Die Lage ist angespannt

Von Ulf Krone.
Dem Wald im Kreis geht es nicht gut. Woran das liegt, was man dagegen tun kann und welche Bedeutung der Wald für uns alle hat, hat WIR-Redakteur Ulf Krone beim Vorsitzenden des Kreisverbands Groß-Gerau der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), Christian Kehrenberg, nachgefragt.
Sie sind Vorsitzender des Kreisverbands Groß-Gerau der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) und im Hauptberuf Umweltpädagoge im Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf. Mit all Ihrer Expertise: Wie steht es aktuell um die Wälder der Region, wie geht es der „grünen Lunge“ im Kreis?
Christian Kehrenberg: Hinsichtlich des Waldes ist die Lage in den Wäldern des Rhein-Main-Gebiets und insbesondere im Kreis Groß-Gerau – gelinde gesagt – sehr angespannt. Die Region gehört von vorneherein zu den trockensten und wärmsten Regionen Deutschlands, sodass der Wald hier seit jeher immer wieder mal mit kleineren und größeren Problemen zu kämpfen hat. Nicht umsonst erhält das Rhein-Main-Gebiet schon seit vielen Jahren ein eigenes Kapitel im jährlichen Waldzustandsbericht des Landes. Insbesondere die bereits einsetzenden Veränderungen durch den Klimawandel und ganz besonders die trocken-heißen Jahre 2018-2020 haben dem Wald stark zugesetzt, die Folgen dieser Jahre lassen sich auch heute noch gut im Wald erkennen. Man darf sich bei einem Waldspaziergang dabei nicht davon täuschen lassen, dass es auf Augenhöhe meist sehr grün ist: Ein Blick hinauf in die Kronen bietet oft viel blauen Himmel und nur spärlich belaubte Äste. Die grünen Äste unten sind häufig einfach ein Zeichen dafür, dass der Baum es nicht mehr schafft, das Wasser bis nach oben zu pumpen, und er gleichzeitig einen Sonnenschutz am Stamm benötigt.
Aber auch die Bäume, die die Hitze und Trockenheit etwas besser überstanden haben, sind dennoch stark geschwächt und werden in der Folge leicht von Pilzen oder Insekten befallen und dadurch weiter geschädigt. Faktisch gibt es im Rhein-Main-Gebiet inzwischen kaum noch Baumarten, die gut dastehen und keine Probleme haben.
Wo sehen Sie aktuell, aber auch grundsätzlich, die größten Probleme für die Wälder?
Christian Kehrenberg: Neben den von vorneherein schon schwierigen standörtlichen Rahmenbedingungen kommen noch mehrere menschengemachte Stressfaktoren hinzu. Und auch der Klimawandel schlägt auf vielfältige Weise zu Buche. Bei der Waldverjüngung sind vor allem lange Dürreperioden, insbesondere im Frühjahr, ein großes Problem. Die jungen Bäume, die die neue Waldgeneration bilden sollen, haben nur eine sehr kurze Wurzel und reichen nicht tief ins Erdreich hinein. Wenn ein paar Wochen am Stück nennenswerten Regenfälle ausbleiben und die obersten Dezimeter des Bodens austrocknen, war es das. Das geschieht immer häufiger, und die jungen Bäume haben kaum eine Chance ein tiefreichendes Wurzelwerk, mit dem sie Dürreperioden besser überstehen können, zu etablieren. Dazu kommt eine lange Liste weiterer Probleme, die es immer schwerer machen, überhaupt noch planmäßig Waldbau zu betreiben: Konkurrenz durch invasive Baum- und Pflanzenarten, zu viel Stickstoff, Grundwasserabsenkung, Maikäfer, hohe Wildbestände… Insgesamt lässt sich festhalten, dass unser Wald von sehr vielen Seiten unter Druck steht und das Waldsystem stark ins Wanken geraten ist. Nicht selten können dann kleine Störereignisse alles aus dem Gleichgewicht bringen. Manchmal reichen schon einzelne ausfallende Bäume, und wie bei einer umstürzenden Dominoreihe sorgt eine Kettenreaktion für die Auflösung des ganzen Waldbestands.
Ein weiteres Problem ist der Flächenverbrauch. Für viele Infrastrukturprojekte wie Bahn-, Autobahn- und Flughafenausbau sowie für den Sand- und Kiesabbau wird immer wieder zwangsläufig Wald gerodet. Gleichzeitig ist es extrem schwer, im Ballungsraum Flächen für die rechtlich vorgesehenen Ersatzaufforstungen zu finden. Nicht selten bleibt es dann bei Ausgleichszahlungen oder der Anrechnung von Aufforstungen in anderen Regionen. Das hilft aber weder dem hiesigen Wald noch der örtlichen Bevölkerung, die auf ihren Kaltluftspender und Erholungsraum verzichten muss.

Das Motto auf der Homepage des SDW lautet „Natur bewahren – Wissen vermitteln.“ Was bedeutet das ganz konkret? Wie sieht die Arbeit im Verein aus?
Christian Kehrenberg: Getreu dem Motto „Nur was man kennt, weiß man zu schätzen“ möchten wir den Menschen aufzeigen, welchen Wert der Wald für die Gesellschaft hat und warum es erforderlich ist, ihn zu bewahren. Nur wenn die Menschen erkennen, was ihnen der Wald alles bietet, werden sie sich auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs für ihn einsetzen. Und dabei geht es nicht nur um seine Rolle als Rohstoffquelle und Erholungsraum: Wasserschutz, Bodenschutz, Artenvielfalt, Kohlenstoffspeicher und Lärmschutz sind nur ein paar der Dinge – meistens sogar kostenfrei. Gerade das ist das Problem: Was wir „gratis“ bekommen, nehmen wir oft nicht wahr. Erst wenn der kühlende Wald verschwunden ist und man plötzlich den Lärm der dahinterliegenden Autobahn hört, muss man entweder damit leben oder einen teuren technischen Lärmschutz und eine Klimaanlage für die nächtliche Abkühlung installieren.
Schwerpunktmäßig setzen wir bei der Wissensvermittlung bei den Jüngsten unserer Gesellschaft an: Mit niedrigschwelligen und intuitiven Angeboten lernen Kinder den Wald als „Wohlfühlraum“ mit all seinen Vorteilen kennen. Mit diesem emotionalen Zugang und dem intuitiven Wissen werden diese Menschen später dem Wald bei der Abwägung politischer und wirtschaftlicher Interessen einen gewissen Wert beimessen. Das wirkt natürlich erst auf lange Zeit, darum versuchen wir mit Themenabenden und anderen Informationsveranstaltungen auch an die Erwachsenen heranzukommen.
Wir bringen uns aber auch in Planungen direkt ein: Als anerkannter Naturschutzverband werden wir als „Träger öffentlicher Belange“ behandelt und müssen bei entsprechenden Vorhaben angehört werden. Erfolgreiche Naturschutzarbeit spielt sich nicht nur gut sichtbar mit Werkzeug, Engagement und Muskelkraft in der Landschaft ab, sondern auch unbemerkt am Schreibtisch bei der Sichtung und Kommentierung umfangreicher Planungsunterlagen.

Wie lange gibt es die SDW eigentlich schon? Und welcher Gedanke stand hinter der Gründung?
Christian Kehrenberg: Die SDW gehört zu den ältesten Naturschutzverbänden Deutschlands. Ein wesentlicher Gründungsanlass waren die großflächigen Kahlschläge im Rahmen der Reparationszahlungen nach dem zweiten Weltkrieg. Die SDW hat sich nach ihrer Gründung im Jahr 1947 ganz wesentlich für die notwendigen Aufforstungen eingesetzt. Die großflächige Waldneuanlage war eine gewaltige Leistung, die das Land damals vollbracht hat. Nicht umsonst zierte die „Kulturfrau“ ein halbes Jahrhundert lang die Rückseite des 50-Pfennig-Stücks.
Seitdem hat sich der Aufgabenbereich der SDW etwas erweitert. Der Einsatz für Walderhalt und Waldmehrung sind nach wie vor ein wichtiges Kernelement in der Verbandsarbeit, als neuer Schwerpunkt ist aber die Waldpädagogik hinzugekommen.
Wie kann man sich im Verein engagieren, und wer kann alles mitmachen?
Christian Kehrenberg: Mitmachen kann jeder, der sich für Wald und Umwelt interessiert! Natürlich sind Mitmenschen, die Vorkenntnisse zu den Themen Wald, Naturschutz und Waldpädagogik haben, gerne gesehen, aber auch wer ohne „fachliche Vorbelastung“ mitmachen und sich für den Wald einsetzen will, ist herzlich willkommen. Gerade der Austausch mit Fachfremden ist für uns elementar, da wir so das Gespür dafür behalten, welchen Stellenwert der Wald für den Durchschnittsbürger hat und wo wir ansetzen müssen. Und nicht zuletzt freuen wir uns natürlich auch über Spenden, die es uns ermöglichen unsere waldpädagogischen Angebote in Kitas und Schulen anzubieten. Es ist uns sehr daran gelegen, die Kosten dieser pädagogischen Angebote für die Einrichtungen möglichst gering zu halten, um möglichst alle Volksgruppen zu erreichen.
Sie bringen nicht bloß in ihrem Hauptberuf vielen Kindern und Jugendlichen die heimische Natur und die Wälder näher, auch beim SDW spielt die Arbeit mit den jungen Generationen eine große Rolle. Warum, und weshalb sind Ihrer Meinung nach Kinder und Jugendliche so entscheidend beim Naturschutz?
Christian Kehrenberg: Ein präventiver Schutz der Natur und unserer Umwelt ist immer leichter, kostengünstiger und erfolgversprechender als die Wiederherstellung von Verlorengegangenem. Gerade Ökosysteme lassen sich nur sehr langsam und aufwändig, manchmal sogar gar nicht mehr wiederherstellen. Es ist wichtig, die notwendige Wertschätzung von Grund auf zu verinnerlichen, nur dann können kostenlose und daher oft unbemerkte Ökosystemleistungen in der Abwägung mit harten, klar benennbaren wirtschaftlichen und politischen Interessen mithalten. Diese Wertschätzung müssen die Entscheidungsträger von morgen früh entwickeln. Neben der „frühen Prägung“ gibt es aber noch einen viel wichtigeres Argument:
Schon in den 80‘er Jahren wurde in einem UNO-Bericht festgehalten, dass die Menschheit global vor zahlreichen grundlegenden Herausforderungen und existentiellen Bedrohungen steht – damals Kalter Krieg, nukleare Untergangsszenarien, Umweltzerstörung, der damals vielleicht noch abwendbare Klimawandel, soziale und religiöse Konflikte, ungerechte Wohlstandsverteilung, … In diesem Bericht gab es auch schon die Erkenntnis, dass man theoretisch für all diese Probleme konkrete Lösungen benennen kann, dass es die Gesellschaft aber nicht schafft, die Lösungen in die Realität zu transformieren. Und das bestätigt ein Blick in die heutige Welt: An diesen Herausforderungen hat sich auch nach über 40 Jahren kaum etwas verändert. Es gab in dem Bericht noch eine zweite Erkenntnis: Die alte Generation bekommt es selbst nicht hin das Ruder herumzureißen, also kann sie der neuen Generation auch nicht zeigen, wie sie es „richtig“ machen muss. Wir können der nächsten Generation höchstens ein paar grundlegende Dinge zeigen und ihr helfen, selbst die für sie wichtigen Werte zu erkennen, aber ihren Weg in die hoffentlich bessere Zukunft muss sie für sich eigenständig finden. Das dahinterstehende Konzept nennt sich „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). BNE soll sich nicht nur auf Kinder und Jugendliche beschränken, wenn es aber um die Gestaltung der Zukunft geht, ist es von grundlegender Bedeutung, auch die Bewohner dieser Zukunft in den Fokus zu rücken.





