Wie man sich selbst versorgte

Von Norbert Gröss.

Teil 1: Die Haustierhaltung war für einen großen Teil der Bevölkerung ein lebenswichtiger Faktor  für die Ernährung, besonders in den Jahren von 1943-50. Voraussetzung war, dass man den notwendigen Platz und das Futter für die Haltung hatte und artgerecht mit Tieren umgehen konnte.

Schweine (Seuje): Das junge Schwein wurde im Frühjahr auf dem Gerer-Ferkelmarkt gekauft und über den Sommer auf ein Gewicht von 100-120 Kilogramm gemästet. Die Hausschlachtung mit Metzgermeister im Herbst fand meist in der Waschküche statt und  war oft verbunden mit einem kleinen Schlachtfest. Die Schweinehaltung konnten sich nur Hausbesitzer leisten, die einen eigenen Stall hatten und das notwendige Futter in ihren Gärten oder Feldern selbst anbauen konnten, wie zum Beispiel viele Klein- oder Nebenerwerbsbauern.

Ziegen (Gaase): Ein sehr begehrter Fleisch- und Milchproduzent war in dieser Zeit die Ziege, auch „die Kuh des kleinen Mannes“ genannt. Sie lieferte neben Milch und Butter auch regelmäßig junge Ziegen (kloane Geesjer). Die männlichen Tiere wurden, bis auf wenige Ausnahmen, wenige Wochen nach der Geburt geschlachtet und die weiblichen verkauft, wenn sie nicht für den eigenen Bedarf benötigt wurden. Wenn man keine eigene große Wiese hatte, musste man täglich für Grünfutter sorgen. Selten wurden Ziegen auch als Zugtiere eingesetzt. Wer neben dem Fleisch auch noch Milch haben wollte, musste mit seinen Ziegendamen mindestens zweimal im Jahr die stinkenden Ziegenböcke (Gaasbock) im städtischen Faselstall in der Schützenstraße (Hinnergass) besuchen. Nachdem die künstliche Besamung eingeführt worden war,  wurde der Stall geschlossen. Menschliche und tierische Mitarbeiter wurden entlassen, die alten Gebäude wurden dem Erdboden gleich gemacht. Heute befindet sich an der Stelle das Haus der Diakonie für Wohnungslose und ein Parkplatz. So wurde den Hengsten und Ebern,  Böcken und Deckbullen der Spaß verdorben.

Hauskaninchen (Stallhoas): Diese Haustiere waren in der Haltung nicht so aufwendig wie Schweine und Ziegen. Die zur Aufzucht und Haltung benötigten Hasenställe wurden meist selbst gezimmert. Wir hatten in dieser Zeit ständig vier bis fünf Häsinnen und einen Hasen (Rammler). Durch die kleine eigene Zucht konnten wir junge Hasen für wenig Geld an Nachbarn verkaufen. Bis zur Schlachtreife von drei bis vier Monaten brauchten sie fast täglich frisches Futter. Am Rande der Feldwege auf Wiesen und Feldern fanden wir unter anderem junges Gras, Milchdisteln, Löwenzahn (Grindbisch) und Steinklee. Im Winter bekamen die Kaninchen neben Heu auch Getreide und insbesondere Hafer, den wir vorher von den abgeernteten Feldern gestoppelt hatten. Neben dem Grünfutter waren auch Karotten, Kohl und Salat heiß begehrt. Das alles zu organisieren war für uns drei Jungs in der Familie viel Arbeit und wir mussten auch trockenes Stroh besorgen für das regelmäßige Ausmisten der Ställe. Für viele Familien waren die Stallhasen ein fast lebensnotwendiger Fleischlieferant, denn auf dem freien Markt gab es kaum etwas zu kaufen. Viele Jahre später wurden aus den Fleischlieferanten, durch neue Züchtungen zu kleineren Rassen, lebendige Kuscheltiere, die heute nicht nur bei Kindern sehr beliebt sind.

Hühner (Hingel): Fast jeder Haushalt mit etwas Garten oder einem unbefestigten Hof hatte auch Hühner. Hier genügten für jedes Huhn etwa 1-2 m², und der notwendige Hühnerstall wurde meist selbst gezimmert – mit Nestern für die Eier und Sitzstangen für die Nacht. Wir hatten etwa sechs Hühner (Hingel) und einen Hahn (Giggel) und die Futterbeschaffung war hier sehr viel einfacher. Die Hühner bekamen Körner von Roggen, Weizen und Gerste, die wir auf den abgeernteten Getreidefeldern gestoppelt hatten, und dazu Grünfutter. Besonders beliebt war die Vogelmiere (Meiritsch) und auch Küchenreste, wie gekochte Kartoffelschalen, die mit Kleie vermischt wurden.

Teil 2: Obst, Gemüse, Sauerkraut und Tabak. Der Selbstanbau von Feld- und Gartenfrüchten sowie ihre Veredelung war ein wichtiger Faktor in der Ernährung für einen großen Teil der Bevölkerung,
besonders in den Jahren 1940–1950. Dazu gehörte auch die eigene Herstellung von  Sauerkraut und Tabakwaren.

Obst und Gemüse: Ab dem Spätsommer wurden fast alle Früchte, die man nicht verzehrt hatte, in Rexgläser eingeweckt (konserviert). Das waren u.a. Gurken, Kürbisse (süß und sauer), Birnen, Pfirsiche, Kirschen und Mirabellen. Im Herbst konnte man dann von den städtischen Obstbäumen an den Alleen und von den Streuobstwiesen Äpfel und Birnen zum selbstpflücken ersteigern und einkellern. Kartoffel zur Einkellerung konnte man in dieser Zeit sehr günstig direkt vom Bauern kaufen, der sie auch kostenlos lieferte.

Sauerkraut: Für das Sauerkraut brauchte man Weißkraut. Um es zu verarbeiten, mussten die äußeren Blätter entfernt und anschließend auf einem Gemüsehobel in feine Streifen gehobelt werden. Portionsweise kam es dann zusammen mit Salz in ein dickwandiges Gefäß und wurde mit einem Holzstampfer so lange bearbeitet, bis sich eine Salzlauge bildete. Wenn das Gefäß voll war, wurde es mit einem Tuch abgedeckt, eine Schieferplatte darauf gelegt und mit einem schweren Stein abgedeckt. Nach etwa drei bis vier Wochen war der Gärungsprozess abgeschlossen und man konnte das Sauerkraut bis zu einem halben Jahr genießen.

Tabak: Tabak war ein sowohl knappes, als auch wertvolles Produkt in dieser Zeit und heiß begehrt. Besonders nach dem Krieg in der Besatzungszeit waren amerikanische Zigaretten ein besonders attraktives Tauschobjekt und deshalb viel zu wertvoll, um sie selbst zu rauchen. Aus diesem Grunde wurden auf fast jeder freien Fläche von den Rauchern und auch Nichtrauchern Tabakpflanzen angebaut, die zum Eigenbedarf oder als Tauschobjekt gegen Naturalien verwendet wurden. Im März wurde der Tabaksamen in eine Aufzuchtschale gegeben und auf der Fensterbank zu einer etwa 10 cm Tabakpflanze aufgezogen. Sie war sehr kälteempfindlich und sollte vor den Eisheiligen nicht ins Freie gepflanzt werden.

Bei der Ernte wurden die unteren größeren Blätter abgeschnitten, wenn sie die richtige Größe und Farbe erreicht hatten und schließlich auf Fäden aufgezogen. Sie hingen (baumelten) so lange in der Luft bis sie getrocknet waren. Dafür waren besonders die offenen Scheunen, durch die der Wind blies, geeignet. Deshalb nannte man den so hergestellten Tabak auch „Scheuerbambler“. Nach dem Trocknen wurde er in einer Lauge gebeizt und feucht auf einer geliehenen Tabakmaschine, die man individuell in der Stärke (Grob und Feinschnitt) verändern konnte, von Hand oder elektrisch in schmale Streifen geschnitten. Der in der Scheune getrocknete Tabak wurde als Grobschnitt in der Pfeife geraucht. Aus dem Feinschnitt drehte man sich mit der Hand oder einem kleinen Gerät, das meist aus Blech war, seine Zigaretten. Damals wurde sehr viel geraucht, bestimmt von 80 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen. In dieser Zeit hatte man wenig Abwechslung, weshalb der Genuss von Tabak in jeder Form ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität der Menschen war. Die starken Raucher erkannte man nicht am Husten, sondern ihren gelben bis braunen Fingern in der sie die Zigaretten hielten.

Norbert Gröss
hat in seinem Buch „Es begann 1936“ seine persönlichen Erinnerungen zur Entwicklung der Kreisstadt aufgeschrieben und Bilder gesammelt.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert