Archäologie im Hessischen Ried

Von Ulf Krone.
Dass in der Geschichte des Hessischen Rieds die Römer eine große Rolle spielten, ist inzwischen allgemein bekannt. Doch auch Zeugnisse eisenzeitlicher Siedlungsgeschichte sowie aus dem Mittelalter lassen sich hier in großer Zahl finden und geben Auskunft über das Leben vor und nach den Römern. Die Mitglieder des Vereins terraplana haben es sich zur Aufgabe gemacht, in Abstimmung mit den zuständigen Institutionen auf die Suche zu gehen und die Geschichte der Region durch neue Funde und Erkenntnisse weiter ans Tageslicht zu bringen. Der Vorsitzende Dennis Braks erklärt WIR-Redakteur Ulf Krone im Interview, wie die Arbeit des Vereins konkret aussieht.
Sie sind Vorsitzender des Vereins terraplana. Seit wann gibt es den Verein, und welche Idee steht dahinter? Stellen Sie unseren Lesern terraplana bitte kurz vor!
Dennis Braks: Der Verein terraplana – Gesellschaft für Archäologie im Hessischen Ried wurde 2005 von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Goethe-Universität Frankfurt a.M. um Thomas Maurer und Petra Pettmann gegründet. Zu dieser Zeit war das Hessische Ried Gegenstand eines Forschungsprojektes am dortigen Institut für Archäologische Wissenschaften. terraplana bedeutet auf Latein „flaches Land“ und bezieht sich auf den weitgehend ebenen Charakter des Hessischen Rieds. Ziel war es, archäologisch interessierten Personen und Gruppen eine Plattform zu bieten, sich einzubringen und zu vernetzen. Auch sollen Informationen und Entwicklungen der Archäologie für die Öffentlichkeit vermittelt werden. Heute hat terraplana knapp 80 Mitglieder, und natürlich sind wir immer auf der Suche nach weiteren Aktiven.
Wer kann mitmachen? Braucht es Vorkenntnisse dafür?
Dennis Braks: Bei uns kann jeder mitmachen, der Interesse an der Archäologie im Hessischen Ried hat. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Möglichkeiten sich einzubringen, bestehen bei Feldbegehungen, Mitwirkung an Workshops und Literaturrecherchen. Einige Mitglieder nutzen auch Drohnen für die Luftbildarchäologie.
Wie sieht die Vereinsarbeit konkret aus?
Dennis Braks: Wir treffen uns regelmäßig zu Vorträgen, Museumsbesuchen und Exkursionen mit anschließendem Erfahrungsaustausch in geselliger Runde. Daneben hat sich eine Gruppe von Vereinsmitgliedern gefunden, die gemeinsam Feldbegehungen und geophysikalische Nachforschungen durchführen. Eine weitere Gruppe hat einen experimentalarchäologischen Schwerpunkt. Sie bietet u.a. Töpferkurse an und vertritt unseren Verein bei Veranstaltungen. 2008 und 2009 haben unsere Mitglieder Jörg Lotter und Daniel Usher einen römischen Lastenkahn nachgebaut, der auch heute noch ein begehrtes Ausstellungsobjekt bei Veranstaltungen ist. Ergebnisse unserer Nachforschungen veröffentlichen wir bei Vorträgen und in Beiträgen zum Jahrbuch Hessenarchäologie.
Von welchen Projekten des Vereins können Sie berichten, ohne zu viel preiszugeben und illegale Schatzsucher anzulocken?
Dennis Braks: Aktuell laufen bei terraplana drei Nachforschungsprojekte: Das erste sind Feldbegehungen auf einem römischen Militärlager bei Trebur-Astheim. Damit unterstützen wir ein seit 2023 laufendes DFG-gefördertes Forschungsprojekt zur Geschichte des Landgrabens. Auf Grundlage der von unseren Vereinsmitgliedern gemachten Funde konnte dieses Römerlager in die Zeit des Kaisers Tiberius datiert werden. Unsere Ergebnisse fließen in zwei Doktorarbeiten ein, die jetzt kurz vor ihrem Abschluss stehen.
Unser zweites Projekt ist die Suche nach der um 1500 abgebrochenen Pfarrkirche St. Alban vor den Toren von Trebur. Trebur hatte im Mittelalter drei Kirchen: die heute noch erhaltene Laurentiuskirche, die Marienkapelle und die vor den Toren gelegene Pfarrkirche St. Alban. Aus historischen Quellen kennt man die ungefähre Lage und weiß, dass es mehr als eine kleine Dorfkirche gewesen sein muss. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Heimat und Geschichte Trebur versuchen wir jetzt, diese Kirche durch den Einsatz geophysikalischer Methoden zu finden. Zu diesem Zweck haben wir im Herbst 2025 ein erstes Grundstück prospektiert und wissen jetzt, dass die Kirche dort nicht war. Aktuell planen wir gerade die Fortsetzung der Untersuchungen, um diese Kirche, die für die Ortsgeschichte von Trebur von großer Bedeutung ist, doch noch zu finden.
Das dritte Projekt sind Feldbegehungen auf einer Fundstelle aus der vorrömischen Eisenzeit, das ist die Zeit um 1200 bis 500 v. Chr. Auf einer Fläche von etwa 12 ha findet sich eine erstaunlich große Anzahl von Keramikscherben. Was dort einmal war, ist noch unklar. Derzeit sind wir dabei, die Fundstelle durch weitere Feldbegehungen einzugrenzen und hoffen natürlich auf Funde, die eine Charakterisierung ermöglichen.
Die Durchführung archäologischer Nachforschungen ist aus guten Gründen genehmigungspflichtig. Archäologische Funde sind Zeugnisse unseres gemeinsamen kulturellen Erbes. Sie gehören der Allgemeinheit und nicht in Privatsammlungen oder auf den Schwarzmarkt. Wichtig ist uns daher die Zusammenarbeit mit der Amtsarchäologie. Nachforschungen führen wir nur in Abstimmung und mit Genehmigung der Außenstelle Darmstadt des Landesamtes für Denkmalpflege durch. Etwa zehn terraplana-Mitglieder verfügen über eine eigene Nachforschungsgenehmigung.
Was fasziniert Sie persönlich an der archäologischen Arbeit in der Region, was ist Ihre Motivation?
Dennis Braks: Seit mehr als 7.000 Jahren wird das Hessische Ried kontinuierlich von Menschen besiedelt und gestaltet. Ich finde es faszinierend, dass man auch heute noch Spuren aus allen Epochen finden kann und auch als Laie noch die Chance hat, neue Entdeckungen zu machen, seien es die Pfostenspuren eines steinzeitlichen Langhauses im Luftbild oder eine römische Scherbe auf dem Acker. Wichtig bei alldem ist der Austausch mit Gleichgesinnten und die Zusammenarbeit mit der Amtsarchäologie, damit Entdeckungen auch der Allgemeinheit zugutekommen und unser Verständnis vergangener Zeiten erweitern können.
Foto: Dennis Braks, 1. Vorsitzender von terraplana, vor der Gedenkstätte St. Alban südlich von Trebur, wo die Pfarrkirche nach aktuellen Erkenntnissen auf keinen Fall gestanden hat.




