Do geh‘mer hie!

Von Ulf Krone.
Moderator Christian Döring über die besondere Atmosphäre von „Volk im Schloss“, Georg Büchners Vermächtnis und die Zukunft der Kultur im Gerauer Land „Volk im Schloss“ ist ein Festival, das mit Kultur Menschen zusammenbringt – ohne Eintritt und ohne Berührungsängste. Im Interview mit Ulf Krone spricht Moderator Christian Döring über seine Vorfreude auf das Festival, seine Vorbereitung hinter den Kulissen und darüber, warum Kultur für ihn immer auch ein Stück gelebte Demokratie ist.
Als selbsternannter „Regional-Beauftragter für lokales Feierabend-Kabarett in Südhessen“ warst Du zuletzt auf den Kleinkunst-Bühnen erfolgreich unterwegs, und jetzt bist Du wieder bei Volk im Schloss dabei. Was macht für Dich den Reiz des „Festivals für alle“ in Dornberg aus?
Christian Döring: Ganz klar: die Vielfalt! Im Schloss wird Kultur der unterschiedlichsten Art präsentiert: Akrobatik, Musik-Theater, Punk-Rock und noch viel mehr. Und das faszinierende ist, dass ständig Bewegung ist auf dem Gelände! Dauernd springt der Funke über von Bühne zu Bühne. Und das Ganze: „fer umme“, wie wir Südhessen sagen!!! Ich will es ganz bewusst wiederholen hier: MORDS KULTUR FER UMME!!! Eintritt frei für jede und jeden – wo gibt es das noch? In Zeiten, wo Musik-Fans 200 Euro für ein Ticket ausgeben müssen, um Ihr Idol im Stadion nur mit dem Fernglas sehen zu können – da ist Volk im Schloss doch ein echtes Juwel! Denn hier in Dornberg gibt‘s Künstlerinnen und Künstler zum anfassen. Das Publikum ist ganz nah dran. Und alle – auch diejenigen, die sich überteuerte Konzert-Tickets nicht leisten können – dürfen dank Gratis-Eintritt dabei sein! Wunderbar.
Was erwartet die Besucher von „Volk im Schloss“ in diesem Jahr – und worauf freust Du Dich besonders?
Christian Döring: Die Besucher erwartet ein Kultur-Feuerwerk – ja, es werden drei Tage lang immer wieder neue Raketen gezündet (lacht). Und zwar für alle Generationen. Fangen wir bei den Kids an: da ist „Heavysaurus“ wieder am Start, die Dino-Metal-Band für die ganze Familie. Da ist volles Haus, sorry: volles Schloss schon garantiert. Dazu Kinder-Bespaßung rund um die Uhr. Für Eltern- und Großeltern-Generationen gibt‘s derart viele Hingucker und Hinhörer, dass ich gar nicht alle aufzählen kann: The Robbie Experience zum Beispiel, eine grandiose Robbie-Williams-Tribute-Show. Oder die lokalen Acoustic-Rocker von „The Whitebinders“, oder die achtköpfige Fun-Formation aus Frankfurt „Revolte Tanzbein“, oder die Rock‘n Roller von „Pfund“ – also: es geht richtig ab. Ich selbst freue mich ganz besonders auf die britischen Rock-Folk-Punker von „New Model Army“! Und auf die Kabarett-Ikone Thomas Freitag! Und insgesamt einfach auf diesen Mix aus Theater, Musik, Spaß, Essen, Trinken, Babbeln! Denn man trifft sich einfach ganz locker im Schloss. Die Stammgäste sagen ja nicht umsonst: Do geh‘mer hie!!!

Wie bereitest Du dich auf die Moderation eines solchen Festivals vor?
Christian Döring: Mit Spaß und Fleiß (lacht). Ich suche mir für alle Acts schon früh wichtige Fakten zusammen, aber auch interessante Randgeschichten, telefoniere mit dem einen oder der anderen, tigere an den Festival-Tagen selbst hinter den Kulissen und zwischen den Bühnen umher, um auch ein paar Backstage-Infos parat zu haben. Das Wichtigste aber: ich treffe mich zum regelmässigen Brainstorming mit Jochen Melchior und seinem Team der Kreisverwaltung. Die leisten monatelange grandiose Planung und Organisation – und ich darf ein Teil davon sein. Jochen ist für mich eigentlich „Sir Melchior“ – denn für seine Kreativ-Power, seinen Teamgeist, seine Unermüdlichkeit beim Kümmern um Künstler gehört er als „Schloss-Herr“ schlichtweg geadelt!
Der Eintritt zum Festival ist nach wie vor frei, finanziert wird das Ganze durch die Sponsoren sowie den Verkauf von Speisen und Getränken. In Zeiten wie diesen ist das schon fast revolutionär. Womit wir bei der Büchnerbühne sind. Was hat das alles mit Georg Büchner zu tun?
Christian Döring: Die erste, ganz lapidare Gemeinsamkeit: Büchner und Volk im Schloss gehören zum Landkreis Groß-Gerau. Denn der Schriftsteller ist in Goddelau geboren, also gar nicht so weit von Dornberg entfernt. Und obwohl Büchner schon mit 23 Jahren starb, hinterließ er vielbeachtete Literatur – und vor allem: Haltung! Der rebellische Geist kämpfte nämlich unermüdlich gegen machtbesessene Obrigkeiten und gegen die Unterdrückung des „einfachen Volkes“. Und so soll – das ist die zweite Gemeinsamkeit – in Büchners Geiste das Schloss nicht ein Ort der Wohl- und Machthabenden sein, sondern ein Ort für alle. In seinem Gesellschafts-Drama „Dantons Tod“ ertönt übrigens erstmals der Ruf „Wir sind das Volk“. Der Auftritt der Büchnerbühne wird wieder ein ganz besonderes Highlight!
Projekte wie „Volk im Schloss“ sind nur durch die Zusammenarbeit mit Partnern in den Kommunen und in der Region möglich. Die verheerende Schieflage der öffentlichen Haushalte erschwert die Realisierung zunehmend. Was ist heutzutage eigentlich überhaupt noch umsetzbar, und wie können oder sollten die entstehenden Lücken in der Kulturlandschaft gefüllt werden?
Christian Döring: Ich bin kein Polit-Profi und schon gar kein Haushalts-Experte. Besserwisserei im Umgang mit den oft sehr komplizierten Rahmenbedingungen bei kommunalen Etats ist also fehl am Platz. Was ich mir als Moderator, Kabarettist und Kleinkünstler aber wünsche, ist noch mehr gesellschaftliche Wertschätzung der Kultur. Eine Lobrede ist zwar schnell gehalten, ein Applaus gern gespendet – doch wenn die Spitze des Rotstifts den Kulturschaffenden auf die Brust gesetzt wird, trifft man genau diejenigen, die schon während der Corona-Pandemie die Gekniffenen waren. Also bitte Kultur stärken, nicht schwächen! Ideell und finanziell. Kultur muss genügend Rückhalt bekommen, um frei zu sein – im Spielen, im Sagen, im Denken. Und damit im Verteidigen von Demokratie! Politisch Verantwortliche und Sponsoren können viel dazu beitragen. So wie beim Festival jetzt in Dornberg. Also, sagen wir als Volk: „Do geh‘mer hie!“ Hin ins Schloss Ende August, aber auch sonst das Jahr über hin zu den engagierten Kleinkunst-Bühnen. Kultur tut uns allen gut!





