dass man das erste Mal sagt, dass nicht die Frau als Opfer gehen muss, sondern der Täter muss das Umfeld verlassen. So gibt es die Möglichkeit, dass der Mann der Wohnung verwiesen werden kann.
Darüber hinaus ist das Thema Femizid, also der Mord an einer Frau aufgrund des Geschlechts, stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Das wird direkter benannt und auch darüber gesprochen. Es ist inzwischen bekannt, wie viele Femizide es gibt und dass tatsächlich in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau umgebracht wird. Da hat eine Enttabuisierung stattgefunden, die auch Gewalt generell betrifft. Wir haben den Eindruck, dass sich mehr Frauen tatsächlich trauen, darüber zu sprechen.
Die Istanbul-Konvention zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt, die 2018 in Deutschland in Kraft trat, war ein weiterer wichtiger Schritt. Und das Gewalthilfegesetz vom vergangenen Jahr schafft einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder. Nun hat jede Frau ein Recht auf einen Frauenhausplatz und auf Beratung. Dementsprechend muss das dann auch vom Land oder vom Bund finanziell ausgestattet werden, und dann kommen wir hoffentlich auch davon weg, dass Frauenhäuser zum Teil wirklich Klinken putzen und irgendwie um Spenden betteln müssen.
Glücklicherweise sind wir hier im Kreis besser aufgestellt, so dass im Nordkreis im nächsten Jahr ein zweites Frauenhaus eingerichtet werden kann. Da sind wir dann auch der Träger. Dennoch werden Spenden immer gebraucht und kommen direkt im Haus, den Beratungsstellen oder bei den Frauen an.
Gewalt gegen Frauen, aber auch Gewalt generell, ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wo müsste Ihrer Meinung nach angesetzt werden, um Gewalt – besonders häusliche – endlich effektiv einzudämmen?
Lena Taslaman: Also es ist ganz klar ein strukturelles Problem, Gewalt ist keine Privatsache, und als solche sollte sie dann eben auch nicht behandelt werden. Es braucht nach wie vor immer noch unterschiedliche Maßnahmen, die ineinander greifen müssen. Es gibt nicht die eine Stellschraube, an der man dreht, und dann gibt es keine Gewalt mehr an Frauen. Das wird so nicht funktionieren – aber durch verschiedene Maßnahmen.
Zum einen muss das patriarchale System durchbrochen werden, das wäre ganz wichtig. Das fängt schon in den Schulen an. Präventionsarbeit ist wichtig, dass man über Rollenbilder spricht, über weibliche und männliche Rollenbilder, über toxische Männlichkeit. Zwar ist nicht jeder Mann ein Täter, aber fast jeder Täter ist ein Mann, nämlich mehr als 80 Prozent.
Außerdem sollte das Thema häusliche Gewalt stärker in den Schulen thematisiert werden, das passiert immer noch zu wenig. Es geht darum, die Menschen möglichst früh dafür zu sensibilisieren. Institutionen müssen sich besser vernetzen. Polizei und vor allem die Justiz müssen stärker sensibilisiert werden, um Opfer zu schützen, finanzielle Unabhängigkeit muss gefördert und natürlich die Hilfsangebote ausreichend ausgebaut werden.
Frauen helfen Frauen e.V.
info@frauenberatung-gg.de





