Bruchstücke – Schädlichs Erinnerungsbuch

Von Siggi Liersch.
Bereits dem Debüt „Versuchte Nähe“ von Hans Joachim Schädlich im Jahr 1977 zollte Günter Grass höchstes Lob. Er war von der hohen Qualität der Texte überzeugt: „Seit Uwe Johnsons erstem Buch sind nicht mehr so eindringlich, aus der Sache heraus, die Wirklichkeiten der DDR angenommen und auf literarisches Niveau umgesetzt worden.“
Dieser Satz mutet wie aus einer fremden, unbekannten Welt an, denn dreizehn Jahre später gab es diesen Staat DDR nicht mehr, verschwunden wie ein repressiver Spuk ist er allerdings noch lange nicht! Und die Verklärung feiert aufgrund der Relativierungen schon seit längerem fröhliche Urstände. Ganz anders Hans Joachim Schädlich. In verknappten Prosapassagen erzählt er aus seiner Zeit in der DDR, wo er immerhin vierzig Jahre lang lebte und das Stasi-Regime aus nächster Nähe kennenlernte. Nostalgie ist die Sache von ihm nicht! Er spricht auch von den seiner Meinung nach gefährlichen, weil verharmlosenden Interpretationen, die sich in den anschließenden Jahrzehnten immer wieder einstellten. Unwillkürlich wird man daran erinnert, dass man heutzutage verstärkt auch beängstigend relativierende Aussagen hört, wenn man auf die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu sprechen kommt: „Es war ja nicht alles schlecht, was die Nazis gemacht haben,“ und dann werden die Autobahnen erwähnt und die Türen, die nicht abgeschlossen werden mussten und das Mütterkreuz, das die eine oder andere Vorzeigemutter sogar aus der Hand des Führers erhielt. Sorgfältig vermieden und teilweise sogar geleugnet werden dabei Begriffe wie Rassentheorie, Verfolgung, KZ, Vergasung, Ausplündern der jüdischen Mitmenschen, Gräueltaten, die einen abendfüllenden Horrorfilm ergeben, und schließlich der zweite Weltkrieg, der etwa fünfzig Millionen Tote erbrachte.
Um eins klarzustellen: Die DDR war nicht deckungsgleich mit dem Nazi-Staat, aber sie hatte im Verfolgen, Kaltstellen und Ausschalten wirkungsmächtige Methoden, aufbegehrende Geister in die Schranken zu weisen. Und da gibt es nichts groß zu verhandeln oder gar beiseitezuschieben. Schädlich macht das nie in seinen kleinen wie hingetuschten Prosastückchen, in denen er aus seinem Leben erzählt. Im Zentrum der „Bruchstücke“ stehen Begegnungen mit Weggefährten und Verlegern, aber auch mit Wissenschaftlern und Personen der Zeitgeschichte. Berühmtheiten wie Max Frisch, Sarah Kirsch, Stefan Heym und Günter Grass erhalten ihre verdienten Erwähnungen. Aber wenn man Schädlichs Buch genauer liest, stößt man auf Namen, die mindestens genauso wichtig wie die erwähnten sind: Nicolas Born, Jürgen Fuchs sowie die Sprachwissenschaftler Roman Jakobson und Wolfgang Steinitz. Im Buch gibt es eine aussagekräftige Glosse zur DDR und zu den beiden Letztgenannten. Jakobson hatte 1941 eine Professur an der Columbia University angeboten bekommen, Steinitz kehrte 1946 in die Sowjetische Besatzungszone zurück und wurde Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften in Ostberlin. Jakobson besuchte Steinitz und beide wollten im Dämeritzsee schwimmen gehen. Bei Schädlich heißt es lakonisch: „…, als ihnen das Wasser schon bis zu den Knien reichte, blieben sie stehen und redeten miteinander. Jetzt waren sie sicher. Niemand konnte ihr Gespräch hören.“
Hans Joachim Schädlich, Bruchstücke
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025, 191 Seiten, 24 Euro




