Demokratie stärken

Von Ulf Krone.

Noch bis kommenden Freitag, 26. Juni, ist die Wanderausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ im Landratsamt zu sehen. Etwa 30 Personen aus Politik und Zivilgesellschaft waren Anfang des Monats zur Eröffnung ins Foyer des Kreishauses gekommen. Dazu eingeladen hatte die Kreisjugendförderung/das Jugendbildungswerk des Kreises Groß-Gerau. Worum es bei der Ausstellung genau geht, an wen sie sich richtet und warum es jeden etwas angeht, unsere Demokratie zu verteidigen und zu stärken, hat WIR-Redakteur Ulf Krone bei Catharina Hangen vom Jugendbildungswerk des Kreises nachgefragt.

Worum geht es bei der Ausstellung konkret?

Catharina Hangen: Die Ausstellung thematisiert anhand von sechs Ausstellungstafeln, interaktiven Elementen und einem Medientisch die Gefahren des Rechtsextremismus, die Ziele sowie die Strategien, die Rechtsextreme anwenden. Sie zeigt aber auch, was eine Demokratie eigentlich bedeutet und welche Vorteile sie für jeden Menschen mitbringt. Sie sensibilisiert insbesondere junge Menschen für demokratisches Engagement und die Auseinandersetzung mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen und Kernelementen unserer Demokratie. Als Kreisjugendförderung/Jugendbildungswerk ermöglichen wir ca. 200 Schülerinnen von elf verschiedenen Schulklassen einen begleiteten Besuch der Ausstellung. 

Rechtsextreme versuchen heute ganz gezielt, schon Kinder und Jugendliche zu beeinflussen und auch in der Schule und im Fußballverein Rassismus und Sexismus zu normalisieren. Wie wird diese Entwicklung bei der Kreisjugendförderung/Jugendbildungswerk wahrgenommen?

Catharina Hangen: Junge Menschen sind für Rechtsextreme interessant, weil sie sich noch in der Findungsphase ihres Lebens befinden, leichter zu beeinflussen sind und sich nach klaren Regeln sehnen. Neben rechtsextremen Symbolen wie Hakenkreuzen an Schulen bemerken wir vermehrt Einstellungen bei jungen Menschen, die die Gleichwertigkeit von Menschen infrage stellen. Menschen werden aufgrund bestimmter Merkmale abgewertet und diskriminiert, insbesondere durch rassistische, antifeministische und queer-feindliche Denkweisen. Eine solche Ideologie der Ungleichwertigkeit von Menschen sowie männliche und nationalistische Überlegenheitsvorstellungen sind Teil rechtsextremer Propaganda. Diese verbreiten sie u.a. in sozialen Netzwerken, die wichtige Räume der Meinungsbildung sind. Junge Menschen nutzen TikTok zum Beispiel oft als Suchmaschine. Ernstgemeinte Fragen, die junge Menschen beschäftigen, werden auf der Plattform sofort politisiert. Sechs von zehn der beliebtesten Politikerinnen auf TikTok sind von der AFD. Bildungseinrichtungen sind hier zu wenig präsent. Private Firmen entziehen sich der Verantwortung, den Content zu regulieren.

Wie muss dem Ihrer Meinung nach entgegengewirkt werden?

Catharina Hangen: Rechtsextremismus reicht von diskriminierenden Aussagen bis zu Gewalttaten und greift damit unsere Demokratie, Freiheit und Menschenwürde an. Die beste präventive Strategie ist die Stärkung der Demokratie. Denn auch wenn es manchmal so scheint: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie muss fortwährend neu gelernt und erarbeitet werden. Dafür braucht es eine qualifizierte Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften, Demokratie- und Menschenrechtsbildung für junge Menschen und eine Stärkung von progressiven, emanzipierten Jugendkulturen. Besonders wichtig sind Beziehungsarbeit und die Ermöglichung von Partizipation junger Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das kann in der offenen Kinder- und Jugendarbeit als demokratisches Lern- und Übungsfeld bereits erfahrbar werden. So können demokratische Haltungen schon in einem jungen Alter gefördert und gefestigt werden.

Außerdem müssen politische Bildung und Medienpädagogik zusammengehen. Bei rechtsextremen Vorfällen ist es wichtig, diese zu melden, z.B. bei der kreiseigenen Meldestelle (www.nora-gg.de), dem Beratungsnetzwerk Hessen oder Response: Hessen schaut hin, und sich dort beraten zu lassen.

Welche Strategie wird bei der Kreisjugendförderung/Jugendbildungswerk verfolgt, um jungen Menschen den Wert unserer Demokratie näherzubringen?

Catharina Hangen: Kinder- und Jugendbeteiligung sowie Demokratie- und Menschenrechtsbildung sind einige unserer Kernaufgaben. Daher bieten wir für junge Menschen zwischen 6 und 26 Jahren u.a. Seminare, Workshops, Bildungsreisen und Freizeiten zu diesen und weiteren Themen an. Die Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmenden werden dabei ernst genommen und fließen in das Angebot ein. Wichtig ist auch die Unterstützung von Initiativen junger Menschen vor Ort, die Durchführung von Modellprojekten und die finanzielle Förderung der Jugendarbeit von Vereinen und Verbänden. Weiterhin qualifiziert die Fachabteilung Fachkräfte, Neben- sowie Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendarbeit und bietet Eltern zu diesen Themen Informationsveranstaltungen an. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt die Kooperation und Vernetzung mit und von verschiedenen Akteurinnen, z.B. durch unsere eigenen Facharbeitskreise zur „Jugendarbeit“, „Partizipation“, „Mädchenarbeit“ etc. Darüber hinaus sind wir als Fachdienst der Kreisverwaltung Teil der Fachgruppe zur Steuerung des kreisweiten „Netzwerks gegen Rechtsextremismus und Rassismus“, in dem zivilgesellschaftliche Initiativen, staatliche Organisationen, politische Mandatsträgerinnen sowie Ehrenamtliche zusammenarbeiten.

Sind schon weitere Veranstaltungen geplant? Wie will der Kreis etwa die Schulen bei ihrer Arbeit für die Demokratie unterstützen?

Catharina Hangen: Wir haben ein umfassendes Jahresprogramm mit unserem Angebotsportfolio und können von Jugendgruppen und Schulen angefragt werden. Eine große Nachfrage gibt es nach unserem Seminar zum Thema „Fake News und Verschwörungserzählungen“. Ein neuer Workshop trägt den Titel „Werde Demokratieverstärker*in!“, bei dem wir uns mit den Mechanismen und Strategien von Populismus und Rechtsextremismus auseinandersetzen und Strategien zur Demokratiestärkung entwickeln. Wir arbeiten außerdem auch zu den Themen Geschlechterrollen und Schönheitsideale sowie Gruppenbildung und Antidiskriminierung. Weitere Akteurinnen des Kreises an Schulen sind u.a. die Schulsozialarbeit und die DEXT-Fachstelle im Büro für Integration.

Allerdings bearbeiten Schulen durchaus auch eigenständig das Themenfeld „Demokratieförderung/Demokratiebildung“, so sind einige Schulen im Kreis z. B. Teil des bundesweiten Netzwerkes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.

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